Pflege - Eine neue Verordnung schreibt eine Personaluntergrenze für Intensivstationen und die Bereiche Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie in Kliniken vor Krankenhäuser im Kreis sind vorbereitet

Von 
Christopher Kitsche
Lesedauer: 
In der Pflege gelten ab dem 1. Januar Personaluntergrenzen auf Intensivstationen sowie für die Bereiche Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie. © DPA

In der Pflege gelten ab dem 1. Januar Personaluntergrenzen in pflegeintensiven Bereichen. Die FN haben bei den Krankenhäusern im Kreis nachgefragt, wie sie die Verordnung umsetzen.

Informationen zum Pflegepersonalstärkungsgesetz

Auf Intensivstationen kommen tagsüber mindestens zwei Pfleger auf fünf Patienten. Nachts ist das Verhältnis zwei zu sieben. Ab 2021 verändert sich der Betreuungsschlüssel nochmals. Dann muss tagsüber mindestens ein Pfleger für zwei Patienten anwesend sein. Nachts müssen drei Patienten von mindestens einem Pfleger betreut werden.

In der Geriatrie und der Unfallchirurgie beträgt der Personalschlüssel tagsüber zehn zu eins und nachts 20 zu eins.

Im Bereich Kardiologie beträgt der Personalschlüsse tagsüber zwölf zu eins und nachts 24 zu eins.

Ausnahmen greifen bei kurzfristigen, krankheitsbedingten Personalausfällen und einer starken Erhöhung der Patientenzahlen durch Epidemien oder Großschadensereignisse.

AdUnit urban-intext1

Main-Tauber-Kreis. Vertreter aus der Pflege und Politiker über alle Fraktionen hinweg empfinden die Zustände in der Pflegebranche schon seit längerer Zeit als unzureichend. In jüngster Vergangenheit diskutierten alle Beteiligten verschiedene Lösungsansätze, Ziel: ein Weg aus dem „Pflegedilemma“ .

Gesundheitsminister Jens Spahn regte längere Arbeitszeiten des Pflegepersonals und das Anwerben ausländischer Fachkräfte an. Schon vor der Bundestagswahl hatte die Bundesregierung die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen beauftragt, eine Mindestausstattung für pflegeintensive Pflegebereiche zu schaffen.

Da eine solche Vereinbarung nicht zustande kam, legte Gesundheitsminister Spahn eine Personalgrenze für Krankenhäuser per Verordnung fest. Sie gilt ab dem 1. Januar für Intensivstationen sowie die Bereiche Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie.

AdUnit urban-intext2

Schon jetzt fehlt es deutschlandweit an qualifiziertem Pflegepersonal, und die Situation soll sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen. Nach einer Schätzung der Bertelsmann-Stiftung werden bis 2035 deutschlandweit 500 000 Pflegekräfte fehlen. Die neue Verordnung stellt viele Krankenhäuser damit vor große personelle Herausforderungen.

Die FN haben bei den Krankenhäusern im Kreis nachgefragt, wie sie die neue Verordnung sehen und inwieweit sie die festgelegten Schlüssel umsetzen können.

AdUnit urban-intext3

„Im Krankenhaus Tauberbischofsheim erfüllen wir schon jetzt auf freiwilliger Basis alle Vorgaben der neuen Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV)“, betont Pflegedirektor Holger Kraft.

AdUnit urban-intext4

„Wir sind gut aufgestellt, auch in den jetzt festgelegten pflegesensitiven Bereichen. Allerdings sind die Definitionen für die pflegesensitiven Bereiche so gefasst, dass wir im Krankenhaus Tauberbischofsheim nicht unter die neue Verordnung fallen.“

Schwierige Mitarbeitersuche

„Auch für uns ist es zunehmend schwierig, Fachpersonal sowohl im pflegerischen, als auch im ärztlichen Bereich zu finden. Schon in diesem Jahr haben wir zehn frisch examinierte Pflegekräfte aus unserem Bildungszentrum direkt im Krankenhaus Tauberbischofsheim übernommen. Für das kommende Jahr werden wir sicher wieder Pflegekräfte einstellen, auch um die Stellen von Kolleginnen und Kollegen nachzubesetzen, die in Ruhestand gehen“, informiert Kraft.

„Insgesamt weist das neue Pflegepersonalstärkungsgesetz in die richtige Richtung“, unterstreicht der Regionalleiter der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier), Thomas Wigant.

Allerdings sehe er die Gefahr, dass die genannten Pflegepersonaluntergrenzen einen zusätzlichen Dokumentationsaufwand erfordern. „Diese Zeit fehlt dann wieder für die Pflege am Bett, die eigentlich gestärkt werden soll.“

Außerdem werde die unterschiedliche Situation in den verschiedenen Krankenhäusern nicht berücksichtigt. „In vielen Kliniken werden Tätigkeiten, die ehemals der Pflege zugeordnet waren, inzwischen von anderem Personal übernommen, zum Beispiel Patiententransportdienste. Auch Stationssekretärinnen oder Serviceassistenten sind oft anderen Bereichen zugeteilt. Es genügt in der Betrachtung nicht, allein die Zahl der Pflegenden zu berücksichtigen.“ Außerdem sei zu befürchten, dass personell besser ausgestattete Krankenhäuser ihr Personal auf die Untergrenzen reduzieren.

„Auch im Caritas-Krankenhaus werden die geforderten Untergrenzen größtenteils schon jetzt auf allen Stationen erfüllt“, unterstreicht Pflegedirektor Frank Feinauer. „Wir werden nun insgesamt unsere Dienststrukturen anpassen, um den neuen Anforderungen in den pflegesensitiven Bereichen zu entsprechen. So sind wir mit unseren Mitarbeitern in der Pflege gerade dabei, aufgrund der in der PpUGV festgelegten neuen Definition von Tages- und Nachtschichten, angepasste Arbeitszeitmodelle zu entwickeln.“

Die Rotkreuzklinik in Wertheim falle aufgrund ihrer Größe nicht unter die neue Verordnung, informiert Krankenhausdirektorin Christiane Rösch. „Wir orientieren uns aber daran.“

„Untergrenze reicht nicht“

Rösch befürwortet die neue Verordnung, meint aber auch, dass man der Pflegesituation mit einer Untergrenze allein nicht gerecht werden könne. „Die Untergrenzen sind das absolute Minimum“, betont Rösch. Es seien darüber hinaus organisatorische Schritte notwendig, um eine optimale Pflege gewährleisten zu können. Mittelfristig sei die Rotkreuzklinik personell gut aufgestellt. „Unser großer Schatz ist, dass wir unser Personal selbst an einer Schule ausbilden“, erklärt die Krankenhausdirektorin.

Im Jahresverlauf gebe es zwar weniger Bewerbungen, ein Trend hin zu Initiativbewerbungen sei aber dennoch auszumachen. Rösch plädiert dafür, künftig andere Berufsgruppen in einer interdisziplinären Ausbildung miteinzubeziehen.