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Blick in die Geschichte - Auffanglager in Gerlachsheim existierte rund zwei Jahre / Durchgangslager am Reinhardshof eingerichtet / Verteilung aufs Kreisgebiet

Die letzten Vertriebenen kamen 1947 in den Main-Tauber-Kreis

Vor 75 Jahren, im Frühjahr 1947, kamen die letzten Transporte mit Heimatvertriebenen im Landkreis Tauberbischofsheim an.

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Ankunft von Ungarndeutschen im Reinhardshof im Frühjahr 1946. Die Unterbringung war katastrophal © Heinz Finke (Sammlung Uwe Büttner)

Gerlachsheim/Main-Tauber-Kreis. 22 509 Heimatvertriebene aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie, Ungarn und dem Sudetenland fanden im Landkreis Tauberbischofsheim im Jahr 1947 eine neue Heimat.

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Bei der Potsdamer Konferenz am 17. Juli 1945 wurden von den Siegermächten die neuen Grenzen Deutschlands festgelegt. Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin beschlossen die deutsche Bevölkerung außerhalb der neu fest gelegten Grenzen in ordnungsgemäßer und humaner Weise auszusiedeln, was jedoch nicht immer geschah. Über zwölf Millionen Deutsche mussten ab dem 19.Januar 1946 ihre alten Siedlungsgebiete für immer verlassen – rund zwei Millionen Menschen kamen bei der Flucht und Vertreibung ums Leben.

Das Aufnahmelager im Kloster Gerlachsheim bestand von November 1945 bis Juni 1947 © Uwe Büttner

Auf Beschluss der Kreisselbstverwaltung des Landkreises Tauberbischofsheim und der Amerikanischen Militärregierung unter Gouverneur Captain Barber wurden im Kloster Gerlachsheim und im Fliegerhorst Wertheim Auffanglager für die Flüchtlinge eingerichtet. Nach Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen kam der erste Flüchtlingstransport Anfang April 1946 nach Tauberbischofsheim.

Um die Belange der Heimatvertriebenen in der Stadt kümmerte sich der eigens eingesetzte Flüchtlingsausschuss. Eine erhaltene Statistik vom 20. Mai 1947 listet die 16 Herkunftsländer der 1115 Heimatvertriebenen in der Stadt auf. Die größten Personengruppen stammten aus dem Sudetenland, der Tschechoslowakei, Oberschlesien und Niederschlesien.

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Am 7. April 1946 trafen über 1000 Heimatvertriebene aus Südmähren und Znaim am Bahnhof Wertheim ein. © Heinz Finke (Sammlung Uwe Büttner)

Auffanglager in Gerlachsheim

Schon ab dem 6. November 1945 wurde in Gerlachsheim im ehemaligen Kloster ein Auffanglager eingerichtet. Der erste Zug mit Heimatvertriebenen aus dem ungarischen Budaörs mit 1033 Personen erreichte Gerlachsheim begleitet von sowjetischen Offizieren am 7. Febraur 1946. Für die ärztliche Versorgung wurde Dr. Schreder als Lagerarzt verpflichtet und eine Krankenschwester abgestellt. Schwierige Fälle wurden ins Krankenhaus in Tauberbischofsheim eingeliefert.

In der Lagerküche des Auffanglagers wurden die Heimatvertriebenen mit dem Nötigsten versorgt. Bis 1947 folgten zahlreiche weitere Transporte aus Ungarn, dem Sudetenland und aus Schlesien. Nach zehntägigem Aufenthalt wurden die Heimatvertriebenen auf die umliegenden Gemeinden im Kreisgebiet verteilt um Platz für nachfolgende Transporte zu schaffen. Am 30.Juni 1947 wurde das Lager Gerlachsheim aufgelöst.

