Gleichberechtigung - Wie Verwaltungen und öffentliche Stellen in der Region mit dem Thema der geschlechtergerechten Sprache umgehen Gendern setzt sich durch – der Stern bislang kaum

Ein Sternchen mitten im Wort, ein großes I oder die explizite Nennung von Frauen und Männern: Es gibt viele Formen geschlechtergerechter Sprache – und ebenso viele Meinungen zum Thema.

Von 
Elisa Katt
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Die Verwaltungen und Institutionen in der Region nutzen geschlechtergerechte Sprache. Das Gendersternchen sehen die meisten dagegen kritisch. © Doreen Garud/dpa

Odenwald-Tauber. Sie spricht von einem Kanzlerkandidaten oder einer Kandidatin, von Regierenden und seit kurzem von Apotheker*innen: Wenn Petra Gerster die ZDF-„heute“-Nachrichten moderiert, gendert sie. Mal ganz eindeutig, ein anderes Mal, indem sie das generische Maskulinum geschickt umschifft. Dahinter steckt der Wunsch, Menschen jeden Geschlechts nicht nur mit zu meinen, sondern sie tatsächlich anzusprechen. Dass einige Zuhörende die 66-Jährige für ihre geschlechtergerechte Sprache anfangs scharf kritisierten, zeigt den enormen Zündstoff, den diese Debatte selbst nach Jahrzehnten hat.

Was bedeutet "Gendern"?

  • Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist in Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes verankert. Geschlechtergerechte Sprache – häufig auch gendergerechte Sprache oder umgangssprachlich „Gendern“ genannt – hat das Ziel, Menschen aller Geschlechter gleich zu behandeln. Obwohl Frauen rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung ausmachen und ein aktiver Teil unserer Gesellschaft sind, bleiben sie sprachlich häufig unbenannt. Ebenso andere Geschlechteridentitäten.
  • Diese Diskussion ist nicht neu. „Schon in den 1970er Jahren formierte sich eine Bewegung, die die männerzentrierte Sprachverwendung kritisierte und verlangte, dass auch Frauen sprachlich sichtbar gemacht werden“, informiert die Gesellschaft für deutsche Sprache. „Bereits 1980 wurden erste Richtlinien erlassen, die sicherstellen sollten, dass Frauen und Männer auch in der Sprache eine Gleichberechtigung erfahren.“
  • Es gibt verschiedene Formen zu gendern, also nicht ausschließlich Männer explizit anzusprechen. Eine davon ist die vollständige Paarform: Bürgerinnen und Bürger.
  • Die vollständige Paarform gibt es auch mit Schrägstrich: Bürgerinnen/Bürger. Bei der verkürzten Paarform mit Schrägstrich wird hingegen nur die weibliche Endung angefügt: Bürger/innen (oder auch beim Artikel der/die Mitarbeitende).
  • Außerdem gibt es die Kurzform mit Binnen-I. Dabei wird die weibliche Endung durch ein großes „I“ vom Rest des Wortes getrennt: BürgerInnen.
  • Das Gendersternchen kann noch ein bisschen mehr, als Männer und Frauen zu benennen. Der Stern macht deutlich, dass es mehr Geschlechteridentitäten als männlich und weiblich gibt. Gleiches gilt für Formulierungen mit Unterstrich, auch Gendergap oder Geschlechter-Zwischenraum genannt: Bürger*innen oder Bürger_innen. In der gesprochenen Sprache wird der Stern durch eine kleine Pause – einen sogenannten Glottisschlag – symbolisiert.
  • Durch Ersatzformen können alle vorher genannten Wege häufig umgangen werden, beispielweise Erziehungsberechtigte, Mitarbeitende oder Studierende. Andere Wörter kommen ohne Geschlecht aus: Mensch, Person oder Mitglied. eli
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Sprachwissenschaftlerin und Feministin Luise F. Pusch sorgte kürzlich mit ihrer Forderung für Schlagzeilen, das Grundgesetz umzuschreiben – in geschlechtsneutraler Form. Ihre Begründung: Mit Bezeichnungen wie „Bundeskanzler“ oder „Bundespräsident“ werde suggeriert, dass diese Positionen für Männer vorgesehen sei. Mit einer solchen Formulierung verstoße das Grundgesetz gegen die eigene Maßgabe der Gleichbehandlung, sagte Pusch dem Evangelischen Pressedienst. Im Januar diesen Jahres kündigte dann der Online-Duden an, künftig alle 12 000 Personenbezeichnungen gendern zu wollen.

FN haben nachgefragt

Geschlechtergerechte Sprache wird also bundesweit heiß diskutiert. Aber wie gehen Verwaltungen und öffentliche Stellen in der Region mit dem Thema gendern um? Die FN haben nachgefragt.

