Fleischerbeschulung im Main-Tauber-Kreis - Offener Brief an die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann / Weiter warten auf persönliche Nachricht der Politikerin Offener Brief: „Sie befeuern Rückgang der Ausbildungszahlen“

Das beschlossene Ende der Fleischerklasse an der Gewerblichen Schule Bad Mergentheim sorgt weiter für großes Unverständnis. Jetzt gibt es einen offenen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann.

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Im Landkreis ist der Ärger über die Entscheidung der Landesregierung weiterhin groß, die Fleischerklasse an der Gewerblichen Schule in Bad Mergentheim zu schließen. Jetzt gibt es einen offenen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann. © DPA

Main-Tauber-Kreis. Im Landkreis ist der Ärger weiterhin groß über die Entscheidung der Landesregierung, die Fleischerklasse dichtzumachen. Für Michael Szabo (Kreishandwerksmeister), Jürgen Sendelbach (Obermeister der Fleischer- und Bäckerinnung), Angelika Gold, Geschäftsführerin Kreishandwerkerschaft), Florian Morschheuser (Metzgermeister) und Manfred Silberzahn (Technischer Oberlehrer i. R.) ein triftiger Grund, sich an die Kultusministerin zu wenden. Hier das Schreiben im Wortlaut:

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„Sehr geehrte Frau Dr. Susanne Eisenmann, wir erinnern Sie mit diesem Schreiben an unser Zusammentreffen vom 14. Oktober 2020 vor dem Landtagsgebäude. Unsere Delegation, bestehend aus Michael Szabo, Kreishandwerksmeister, und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, Florian Morschheuser, selbständiger Metzgermeister, sowie Manfred Silberzahn, ehemals Technischer Oberlehrer. Wir hatten uns auf den Weg gemacht, um Ihnen die Sorgen und Nöte der Bevölkerung des Main-Tauber-Kreises hinsichtlich der künftigen Versorgung mit handwerklich hergestellten Produkten des Fleischerhandwerkes näher zu bringen. In unserem Reisegepäck befanden sich 3963 Unterschriften, die unsere Forderung nach einem dauerhaften Erhalt der Fleischerbeschulung in Bad Mergentheim untermauern sollten.

Die Fahrt zu Ihnen nach Stuttgart stellte den Höhepunkt monatelanger Aktivitäten dar, um unter Mithilfe der Bevölkerung das scheinbar Unmögliche noch zu erreichen. Unserer Befürchtung, wonach der Ausbildungszweig der Bäcker, ohne die Auszubildenden des Bereiches Fleisch, auch keine Zukunft hat, blieb leider unwidersprochen. Mehr noch, Sie haben ungerührt zugestimmt. Wohlwissend, dass damit die Beruflichen Schulen im Main-Tauber-Kreis gänzlich ohne den Bereich Nahrung dastehen. Mit seiner Nord-Süd-Ausdehnung von über 100 Kilometern zählt er zu den größten in Baden-Württemberg.

Angesichts Ihrer sicherlich knapp bemessenen Zeit freuten wir uns damals über die große Ehre, die uns durch den Empfang zuteilwurde. Enttäuscht waren wir zugegebenermaßen über den etwas unpersönlichen Empfang vor dem Landtagsgebäude. Schließlich waren zu dieser Zeit, die durch Corona bedingten Einschränkungen noch relativ gering gehalten. Zudem fand an diesem Tag eine Landtagssitzung statt. Gut, der Besuch der Landtagskantine wurde uns ermöglicht, dort konnten wir uns anschließend ein bisschen aufwärmen.

Mehr oder weniger ungebeten

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Wir betrachteten uns angesichts dieser Tatsachen, als mehr oder weniger ungebetene Gäste, die man schnell wieder loswerden will. Auch mit Ihren Worten hatten Sie uns wenig Hoffnung auf einen positiven Ausgang unseres Unterfangens auf die Heimreise mitgegeben. Weder die jahrhundertealte Tradition der Ausbildung bei den ortsansässigen Handwerksbetrieben, noch die Resolution des Kreistages hinsichtlich dem Wunsch einer dauerhaften Einrichtung der Beschulung der Fleischer konnten Sie von Ihrem bisher eingeschlagenen Weg abbringen.

Dieser stellt sich den Betroffenen im Main-Tauber-Kreis als Coup zwischen Ihrem Haus und dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz dar. Naturgemäß ist Minister Peter Hauk dem Neckar-Odenwald-Kreis, als seinem Wahlkreis, mehr zugetan als dem Main-Tauber-Kreis. Die Auszubildenden aus dem Main-Kreis-Kreis ,stärken’ nun also den Schulstandort Buchen, der bekanntermaßen selbst einmal zur Disposition stand. Zu schade, dass unser oberster Vertreter im Landesparlament solch tatkräftige Unterstützung vermissen lässt. Sollten wir dem Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion hier Unrecht tun, liegt es daran, dass er dies bisher gut zu verbergen wurste.

