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Jugendhilfeausschuss - Schwerpunkt des Familienberichts 2020 lag auf der Bewältigung und den Folgen der Corona-Pandemie für Kinder, Jugendliche und Eltern

Hilfe für Familien im Kreis notwendiger denn je

Von 
Heike von Brandenstein
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Einfach wieder in den alten Trott verfallen als wäre nichts gewesen, wird der Realität vieler Familien nicht gerecht. Die Corona-Pandemie mit den Lockdowns hat gezeigt, wie verwundbar die kleinste Zelle gesellschaftlichen Zusammenlebens ist. © dpa

Die Corona-Pandemie stand im Mittelpunkt bei der Vorstellung des Familienberichts, den Silvia Ziegler vom Jugendamt dem Jugendhilfeausschuss bei seiner Sitzung am Dienstag in der Kreisstadt vorstellte.

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Main-Tauber-Kreis. „Im Jahr 2020 war nichts normal“, sagte Silvia Ziegler rückblickend. Um diese schwierige Situation zu beleuchten, habe sich das Jugendamt zu einem ausführlichen Bericht entschlossen, der ansonsten nur alle zwei Jahre auf dem Programm steht. Auch Landrat Christoph Schauder betonte, dass Corona alle Lebensbereiche vor besondere Herausforderungen gestellt habe. Und es wurde gemahnt: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei.“

Im Jugendhilfeausschuss notiert

Im Familienbericht (siehe Artikel oben) wird immer auch ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung im Main-Tauber-Kreis geworfen. Silvia Ziegler stellte in ihrem Vortrag fest, dass die Kreisbevölkerung schrumpfe, weil die Sterberate die der Geburten übersteige. Das Durchschnittsalter betrage 45,5 Jahre und liege vor Baden-Baden an vorletzter Stelle in Baden-Württemberg. Der Anteil der unter Dreijährigen werde nur noch gering steigen. Und es gebe über 7000 Kinder, die bald die Grundschule besuchen werden, was eine Herausforderung für die Schulträger darstelle. Insgesamt nehme die Zahl der Minderjährigen und der möglichen Erwerbstätigen ab, die der Senioren und der Hochbetagten zu. Zudem gebe es weiterhin eine leichte Zunahme von Haushalten mit Alleinerziehenden von Minderjährigen. Jedes sechste Kind werde von nur einem Elternteil erzogen, was ein erhöhtes Armutsrisiko bedeute.

Andreas Lehr (CDU) merkte an, dass beim Blick auf die Bevölkerungsentwicklung geschaut werden müsse, wo die Attraktivität des Landkreises gesteigert werden könne, und welche Faktoren es gebe, die nicht selbst beeinflussbar seien. In diesem Zusammenhang sprach er sowohl die Zuwanderung als auch den Zuzug an.

Dr. Hannes Vüllers wurde als Vertreter des Gesundheitswesens neues Mitglied des Jugendhilfeausschusses und von Landrat Christoph Schauder verpflichtet.

Die positive Entwicklung des Jugendfonds stelle nach einem Tiefstand im Jahr 2017 Dr. Michael Lippert fest. Diese sei mit Bußgeldeinnahmen, den Verzicht von Sitzungsgeldern von Kreistagsmitgliedern sowie Spenden zu begründen. Einnahmen in Höhe von gut 11 000 Euro stünden Auszahlungen für Familien in Notsituationen in Höhe von knapp 9000 Euro gegenüber. Der Saldo zum Jahresende 2020 habe bei rund 70 000 Euro gelegen. Kurzfristig und unbürokratisch werde bei Mietkautionen, Babyausstattung, Freizeiten sowie Strom- und Heizkosten – in der Regel auf Darlehensbasis – geholfen, um eine konkrete Krise abzufangen. Die Ausschussmitglieder begrüßten den Jugendfonds als wichtige Ergänzung zu bereits bestehenden Hilfesystemen. hvb

Dennoch scheint mit der Möglichkeit zum Impfen, einer erhöhten Impfquote sowie regelmäßigen Tests und mittlerweile standardisierten Verhaltensregeln ein wenig Ordnung in das anfängliche Chaos Einzug gehalten zu haben. Schulen, Kindergärten und Horte sind wieder geöffnet, auch wenn gewisse Kriterien einzuhalten sind, es weiterhin keine Impfempfehlungen für jüngere Kinder gibt und Impfskeptiker und -gegner Front gegen den Schutz per Spritze machen.

Dass die Fallzahlen bei den vom Jugendamt angebotenen und von den Trägern der freien Jugendhilfe übernommenen Hilfen für Familien und Kinder im vergangenen Jahr abgenommen haben, liegt vor diesem Hintergrund auf der Hand. Bei den Hilfen zur Erziehung habe es über 80 Fälle weniger als im Vorjahr gegeben, führte Silvia Ziegler aus. Man habe sich auf dem Niveau von 2012 bewegt, weil viele Hilfen nicht begonnen werden konnten oder ein entsprechender Bedarf schlichtweg nicht gesehen wurde. Das Personal von Kindergärten und Schulen konnte Defizite nicht feststellen und weitergeben, weil es die Kinder nicht gesehen hat und deshalb keine Einordnung vornehmen konnte. „Wir gehen aber davon aus, dass die Zahlen wieder nach oben gehen werden“, so Zieglers Resümee.