Die Tauberbischofsheimer Stadtverwaltung gendert seit Dezember vergangenen Jahres. „Das Thema lag auf meinem Tisch, als ich angefangen habe“, berichtet Pressesprecherin Helga Hepp. „Es brauchte eine einheitliche Regelung.“ In der Kreisstadt fiel die Entscheidung auf das Gendersternchen, weil damit Personen aller Geschlechter angesprochen werden. „Als Verwaltung hat man ja oft einen eher konservativen Ruf“, stellt Hepp fest und freut sich, bei diesem Thema einen „frischen Weg zu gehen“. Geschlechtergerechte Sprache sei ein Ausdruck der Wertschätzung. „Wenn ich diese Haltung habe, kann ich das auch in der Sprache zeigen“, findet Hepp. 

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„Wir verwenden seit Jahren Formulierungen wie ,Bürgerinnen und Bürger’ sowohl in der Außen- als auch in der Innenkommunikation“, teilt Angela Steffan, Pressesprecherin der Stadtverwaltung Wertheim, mit. Das entspreche dem allgemein üblichen Sprachgebrauch. Schreibweisen mit Schrägstrich, Unterstrich oder Binnen-I hätten sich aus ihrer Sicht noch nicht durchgesetzt, ebenso der Genderstern. „Diese Schreibweisen haben auch den Nachteil, dass sie sich nur schwer in das gesprochene Wort umsetzen lassen“, gibt Steffan zu bedenken. Die Stadtverwaltung wolle Irritation oder sogar Verärgerung in der Bevölkerung vermeiden und bleibe deshalb bei der „gebräuchlichen Schreibweise ,Bürgerinnen und Bürger’“.

„Das Bemühen, in der Sprache niemanden auszuschließen, ist ein Prozess“, sagt Carsten Müller, Pressesprecher der Stadt Bad Mergentheim. Beim geschlechtergerechten Verfassen von Texten setzt die Stadtverwaltung „im Sinne der Lesefreundlichkeit auf die mit einem ,und’ verknüpfte Ansprache beider Geschlechter“, erklärt Müller. Aktuell werden sämtliche Texte auf der städtischen Homepage dahingehend überarbeitet. In welchem Punkt sich die Verwaltung noch schwer tue, sei bei der Ansprache anderer Geschlechter neben männlich und weiblich, räumt Müller ein.

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Es habe bereits Diskussionen über den Genderstern gegeben, „allerdings sorgt diese Lösung immer für einen kleinen Stolperer im Lesefluss“. Langfristiges Ziel sei ein Leitfaden für alle Bereiche der Stadt, an deren Erstellung Gleichstellungsbeauftragte Sevda Sakiner beteiligt ist. „Noch schöner wäre natürlich, wenn sich im Umgang mit der deutschen Sprache ein wirklich einheitliches Vorgehen entwickelt“, findet Müller.

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Bei der Stadtverwaltung in Buchen gibt es bislang keine rathausübergreifende Regelung, wie Hauptamtsleiterin Simone Schölch mitteilt. Geschlechtergerechte Sprache sei ohne Zweifel ein wichtiges Thema, habe in Buchen aktuell aber nicht oberste Priorität, verweist Schölch vor allem auf die mit der Pandemie verbundenen Herausforderungen. Sie kündigt an, die Anfrage dieser Redaktion zum Anstoß zu nehmen, in diesem Bereich mittelfristig tätig zu werden“.

Das Landratsamt Main-Tauber verwendet in seinen Pressemitteilung die Doppelnennung: Bürgerinnen und Bürger oder Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Diese Formen halten wir am ehesten für geeignet, sowohl möglichst alle Personen – unabhängig vom Geschlecht – einzuschließen, als auch der Grammatik Genüge zu tun“, begründet Pressesprecher Markus Moll. „Alternativen wie BürgerInnen oder Bürger*innen sind nach unserer Auffassung grammatikalisch nicht korrekt und schwer lesbar.“

In der Dienstordnung des Landratsamtes gebe es zwar keine Regelung zu geschlechtergerechter Sprache, „wir gehen aber davon aus, dass die Mitarbeitenden hier eigenverantwortlich gute Lösungen finden“, so Moll weiter. „Uns ist bewusst, dass es bei diesem Thema unmöglich ist, es allen Recht zu machen.“

