Wahlkampf - Landtagsabgeordneter Professor Dr. Wolfgang Reinhart tauschte sich über seine Instagram-Seite mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus Lockerung bei niedrigen Inzidenzwerten

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Heike von Brandenstein
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Den Instagram-live-Talk von Prof. Dr. Wolfgang Reinhart mit Gesundheitsminister Jens Spahn verfolgten nahezu 600 Interessierte. © picture alliance/dpa

Im Zeichen von Corona stand der Instagram-live-Talk zwischen Professor Dr. Wolfgang Reinhart und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Freitagnachmittag.

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Main-Tauber-Kreis. Eine halbe Stunde Gespräch mit einigen technischen Holperern verfolgten zwischen 450 und in der Spitze knapp 600 Interessierte. Eine Teilnehmerzahl, mit der Wolfgang Reinhart gar nicht gerechnet hatte, wie er im Nachhinein erfreut feststellte. Dass der Bundesgesundheitsminister ein echtes Zugpferd für den Wahlkämpfer ist, erwies sich als richtig. Corona als das seit einem Jahr beherrschende Thema und die Hoffnung auf Lockerungen lassen Einschätzungen des obersten Krisenmanagers umso wichtiger erscheinen.

Man habe sich vor Corona nicht vorstellen können, dass die Gesundheitspolitik so sehr ins Zentrum des Interesses rücke, meinte Reinhart einleitend. „Corona hat nicht nur unser Land verändert, sondern auch den politischen Diskurs.“ Jens Spahn sei als Bundesgesundheitsminister nicht nur Organisator, sondern auch Koordinator beim Thema Impfen. Deshalb sei es spannend, mit ihm über die Pandemie und über seine Einschätzung der Lage zu sprechen.

In Baden-Württemberg sei die Inzidenz von 200 auf im Schnitt 50 gesunken, erläuterte der CDU Fraktionsvorsitzende im Landtag. Doch es zeige sich am Beispiel der Firma Würth im Hohenlohekreis, wie schnell gute Zahlen kippen könnten. Da sei der Inzidenzwert ruckzuck von 30 auf 130 geklettert. Spahn führte solche lokalen Spitzen auch auf die Mutanten zurück, die für eine noch schnellere Ausbreitung der Infektion sorgten. Wichtig sei, die Inzidenzen auf unter 50 zu bekommen, damit die Gesundheitsämter eine präzise Nachverfolgung garantieren könnten.

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In diesem Zusammenhang verwies Reinhart darauf, dass das Land Baden-Württemberg 230 Stellen im Gesundheitsdienst bewilligt habe, von denen auch der Main-Tauber-Kreis profitieren könne. Bei der Ausstattung mit Ärzten, das habe er bei seinem jüngsten Besuch im Gesundheitsamt gesagt bekommen, herrsche allerdings noch eine Unterbesetzung.

Einen breiten Raum nahm das Thema Impfen ein. Gemeinsam mit der Ständigen Impfkommission wolle man sich noch einmal dem Thema Kindertagesstätten widmen. Hier bestehe ein besonderes Risiko, da es nicht so leicht sei, die Aha-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen) umzusetzen, so Spahn. Zunächst würden die über 80-Jährigen und die Pflegeheimbewohner geimpft, zur nächsten Gruppe gehörten auch Erzieherinnen und Erzieher sowie die Grundschullehrer.

Impfstoffproduktion läuft

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Zu den Impfstoffen selbst und zur Verfügbarkeit verwies der Gesundheitsminister auf die momentan vorhandenen Vakzine von Biontech und Astrazeneca. „Die Produktion läuft offenbar immer besser“, so seine Einschätzung. Es werde sieben Tage in der Woche ohne Lagerhaltung mit direkter Auslieferung produziert. Beim Impfstoff von Moderna sei es allerdings immer noch schwierig, vorauszuplanen.