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Expertenrunde gegründet

Ähnlich präsentieren sich die Erhebungen der Erziehungsberatungsstellen, die sich als wichtiges niederschwelliges Angebot etabliert haben. Auch hier wird von einem Anstieg im Zuge der Beruhigung der Pandemie-Situation ausgegangen.

Silvia Ziegler sprach die Verunsicherung, die Sorgen und Ängste von Eltern, Pädagogen, Verantwortlichen an, die auch die Kinder belastet hätten. Wie soll der gebotene Abstand eingehalten werden, wo doch eigentlich Nähe geboten sei, waren Fragen, denen sich die Verantwortlichen zu stellen hatten. Um einen gangbaren Weg zu finden, sei eine Expertenrunde gegründet worden. Ziel war es, kurzfristig Lösungen zu erarbeiten. In der von der Universität Hamburg erstellten „Copsy-Studie“ (Corona und Psyche) wurde konstatiert, dass Auswirkungen der Pandemie bei Kindern häufige Lustlosigkeit, schlechte Motivation, wenig Bewegung und ein vermehrter Medienkonsum seien. Es sei zunehmend zu Sorgen und Ängsten gekommen und gerade bei Schülern von Abschlussjahrgängen zu fehlenden Perspektiven gekommen. Festgestellt worden sei zudem ein Wechselspiel von unzufriedenen Kindern und überlasteten Eltern. Vor der Pandemie habe jedes fünfte Kind Auffälligkeiten gezeigt, während der Pandemie jedes dritte. Zunehmende Belastungen hätten 70 Prozent der Kinder und 75 Prozent der Erwachsenen empfunden. Vor allem Familien in beengten Wohnverhältnissen, mit niedrigem Bildungsgrad oder mit Migrationshintergrund seinen davon betroffen.

Dennoch stellte Silvia Ziegler fest: „Die Jugendhilfe hat gut funktioniert.“ Das Kind, so der grundsätzliche Standpunkt, sollte immer im Fokus stehen. Während der Lockdowns seien neue Beratungsmodelle erprobt und Treffen im Freien unter Einhaltung der Corona-Bedingungen organisiert worden. Kreativität über Paragrafen hinweg seien das Gebot der Stunde gewesen.

Jetzt sei es wichtig, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um Kindern ein Aufholen der Defizite zu ermöglichen. Als Folgerung aus der Pandemie steht für das Jugendamt der Schutz von belasteten Kindern, Jugendlichen und Eltern im Mittelpunkt, um deren psychische Gesundheit zu wahren.

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Dazu bedarf es dauerhafter präventiver Angebote für Familien durch pädagogische Fachkräfte, die es im Main-Tauber-Kreis zu fördern und auszubilden gelte.

Werner Fritz, Geschäftsführer der Jugendhilfe Creglingen, unterstrich den guten gemeinsamen Prozess von Jugendamt und freien Trägern während der Pandemie. Er stellte jedoch fest, dass die gesellschaftliche Schere noch weiter auseinandergedriftet sei, weil die Armut zugenommen habe. Durch die Lockdowns sei das soziale Training nicht mehr geübt worden, monierte er darüber hinaus.

„Jetzt treffen wieder Ungeübte aufeinander“, so Fritz. Er fragte, wie man dieser Problematik begegnen wolle und ob überhaupt genügend finanzielle Spielräume vorhanden seien, um die Instrumente der sozialpädagogischen Familienhilfe proaktiv zu nutzen. Fritz forderte eine entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung. Im Kreishaushalt müssten zudem entsprechende Prioritäten gesetzt werden.

Mehr Problemsituationen

Auch Wolfgang Pempe vom Diakonischen Werk Main-Tauber-Kreis äußerte, dass bislang noch große Unsicherheit darüber herrsche, was an Spätfolgen in den nächsten Jahren zum Vorschein komme. Er habe ebenso Sorge, dass die gesellschaftliche Schere weiter auseinandergehe. Matthias Fenger vom Caritasverband im Main-Tauber-Kreis bestätigte die Sicht seiner Kollegen. Auch er sieht eine „Verdichtung von Problemsituationen“.

Als Vertreter der Schulen unterstrich Christian Wamser die wichtige Rolle der Schulsozialarbeit. Er warnte jedoch davor, die Schule, deren Aufgabe in erster Linie die Fachvermittlung sei, als Reparaturbetrieb für weitergehende gesellschaftliche sowie sozial-emotionale Probleme anzusehen. Weil Schule nicht alles leisten könne, seien Kooperationen notwendig. Wamser: „Die Überforderung von einem System führt zu gar nichts.“

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber

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