Die Fälle - 23 Frauen und Männer und ein zehnjähriges Kind schauten nicht weg, sondern handelten, um anderen zu helfen Herz für andere Bürger in brenzligen Situationen bewiesen

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hvb
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Die Scheune in Mondfeld, aus der der 77-Jährige von Vater und Sohn Knörzer gerettet wurde, brannte völlig nieder. © Feuerwehr

Main-Tauber-Kreis. Acht Fälle stellten die Vorstandsmitglieder des AkS bei der Verleihung des Zivilcouragepreises 2019 vor.

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Leben gerettet: Mit damals zehn Jahren ist Shawn Knörzer der jüngste Preisträger. Der in Mondfeld wohnende Junge war Anfang Oktober vergangenen Jahres mit seinem Fahrrad in der Nibelungenstraße in Mondfeld unterwegs, als er Rauch wahrnahm, der aus einer Scheune eines 77-Jährigen quoll. Er betrat die Scheune und sah, wie der Senior versuchte, den Brand mit einer Gießkanne zu löschen. Shawn konnte ihn nicht dazu bewegen, die Scheune zu verlassen. Geistesgegenwärtig schwang sich der Zehnjährige auf sein Rad, fuhr nach Hause und holte seiner Vater zu Hilfe. Mike Knörzer eilte zur Scheune und zog den 77-Jährigen aus der komplett verqualmten Werkstatt. „Vater und Sohn Knörzer haben dem Mann vermutlich das Leben gerettet“, so Elisabeth Krug in ihrer Laudatio.

Straftat verhindert: Eine Straftat verhinderten Volker und Petra Weiland aus Lengenrieden. Mitte August 2018 hörten sie Hilferufe ihres Nachbarn. Gemeinsam betraten sie dessen Grundstück und beobachteten von der Terrasse aus eine Schlägerei zwischen ihm und zwei maskierten Personen. Volker Weiland schrie die Täter an, dass sie vom Nachbarn ablassen sollten. Beim Fluchtversuch stellte er einem ein Bein, so dass er fiel und Weiland ihn festhalten konnte. Der andere Täter floh. Petra Weiland rief die Polizei und einen weiteren Nachbarn zu Hilfe. Die Männer konnten den Täter, der später zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt wird, bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Auch der andere Täter – eine Frau – wurde zeitnah festgenommen und letztlich zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Alkoholfahrt beendet: Ende Mai 2018 schritt Thomas Lausecker ein, als der Fahrer eines Kleintransporters in Külsheim durch seine unsichere Fahrweise auffiel. Er veranlasste den Fahrer, den Sprinter zu stoppen und zog den Autoschlüssel ab. Die mittlerweile eingetroffene Polizei stellte beim Alcotest 3,6 Promille fest. „Durch das couragierte Einschreiten von Herrn Lausecker wurde der stark betrunkene Sprinter-Fahrer aus dem Verkehr gezogen und eine weitere Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer verhindert“, so Alois Gerig.

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Mutig eingeschritten: Sven Döding und Olga Axt aus Bad Mergentheim waren Ende April vergangenen Jahres gegen 1.30 Uhr mit ihrem Auto auf der Herrenwiesenstraße im Bembé-Kreisel unterwegs, als sie beobachteten, dass ein 16- und ein 18-Jähriger zwei 19-Jährige auf offener Straße ausrauben wollten. Ein Mann lag bereits auf dem Boden und wurde festgehalten. Als der Zweite dazwischengehen wollte, wurde er geschlagen und getreten. Der zuvor am Boden liegende, rannte auf die Straße und hielt das Auto von Sven Döding an. Mit gedrückter Hupe fuhr dieser gezielt auf die Gruppe zu und signalisierte, dass die Polizei gerufen werde. Olga Axt sprang aus dem Auto und schrie die Täter an, die perplex von ihren Opfern abließen. Wenig später wurden sie in der Innenstadt festgenommen. „Herr Döding und Frau Axt reagierten in der akuten Tatsituation besonnen und bestimmend“, kommentierte Joachim Döffinger das mutige Handeln in der Nacht.

96-Jährigem geholfen: Einen 96-Jährigen retteten ein Bestenheider und ein Grünenwörter Ehepaar, weil sie sich sorgten. Sebastian Petzold joggte Ende September 2018 zwischen Bestenheid und Grünenwört, als er Melanie und Jochen Flicker auf einem Waldweg traf. Sie sprachen über einen alten Mann, der im Wald mit seinem Rollator unterwegs war. Die Flickers hatten den auf sie verwirrt wirkenden Mann angesprochen, um ihn mit ins Tal zu nehmen. Doch der wollte nicht mitkommen. Auch Sebastian Petzolds Versuch, ihn zum Mitgehen zu animieren, blieb erfolglos. Ein Unwetter kam auf, Bäume wurden umgeknickt. Durch eine Suchaktion, koordiniert von Evi Petzold-Bintakies, die als eine Art Telefonzentrale fungierte, fanden Melanie und Jochen Flicker den 96-Jährigen samt Rollator in der Nähe von Bestenheid. Der Mann war komplett durchnässt. Nachdem er seinen Namen genannt hatte, ermittelten sie die Adresse und brachten ihn nach Hause.

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Enkeltrick und falsche Beamte: Fünf sogenannte SÄM-Fälle – Straftaten zum Nachteil älterer Menschen – stellte Hans Becker vor. Gleich sechs Preisträger galt es hier auszuzeichnen. „Die Fälle von falschen Polizeibeamten und Rechtsanwälten häufen sich“, so der Polizeipräsident. Ohne aufmerksame Mitarbeiter von Banken oder Taxizentralen wäre die Fallzahl noch höher. Im August 2019 seien im Main-Tauber-Kreis 22 000 Euro an einen falschen Polizisten übergeben worden, allein in diesem Jahr waren hier Täter sieben Mal „erfolgreich“, auch wenn er aufgrund von Scham von einer Dunkelziffer ausgehe. Ausgezeichnet wurden Sybille Strebel aus Lauda-Königshofen, die an einer Tankstelle in Bad Mergentheim arbeitet. Sie verweigerte den Verkauf von Geldkarten im Wert von 900 Euro. Stefie Striffler und Thomas Zoglmann aus Creglingen verhinderten als Sparkassenmitarbeiter die Übergabe von 12 500 Euro an einen falschen Polizeibeamten, indem sie sie die Auszahlung verweigerten und die Polizei alarmierten. Renate Teichmann aus Marktheidenfeld, die in der Postagentur in Wertheim arbeitet, führte eine Überweisung an einen falschen Rechtsanwalt nicht aus. Volksbank-Angestellte Hannelore Kohlschreiber aus Bad Mergentheim ließ in Wachbach die Auszahlung von 24 300 Euro nicht zu, und Sparkassenmitarbeiter Mark Meisel aus Wertheim zahlte 40 000 Euro nicht aus, die per Enkeltrick ergaunert werden sollten.

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Gewalttäter gestellt: Gleich fünf Zivilcouragepreise galt es im Fall einer gefährlichen Körperverletzung in Wertheim zu vergeben. Ausgezeichnet wurden Abi Eesa, Obaida Alhyek, Wolfgang Jahn, Bilal Alkan und Jans Bizuga. Im Oktober vergangenen Jahres attackierte ein 19 Jahre Asylbewerber im Lidl-Markt in Bestenheid einen 29-Jährigen mit einer Machete und verletzt ihn schwer. Abo Eesa, Obaida Alhyek und Wolfgang Jahn verfolgten den fliehenden Angreifer zunächst zu Fuß, wobei Eesa ihn auf Arabisch zur Aufgabe aufforderte. Bilal Alkan, der mit seinem Auto unterwegs war, wurde der Situation gewahr und ließ die drei Verfolger zusteigen. Jens Bizuga folgte dem Quartett mit seinem Auto und informierte die Polizei fortwährend über den aktuellen Standort. Nachdem die Männer ausgestiegen waren und Eesa den 19-Jährigen dazu gebracht hatte, das Messer fallenzulassen, konnten sie ihn festhalten, bis die Polizei eintraf.

Ladendieb festgehalten: Elisabeth Kemmer arbeite selbst im Lebensmitteleinzelhandel, stellte Joachim Döffinger die Frau vor, die über ein geschultes Auge verfügt, wenn es um das Thema Ladendiebstahl geht. Mitte Dezember fiel ihr im Lidl-Markt in Tauberbischofsheim ein 25-Jähriger mit zwei prall gefüllten Rucksäcken auf, der sich im Kassenbereich an ihr vorbeidrängeln wollte. Ihren Verdacht, dass es sich um einen Ladendieb handeln könne, teilte sie der Kassiererin mit. Die forderte den Mann auf, die Rucksäcke zu öffnen. Der junge Mann ignorierte das, Gottlieb Kemmer versperrte ihm mit seinem Einkaufswagen so den Ausgang, dass ein Vorbeikommen nicht möglich war. Letztlich wurde der 25-Jährige von Gottlieb Kemmer und zwei weiteren unbekannten Männern so lange festgehalten, bis die Polizei kam. In den Rucksäcken befanden sich Waren im Wert von 40 Euro. hvb