Positiv und radikal

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Mit einer positiv radikalen Aufforderung werden wir zu Beginn der Fastenzeit konfrontiert. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“, verlangt Jesus von seinen Zuhörern am Beginn seines öffentlichen Auftretens. So berichtet der Evangelist Markus, von dem wir am 1. Fastensonntag hören. Mit diesem Aufruf ist alles Wesentliche über Jesu Botschaft gesagt. Sie ist eine positive und sie ist radikal. Das altgriechische „ev“ bedeutet „gut“ und umkehren klingt nach radikaler Wende.

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Jesus verkündet ein „Leben in Fülle“, spricht von der Befreiung des Menschen in einer Zeit, in der die Menschen in bitteren Verhältnissen lebten, es wenig Anlass zur Hoffnung gab, das Volk gespalten war und das Establishment seine Macht ausspielte. Seine Ankündigung versteht er aber nicht nur irgendwie geistig-innerlich, sondern durchaus konkret. Dazu gehört für ihn das Ende von materieller Not, die Befreiung von sozialer Diskriminierung, die Beseitigung demütigender Herrschaftsverhältnisse und die Förderung des Friedens. Dem negativen Zeitgeist erteilt er damit eine Abfuhr. Es geht ihm aber nicht um „gute Stimmung machen“, sondern er verlangt auch tatkräftigen Einsatz. So redet er nicht nur von einer besseren Welt, sondern handelt danach, indem er sich konsequent den körperlich Kranken, den innerlich Schwachen, den materiell Bedürftigen sowie den sozial Deklassierten zuwendet und ihnen eine Zukunftsperspektive eröffnet. Nicht wenige beeindruckt das Reden und Handeln Jesu. Es verändert diese dann tatsächlich positiv und setzt bei ihnen enorme Kräfte frei.

In dem Sinne sind Jesu Lehre und Wirken wahrlich positiv. Gleichzeitig ist Jesus aber auch radikal. Denn das Kommen des Reiches Gottes verlangt Kompromisslosigkeit. Es ist kein zerstörerischer, sondern ein positiver Radikalismus, der sich auf die Wurzeln, das Wesentliche rückbesinnt. So warnt er die Schriftgelehrten und Pharisäer, die auf die strikte Einhaltung der jüdischen Gesetze pochen. Sie machen es zur Quelle von Unmenschlichkeit, lassen aber das Wichtigste im Gesetz außer Acht, nämlich Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Gleichzeitig prangert Jesus deren Scheinheiligkeit an und verlangt von ihnen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.

Noch aggressiver tritt er im Tempel auf, der zu einem Ort der Eigeninteressen der Etablierten und der religiös-wirtschaftlichen Korruption verkommen war, und führt ihn wieder dem eigentlichen Zweck zu: der Gottesbegegnung. Diese zeigt sich nach Jesus in der Annahme der Ausgeschlossenen. Bei Matthäus endet dann auch die Tempelreinigung mit Heilungen. – Geradezu revolutionär wird Jesus mit dem Gebot der Nächstenliebe. Auch wenn uns das heute nicht mehr so vorkommen mag, so ist dieses doch eine enorme Herausforderung, wenn man es wirklich ernst nimmt.

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Positives und radikales Christsein bedeutet demnach: Nicht das Ende aller Dinge predigen, sondern die Hoffnung stärken und Licht in der Welt sein. Nicht wie ein Pharisäer reden, sondern sich selbst auf Herz und Nieren prüfen und den Balken im eigenen Auge sehen. Nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern Stachel im Fleisch sein und die Wurzeln des Übels aufdecken. Nicht die Hände in den Schoss legen, sondern Himmel und Erde in Bewegung setzen und die unter die Räuber Gefallenen stützen.

Andreas Steffel, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung, Dekanat Mergentheim