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„Alle drei Impfstoffe sind gleichwertig wirksam“, so Spahn mit Blick auf die Verhinderung einer Erkrankung mit einem schweren Verlauf. Beim Vakzin von Astrazeneca hätten erste Erkenntnisse aus Oxford ergeben, dass mit diesem Stoff geimpfte Menschen auch weniger ansteckend seien. In Deutschland würden damit nach jetzigem Stand 18- bis 64-Jährige geimpft, da verlässliche Daten für Ältere noch fehlten.

Von Biontech und Astrazeneca stünden nach und nach 40 Millionen Dosen zur Verfügung. Spahn: „Irgendwann werden die Impfzentren voll sein und mehr oder weniger rund um die Uhr impfen. Jetzt gilt es, die Zahlen runterzubringen, bis wir impfen können.“

Die Frage eines Interessierten, ob man nicht die Corona-Fälle in den Pflegeheimen bei der Ermittlung des Inzidenzwertes herausrechnen könne, verneinte der Gesundheitsminister: „Das sind ja Infektionen, nur eben an einer bestimmten Stelle.“ Sie einfach weglassen ginge nicht. „Das Virus schlägt in Pflegeheimen ziemlich brutal zu“, so seine Erfahrung. Am Beispiel Tönnies habe man gesehen, dass ein solch lokal begrenztes Infektionsgeschehen auch in einer Firma möglich sei. Das gelte auch für Schulen oder andere Einrichtungen.

Kritisch sieht Spahn das diffuse Ausbruchsgeschehen. „Seit Herbst findet vieles im privaten Umfeld statt. Bei mehreren Ausbruchsstellen hat man schnell ein nicht mehr nachvollziehbares Geschehen.“

Genau das soll unbedingt vermieden werden. Er zeigte Verständnis, dass eine Perspektive gefordert werde. Am 1. März, so der Beschluss, dürften Friseure wieder öffnen. Das sei auch eine Sache der Körperpflege, begründete Spahn diesen Schritt. Gerade ältere Menschen hätten oft Schwierigkeiten, die Haare zu waschen.

Perspektiven müsse es auch für alle anderen Bereiche geben, räumte er ein. Das aber müsse regional geschehen und an den jeweiligen Inzidenzwert gekoppelt sein. Spahn sprach hier von einem Wert von 35, den etliche Landkreise bereits erreicht hätten. Zuerst soll der Einzelhandel wieder öffnen, dann folgten weitere. Steige der Inzidenzwert wieder, müssten allerdings wiederum Begrenzungen gelten.

„Die Zahlen dürfen nicht so weit ansteigen, dass wir wieder bundesweit Einschränkungen machen müssen. Wir dürfen es gar nicht erst zu einem Flächenbrand kommen lassen“, mahnte der Gesundheitsminister und begründete damit auch die Grenzschließung zu Tschechien und Tirol.

Dass kein einheitlicher Schnitt in ganz Deutschland gelten soll, sondern regionale Daten für Lockerungen oder Beschränkungen zugrunde gelegt würden, begrüßte Reinhart. „Wir sind uns in Baden-Württemberg einig, dass wir am 22. Februar wieder mit der Öffnung der Grundschulen im Wechselunterricht bei halber Klassenstärke beginnen“, sagte er. Was Deutschland von der Krise gelernt habe, wollte er abschließend von Jens Spahn wissen.

„Hoffentlich viel“, so die Antwort. Sicher sei er, dass sie jedem ganz persönlich in Erinnerung bleiben werde und für eine ganze Generation prägend sei. In der Krise hätten die Deutschen gemerkt, wo Stärken und Schwächen liegen: Dass das Land über ein robustes Gesundheitssystem verfüge, sei ebenso eine Stärke wie der Zusammenhalt der Nation. Als Schwäche habe man erkannt, dass noch mehr Tempo bei der Digitalisierung notwendig sei. Zudem müsse mehr Vorsorge betrieben werden, um unabhängiger und souveräner von China zu werden.

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber