Wahlkarussell - Rund 60 Jugendliche aus dem Main-Tauber-Kreis nahmen an der Veranstaltung des Kreisjugendrings teil Landtagskandidaten stellen sich Fragen der Jugend

Ein Austausch auf Augenhöhe, ganz ohne persönliche Begegnung? Die erste digitale Ausgabe vom Wahlkarussell des Kreisjugendrings Main-Tauber machte es möglich.

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Elisa Katt
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Statt auf einem Podium tauschten die Landtagskandidaten per Video-Schalte ihre Argumente aus (von links oben nach rechts unten): Andreas Lehr (CDU), Christina Baum (AfD), Jürgen Vossler (FDP), Anton Mattmüller (SPD) und Leonhard Haaf (Grüne). © Elisa Katt

Main-Tauber-Kreis. Klimaschutz, Bildung und die Folgen der Corona-Pandemie – diese Themen bewegen junge Menschen im Main-Tauber-Kreis, und um sie drehte sich das Wahlkarussell am Donnerstagabend. Es war eine Podiumsdiskussion ohne Podium und ein persönlicher Austausch ohne persönliche Begegnungen: Statt in einer großen Halle trafen Landtagskandidaten und Jugendliche digital aufeinander. „Unser Ziel ist es, junge Menschen zu motivieren, sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen und Fragen auseinanderzusetzen“, sagte Lena Leber, stellvertretende Vorsitzende des Kreisjugendrings, in ihrer Begrüßung. „Wir wollen eine Plattform für einen Austausch auf Augenhöhe bieten“, fügte sie hinzu.

Zündstoff unbestreitbar

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Los ging es mit einer Blitzrunde, in der sich die Politiker vorstellten – und in der es bereits zu ersten Spannungen kam. Während Leonhard Haaf von den Grünen, Wolfgang Reinhart von der CDU (später vertreten von Andreas Lehr) und Jürgen Vossler von der FDP auf ihre politischen Schwerpunkte eingingen, nutze Anton Mattmüller von der SPD seine 90 Sekunden, um in deutlichen Worten seine Ablehnung gegenüber der AfD zum Ausdruck zu bringen. Vertreter der in seinen Augen „menschenfeindlichen Partei“ dürften nicht wie normale Kandidaten behandelt werden. AfD-Politikerin Christina Baum schoss zurück: Sie habe als Zahnärztin etwas „für dieses Land geleistet“. Das könne man „von dem jungen Mann von der SPD nicht sagen“, warf sie dem 25-jährigen Mattmüller vor und bezeichnete ihn als „Antidemokrat“. Ihre Bitte um einen offenen Austausch hob sich Baum aber bis ganz zum Ende der Veranstaltung auf.

Podiumsdiskussion zu den Themen Klimaschutz, Bildung und Generationengerechtigkeit

  • Klimaschutz und ÖPNV: Christina Baum bezeichnete die „Kampagne gegen den Verbrennungsmotor“ als falsch und brach eine Lanze für den „umweltfreundlichen Diesel“. Jürgen Vossler befürchtete den Verlust vieler Arbeitsplätze, wenn die Automobilbranche „kaputtgemacht“ werde. Leonhard Haaf sah die Zukunft in der Elektromobilität und Andreas Lehr sprach sich für technologische Vielfalt aus. Anton Mattmüller setzte seinen Fokus auf den ÖPNV, der bezahlbar, barrierefrei, eng getaktet und verlässlich sein müsse. Einig waren sich die Kandidaten, dass es im ländlichen Raum wie dem Main-Tauber-Kreis auch in Zukunft nicht ganz ohne eigenes Auto gehen wird.
  • Bildung und Chancengleichheit: Beim Thema Bildungsgerechtigkeit sah Baum keine Defizite, übte aber harsche Kritik an den geschlossenen Schulen und Kitas. Haaf dagegen meinte, man müsse sich „mit Ländern vergleichen, die es besser machen“ und sah durchaus Unterschiede beim Zugang zu Bildung. Auch Vossler sah hier Probleme und sprach außerdem den Fachkräftemangel an. Mattmüller warb für Investitionen in frühkindliche Bildung und Digitalisierung. Lehr verwies auf die „Qualitätsoffensive“ des Landes und befürwortete die Vielfalt der Schularten.
  • Generationengerechtigkeit: Während Andreas Lehr hier die Familie ins Zentrum rückte, stellte Leonhard Haaf den Klimaschutz in den Mittelpunkt. Schnell entwickelte sich dieser Abschnitt der Debatte allerdings zu einer Grundsatzdiskussion über die finanziellen Folgen der Pandemie – Stichwort Neuverschuldung. Während Vossler und Baum dafür plädierten, an der Schuldenbremse festzuhalten, war Anton Mattmüller der Meinung, man könne „gegen eine Krise nicht ansparen“. eli

Zunächst schloss sich eine Diskussion an. Dafür hatte der Kreisjugendring im Vorfeld per „Mentimeter“ Themen gesammelt und in drei großen Bereichen gebündelt: Klimaschutz und ÖPNV, Generationengerechtigkeit sowie Bildung und Chancengleichheit (Infobox). Der spannendste Teil der Veranstaltung war jedoch das sogenannte Speed-Dating: In separaten virtuellen Räumen hatten die Jugendlichen Gelegenheit, den Politikern direkt ihre Fragen zu stellen. Moderiert wurde dieser Programmpunkt von Magnus Löffler, Samuel Quenzer, Thea Ploeger, Sophie Schneider und Benedict Fischer. Die fünf Schüler aus dem Main-Tauber-Kreis hätten sich spontan zu dieser Aufgabe bereiterklärt, freute sich Lena Leber.

Nun wurde deutlich, dass die Teilnehmenden keinesfalls unvorbereitet waren, sondern oftmals genau wussten, was sie die Kandidaten fragen wollten. So ging es im Raum von Leonhard Haaf weiterhin um Klimaschutz und Mobilität, mit Anton Mattmüller vertieften die Jugendlichen beispielsweise das Thema Bildung.

Kritisch nachgefragt

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Gleichzeitig schreckten sie vor kritischen Fragen nicht zurück und konfrontierten beispielsweise Christina Baum mit ihrer Aussage aus der Podiumsdiskussion, dass Bildungsgerechtigkeit in Deutschland gegeben sei. Das wusste eine Jugendliche mit Verweis auf eine Pisa-Studie zu widerlegen. Lehr wurde auf die Position der CDU zur gleichgeschlechtlichen Ehe angesprochen. Auch die Folgen der Corona-Pandemie beschäftigen junge Menschen. So sprachen sie mit Andreas Lehr über die Krise, in der die Gastronomie unbestreitbar steckt, oder mit Jürgen Vossler über die Auswirkungen auf den lokalen Einzelhandel.

Nach den Abschlussstatements der Politiker bat Lena Leber noch einmal um Verständnis, dass der Kreisjugendring aus organisatorischen Gründen nur Vertreter der fünf aktuell im Landtag vertretenen Fraktionen eingeladen hatte, und lud die Jugendlichen ein, sich auch mit den Wahlprogrammen der anderen Parteien auseinanderzusetzen oder den Wahl-O-Mat zu nutzen. „Wir waren positiv überrascht von der Resonanz“, verrät sie am Freitagmorgen im Gespräch mit den FN. Schließlich handelte es sich um eine Premiere. Der Kreisjugendring ist vom Erfolg des Formats so begeistert, dass sich das Team vorstellen könnte, eine solche Veranstaltung auch im Vorfeld der Bundestagswahl auf die Beine zu stellen.

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    Bei der Landtagswahl am 14. März haben die Bürger zwölf Kandidaten zur Auswahl. Die Fränkischen Nachrichten haben ihnen drei Fragen gestellt. Für die Freien Wähler antwortete Stefan Grimm. Main-Tauber-Kreis. Die drei Fragen der FN beantwortet Stefan Grimm (Külsheim) als Landtagskandidat der Freien Wähler wie folgt. {element} Welchem Ihrer politischen Ziele würden Sie als gewählter Abgeordnete des Main-Tauber-Kreises im Landtag oberste Priorität einräumen und welche benennen Sie auf den Plätzen zwei und drei? {furtherread} Stefan Grimm: Erstens Bildung. Die Freien Wähler stehen für die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. Damit würde erheblicher Druck von den Schülern genommen. Sie hätten wieder Zeit, sich ihren Interessen zu widmen und sich in Vereinen und Ehrenamt einzubringen. Grundsätzlich würde ich die Hauptfächer in Niveaustufen gliedern. Das Grundwissen muss jeder erlangen, darüber hinaus bleibt Zeit, um die Stärken auszubauen. Wichtig wären auch mehr Unterricht im Bereich Wirtschaft/Finanzen und IT/Medien. Zweitens Klima- und Umwelt. Damit unsere Kinder überhaupt eine Zukunft haben, müssen wir umgehend mutig und entschieden den Klimawandel eindämmen und einen nachhaltigeren Lebenswandel an den Tag legen. Damit möglichst viele mitmachen, setze ich auf Anreize und Förderung statt auf eine Verbotskultur. Für Deutschland als führende Nation im Bereich Umwelttechnik stellt der Kampf gegen den Klimawandel eine riesige Chance dar. Für mich sind Umwelt- und (nachhaltige) Wirtschaftspolitik keine Gegensätze. Drittens Infrastruktur und Verkehr. Viele Straßen, Brücken und Schulen sind marode und müssen dringend auf Vordermann gebracht werden. Bei Hitze ist die A 81 wegen Blow-Ups auf 80 Stundenkilometer beschränkt. Und telefonieren kann man dort wegen der Funklöcher ohnehin nicht ordentlich. Das darf Mitten in Europa nicht sein. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind noch nicht absehbar. Was befürchten Sie für die Wirtschaft, den Einzelhandel, die Gastronomie und den Tourismus im Main-Tauber-Kreis und welche Maßnahmen können zur Abfederung beitragen? Grimm: Der Main-Tauber-Kreis ist der am dünnsten besiedelte Kreis in Baden-Württemberg und daher nicht mit Stuttgart zu vergleichen. In den hiesigen Fußgängerzonen sind wir froh, wenn überhaupt der eine oder andere Kunde zum lokalen Einzelhändler kommt und nicht Auswärts zum Shoppen fährt oder gleich im Internet bestellt. Ich glaube mit durchdachten Hygienekonzepten und FFP2 Masken zum Selbstschutz ist das Ansteckungsrisiko beim kleinen Einzelhändler und in der Gastronomie nicht höher als im Supermarkt. Zum Überleben der betroffenen Betriebe müssen wir deren Liquidität unbürokratisch und schnell sicherstellen. Die laufenden Programme sind gut gemeint, handwerklich aber häufig schlecht umgesetzt, viel zu langsam und bürokratisch. Wenn wir alle lokal einkaufen würden, wäre vielen Einzelhändlern und deren Angestellten geholfen. Mittelfristig wird der Kreis vom Umdenken der Bürger profitieren. Urlaub in Deutschland ist wieder populär und wird den Tourismus beflügeln. Außerdem hat Corona gezeigt, dass man auch im ländlichen Raum prima aus dem Homeoffice arbeiten kann. Man muss dazu nicht in die überfüllten und teuren Ballungsgebiete ziehen, sondern kann bei uns in einer wunderschönen und gesunden Umgebung leben und arbeiten. Die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie werden sich in allen Haushalten vom Bund über das Land bis zu den Kommunen niederschlagen. Wie stellen Sie sich den Umgang mit der exorbitanten Verschuldung vor? Wo kann gespart, wie finanziert werden? Grimm: Es war richtig, dass sich die Politik zu Beginn der Pandemie auf die Problembewältigung fokussiert hat und nicht alles unter den Vorbehalt der Finanzierbarkeit gestellt hat. Es wurden und werden nach wie vor Unsummen ausgegeben. Nun muss das aber zielgerichteter erfolgen. Außerdem sollten die Unternehmen, die die Krise überwunden haben und bei denen die Gewinne wieder sprudeln, dem Steuerzahler „ihre Dankbarkeit erweisen“ und die Unterstützung zurückzahlen. An den Börsen ist bereits wieder Feierlaune, der DAX so hoch wie nie. Einige Branchen und viele Spekulanten haben an der Krise gut verdient. Potenzial zum Abschöpfen wäre also da. Als Kommunalpolitiker kämpfe ich seit 17 Jahren für sparsame öffentliche Ausgaben. Nur weil es nicht mein privater Geldbeutel ist, sind Steuergelder doch genauso mit Bedacht auszugeben. Da ließe sich auf allen Ebenen viel sparen. Trotzdem werden wir den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Aber ist das so schlimm? Die Zeiten des Lockdowns haben mir gezeigt, dass das ständige Höher, Schneller, Weiter und der überbordende Konsum, den wir uns selbst auferlegen, dass es darauf letztendlich nicht ankommt. Zum Glücklichsein brauchen wir Mitmenschen, Freunde, Gespräche und Begegnungen. Und die gibt es alle kostenlos. red

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