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Einzig das Versprechen, unser Anliegen nochmals zu prüfen, kam über Ihre Lippen. Wieder bestätigte sich also, dass solche Floskeln erfahrungsgemäß einer Absage gleichkommen.

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Die Frage nach den aktuellen Schülerzahlen 20/21, die solch weitreichenden Entscheidungen begründen würden, ist bis heute unbeantwortet. Nach unbestätigten Informationen stellen diese ein besseres Bild als in den vergangenen Jahren dar. Wir hatten durchaus Hoffnung auf Rücknahme der Neuregelung im laufenden Schuljahr. Die Zahl der Auspendler nach Buchen, Künzelsau und Würzburg betrachteten wir als positives Argument für den Erhalt der Fleischerbeschulung im Main-Tauber-Kreis. Schließlich ist diese doch höher als in den zurückliegenden Jahren.

Ernüchternd

Am 19. November erfuhren wir dann von Ihrer ernüchternden Entscheidung. Nein, es war nicht wie eigentlich zu erwarten, eine Nachricht von Ihnen an die zuständige Innung oder gar an uns, die drei Botschafter. Es war ein Bericht von Klaus T. Mende, Redakteur bei den Fränkischen Nachrichten, der uns vor vollendete Tatsachen stellte. Schlagzeile: ,Ministerium bekräftigt Aus für Kurstadt’.

Für den neutralen Beobachter in unserer Region war unsere ,Rettungsaktion’ damit gescheitert. Bis zum heutigen Tag hingegen warten die Innung und auch wir, die ,drei Botschafter’, immer noch vergebens auf eine persönliche Nachricht von Ihnen, in der Sie erklären, warum Sie bei Ihrer Entscheidung geblieben sind. Eine Abkehr hiervon würde nicht nur Ihre Wertschätzung gegenüber uns, sondern all unseren Unterstützern zum Ausdruck bringen. Sicher ist Ihnen bekannt, dass der Main-Tauber-Kreis inzwischen in den illustren Kreis der Bio-Musterregionen in Baden-Württemberg aufgenommen wurde.

Eine positive Entscheidung aus Ihrem Hause, hinsichtlich dem Erhalt der Fleischerbeschulung, hätte unserer Region zusätzlichen Respekt erwiesen.

Indessen schreitet das stille Sterben der Fleischerfachgeschäfte auch in unserer Region voran. Ein junges, aufstrebendes Fleischerfachgeschäft in einem Teilort von Bad Mergentheim hat zum Jahresende ihre Pforten geschlossen. Mithilfe zweier, händeringend gesuchter Metzgergesellen hätte dieser bittere Schritt vermieden werden können.

Die Metzgermeisterin bezeichnete in oben genanntem Zeitungsbericht die Aufgabe der Fleischerklasse in Bad Mergentheim, der Sache alles andere als dienlich. Weiter musste kurz vor Jahresende 2020 das letzte verbleibende Fleischerfachgeschäft in der Kernstadt von Bad Mergentheim vorübergehend seine Kunden vor verschlossenen Türen stehenlassen.

Keine Förderung

Mit der von Ihnen im Zeitungsbericht vom 19. November bekräftigten Haltung befeuern Sie also zusätzlich den Rückgang der Ausbildungszahlen im Nahrungsbereich. Die im Zeitungsbericht in Aussicht gestellte Blockbeschulung in Heilbronn fördert in keiner Weise die Attraktivität dieser Berufe. Der Familienbetrieb verschwindet, die Großproduzenten ,versorgen’die Verbraucher.

Dort werden vermehrt tiefgefrorene Teiglinge, irgendwo in Europa produziert, in Backshops oder Bäckereien vom Verkaufspersonal fertig gebacken. Die verwendeten Rohstoffe stammen damit nicht mehr aus unserer Region. Im Bereich Fleisch werden dann wohl noch mehr Produzenten wie Tönnies und andere die Geschmacksrichtung vorgeben. Dies steht absolut nicht im Einklang mit den Zielen einer Bio-Musterregion.

Abschließend weisen wir Sie auf die dem Petitionsausschuss am Landtag von Baden-Württemberg vorliegende Petition 16/04962 hin. Bis zu dessen Entscheidung betrachten wir unser Anliegen als nicht abgeschlossen.“