Wahlveranstaltung der Freien Wähler - Digital über „Regionalität und Landwirtschaft“ diskutiert Produzent ist eine Art „Restgeldempfänger“

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hpw
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Main-Tauber-Kreis. Die Freien Wähler Baden-Württemberg veranstalteten mit Stefan Grimm, der für diese bei der Landtagswahl für den Wahlkreis Main-Tauber kandidiert, eine virtuelle Podiumsdiskussion zum Thema „Regionalität und Landwirtschaft“. Experten beleuchteten gut eine Stunde lang die aktuelle Situation und zeigten Handlungsmöglichkeiten auf. Mit dabei war auch Klaus Wirthwein, Landesvorsitzender der Freien Wähler Baden-Württemberg.

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Das Videomeeting stand allen Interessierten offen. In der Spitze verfolgten knapp über 50 Interessierte das von Christoph Hollender, Landespressesprecher der Freien Wähler in Bayern, geleitete Gespräch. Abschließend wurden Fragen aus dem Live-Chat beantwortet.

Hollender erklärte eingangs, man wolle auch über die Schattenseiten von Importen, Preisdumping und von fehlender Konkurrenzfähigkeit sprechen. Klaus Wirthwein betonte, die Region als solche sei in der Lage, günstig zu produzieren. Es könne nicht sein, dass Ware um die halbe Welt gekarrt werde, um dann zu billigeren Preisen angeboten zu werden.

Leidtragender sei nicht der Verbraucher, so Wirthwein, sondern der Landwirt vor Ort. Es müsse ein Riegel vorgeschoben werden dort, wo der Wert des Produktes sich nur durch die Logistik erschließe. Man wolle das Problem vor Ort und im Land mit einem „Fair Trade“ angehen. Eine der Leitlinien der Freien Wähler sei „ein starkes Europa aus starken Regionen“ und nicht aus kranken Regionen.

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Dr. Leopold Herz, Vorsitzender des Agrarausschusses der Freien Wähler in Bayern, beleuchtete das Problem, dass entgegen dem Lebensmitteleinzelhandel und den Verarbeitern der Landwirt als Produzent eine Art „Restgeldempfänger“ sei. Bekanntermaßen habe Deutschland das niedrigste Lebensmittelpreisniveau in Europa. Berechnungen besagten, dass ein kostendeckender Milchpreis um die 50 Cent pro Liter betrage, aktuell liege dieser zwischen 30 und 33 Cent.

Oliver Fischer von der Rewe Oliver Fischer oHG Bodolz, sah den Trend, dass die Leute wissen wollen, woher die Ware komme. Der Kunde honoriere dies ebenso wie das Wissen, die Ware sei ordentlich produziert. Was regionale Produkte angehe, so gebe es bei Obst und Gemüse eben nicht das ganze Jahr alles.

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Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Reichenau-Gemüse eG, erachtete zwei Aspekte als wichtig: Einer sind faire Handelspraktiken. Es gebe ein Ungleichgewicht zwischen ein paar Handelspartnern als Einkäufer und einer Vielzahl von Erzeugern. Deshalb sei es gut, dass die Politik zumindest in groben Zügen Rahmenbedingungen gebe, die einen fairen Wettbewerb überhaupt zuließen. Der zweite Aspekt sei, dass es eine Marktwirtschaft gebe. Das könne nicht wegdiskutiert werden. Man versuche, das Thema mit Kooperationen gemeinsam zu bespielen. Dies biete für beide Seiten Vorteile, auch für den Händler. Regionale Ware werde gesucht, der Verbraucher sei bereit, etwas mehr zu bezahlen. Bliestle hielt es für einen wichtigen Ansatz, dass der Handel gefordert sei, von Preisschlachten wegzukommen und mehr Wert auf andere Dinge zu legen.

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Hans Bartelme, Vorstand des Landesverbands Naturland Baden-Württemberg, meinte, man könne nicht sagen, ein Produkt müsse fünf Prozent teurer sein, um eine gewisse Qualität zu erreichen oder für die Umwelt Nutzen zu bringen. Da müssten andere Wirkmechanismen her. Allerdings seien gewisse Mindestpreise nötig, um einen Betrieb gut weiterführen zu können. Das Betriebesterben sei auch in Baden-Württemberg ein Thema. Größere Betriebe würden immer unflexibler, weil sie noch abhängiger vom Abnehmer seien.

Wirthwein stellte zum Pflanzenschutz fest, die Politik müsse ihren Teil dort beitragen, wo jemand ökologisch anbaue oder in seiner Fläche vernünftig ackere und dieser einen finanziellen Anreiz bekomme. Dass große Subventionen in große Mast- und Schlachtbetriebe geflossen seien, „das war genau der falsche Weg. Da müssen wir von abkommen.“

Bliestle unterstrich, er folge gerne dem Ansatz sich als Team zu verstehen bei dem Versuch, den Markt zu bearbeiten. Herz sah es als Aufgabe der Politik, Praktiker und damit neu-es Denken in die Parlamente zu bekommen. Bartelme glaubte nicht, dass Deutschland dazu bestimmt sei, Fleisch zu exportieren. Er sehe bei den Themen „Regionalität und Landwirtschaft“ viele Möglichkeiten der Aufklärung und der Bildung, die auch durch die Politik gefördert werden könnten. Bliestle sprach das Problem in der Kommunikation an, denn immer mehr Leute lebten weit weg von der Landwirtschaft.

Die Menschen müssten wieder verstärkt auf die Landwirtschaft sowie auf deren Probleme und Herausforderungen aufmerksam gemacht werden, so Bliestle. Das fange in der Schule an. Fischer stellte heraus, der Wert eines Lebensmittels müsse wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Wirthwein sagte, Politik solle nicht mehr als bisher regulieren und dürfe nicht die falschen Anreize bringen. Er befürworte die Richtung „vom Großen weg in das Dezentrale und in den kleineren Betrieb“. hpw