„Aus der Sprachforschung weiß man, dass zu jeder Kommunikation sowohl eine sendende als auch eine empfangende Person gehört. Selbst wenn erstere bei der Verwendung des generischen Maskulinum Frauen mit meint, entsteht im Gehirn von letzterer ein Bild von Männern“, so die Meinung von Angelika Bronner-Blatz, Beauftragte für Chancengleichheit und Frauenförderung des Landratsamts Neckar-Odenwald. „Damit Frauen nicht nur mitgemeint, sondern auch mitgedacht werden, müssen sie sprachlich auch tatsächlich vorkommen.“

Das Landratsamt nutzt neben der Doppelnennung von Frauen und Männern wo es möglich ist neutrale Formen wie Mitarbeitende, um alle Menschen anzusprechen. „Eine geschlechtergerechte Sprache ist dabei weder umständlich noch unnötig lang, wenn die richtigen sprachlichen Strategien verfolgt werden“, sagt Bronner-Blatz. „Natürlich bedarf es aber der Bereitschaft, sich von ein paar bestehenden Gewohnheiten zu verabschieden.“

Der Ministerrat Baden-Württembergs hat 2002 beschlossen, in der gesamten Verwaltung – und damit auch bei der Polizei – die Strategie des Gender Mainstreaming einzuführen, welche die Chancengleichheit von Frauen und Männern zum Ziel hat. „Als Teil der Landesverwaltung und als lernende Organisation ist die Polizei in der Umsetzung dessen darauf bedacht, gesellschaftliche – und somit auch sprachliche – Entwicklungen in unsere Behördenkultur einfließen zu lassen“, berichtet Gerald Olma, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. „Daher legen wir schon lange einen großen Wert auf eine geschlechtergerechte Sprache.“

Dabei werden bislang Männer und Frauen explizit angesprochen – oder das Thema durch neutrale Worte umgangen. „Für das gesetzlich anerkannte dritte Geschlecht haben sich bislang weder eindeutige Bezeichnungen noch adäquate Pronomen herausgebildet“, begründet Olma, warum es dazu bislang keine Vorgaben gibt und lediglich bei Stellenausschreibungen die Bezeichnung „divers“ ergänzt wurde.

Um sicherzustellen, „dass sich ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch in der gesamten Organisation verankert“, sei die Polizei verpflichtet, regelmäßig für Gleichbehandlung in Wort und Schrift zu sensibilisieren.

„Konsequentes Gendern kann eine Herausforderung in der Kommunikation sein und bedarf immer wiederkehrender Sensibilisierung“, bestätigt Verena Kraus, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Schwäbisch-Hall Tauberbischofsheim. Rechtliche Vorgaben und Arbeitshilfen der Bundesregierung enthielten dazu weitergehende Regelungen, verweist Kraus auf die Strategie des Gender Mainstreaming.

Die Bundesagentur für Arbeit habe hierzu den Sprachleitfaden „Klar, persönlich, partnerschaftlich, zeitgemäß“ veröffentlicht, der unter anderem Beispiele aus überarbeiteten Schreiben enthält. „Sie zeigen, dass auch rechtlich komplexe Sachverhalte verständlich und kundenorientiert dargestellt werden können“, sagt Kraus.

Dabei bevorzugt die Arbeitsagentur Paarformen oder geschlechtsneutrale Formulierungen. Gendersternchen oder Binnen-I sollen die Mitarbeitenden nicht verwenden. „Wir halten es für sehr wichtig, Geschlechtererechtigkeit in unserer täglichen Arbeit so gut es geht umzusetzen“, betont Verena Kraus. „Obwohl sicherlich auch wir noch Verbesserungspotenzial haben.“

Info: Dieser Text wurde - abgesehen von wörtlichen Zitaten - komplett in geschlechtergerechter Sprache verfasst. Ist es Ihnen beim Lesen aufgefallen? 

Regeln der Redaktion

Wer die Fränkischen Nachrichten liest, dem dürfte aufgefallen sein, dass wir bislang noch keine geschlechtergerechte Sprache nutzen. Das bedeutet aber nicht, dass sich unsere Texte ausschließlich an Männer richten. Wir nutzen zwar klassisch die männliche Form, meinen damit aber Personen aller Geschlechter.

Dass wir sie nicht immer explizit ansprechen – also nicht von Bürgerinnen und Bürgern, Polizistinnen und Polizisten schreiben – hat schlicht mit der leichteren Lesbarkeit der Texte zu tun. Eine Ausnahme von dieser Regel machen wir dann, wenn eine interviewte Person es explizit wünscht. Dieses Thema wird intern immer wieder aufgegriffen und es gibt in der Redaktion unterschiedliche, teils schon kontrovers diskutierte Meinungen. Bislang siegt aber das Argument des Leseflusses.

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Veröffentlicht
Von
Elisa Katt und Heike Barowski
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