Durchgangslager Reinhardshof

Nach zähen Verhandlungen mit der Amerikanischen Militärregierung unter Leitung von Lieutnant Zecca über die Rückgabe des Reinhardshofes an die Stadt Wertheim konnte hier ein Durchgangslager eingerichtet werden. Der erste Transport mit 230 Ungarndeutschen traf hier am 14. Februar 1946 ein. Am 13. April 1946 trafen zwei weitere Transporte aus Ungarn mit 1600 Personen ein. Am 26. September 1946 berichtete Flüchtlingsreferent Oetzel vom Landratsamt über die Zustände im Fliegerhorst.

Von Seiten der Siedlungsbewohner kamen Beschwerden über die menschenunwürdige Unterbringung. Der Verwalter bezeichnete die örtlichen Zustände als haarsträubend. So mussten sich neun Personen 36,4 Quadratmeter, acht Personen 23,6 Quadratmeter und sechs Personen 17,8 Quadratmeter Wohnfläche teilen. Hier wurde gekocht, gegessen und geschlafen. Zur Verbesserung ihrer Situation erhielten die Lagerbewohner Saatgut und landwirtschaftliche Maschinen zugeteilt. Durch den Anbau konnte die Versorgung verbessert werden.

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In der Siedlung wurden eine Schule, ein Kindergarten sowie katholische und evangelische Einrichtungen gebaut. Es entstanden kleine Geschäfte und Betriebe. Am 15.November 1946 waren auf dem Reinhardshof bereits 2187 Flüchtlinge untergebracht. Am 13.Oktober 1947 wurde auf Anordnung der Amerikanischen Militärregierung die Flüchtlingssiedlung auf rund 1100 Personen aufgelockert und der Zuzug neuer Personen eingestellt. Das Lager in Wertheim bestand noch bis 1951, danach entstand hier die amerikanische Kaserne „Peden Barracks“.

Verteilung der Vertriebenen

Die Verteilung der Heimatvertriebenen auf die Gemeinden war für die Kreisverwaltung eine oft schwierige und undankbare Aufgabe. Zunächst wurde der verfügbare Wohnraum zur Unterbringung der Neuankömmlinge im Kreisgebiet ermittelt – alle verfügbaren Räume wurden systematisch erfasst. Für die Wohnraumlenkung waren im Landkreis Tauberbischofsheim der Gouverneur der Militärregierung, Major Barber, Landrat Hermann Götz, Regierungsrat Dr. Koldschmidt, Kreisoberinspektor Hügle, von der Kreiswohnungskommission, die Herren Großmann, Kern, Kraus und Maler sowie die Flüchtlingsreferenten Oetzel, Hübner und Baumann zuständig.

Bei regelmäßigen Versammlungen wurden die aktuellen Themen der Flüchtlingssituation beraten. Von der Amerikanischen Militärregierung und der Kreiswohnungskommission wurden zahlreiche Wohnungen im Kreisgebiet zur Unterbringung von Heimatvertriebenen beschlagnahmt, oft unter starkem Protest der Anwohner und Bürgermeister.

Bei Nichtunterbringung von Flüchtlingen wurden von der Militärregierung drastische Strafen verhängt und so mancher Bürger landete im Gefängnis.

Die ersten Organisationen, die sich im Kreisgebiet um die Flüchtlinge kümmerten waren das Deutsche Rote Kreuz, die neu gegründete Caritas und die Flüchtlingsfürsorgerinnen des Evangelischen Hilfswerks. Es ging vor allem darum, die wirtschaftliche Not der Heimatvertriebenen zu beheben und ihnen die Eingliederung in die dörflichen und örtlichen Lebensgemeinschaften zu ermöglichen. Es wurde ihnen durch Care-Pakete, Vermittlung von Kleidung, Möbeln und vielen anderen Gebrauchsgegenständen geholfen.

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Unterbringung oft mangelhaft

In fast jedem Dorf gab es Flüchtlingswohnungen, die jeglicher menschenwürdigen Unterbringung spotteten. Offener Wohnraum konnte oft nur mit Polizeigewalt belegt werden. Besuche in den Gemeinden um Lauda zeigten immer die gleiche Situation unter den Heimatvertriebenen, jedoch war die Unterkunft in den Dörfern meistens besser als in den Städten. Bei einer Flüchtlingsversammlung in Lauda wurden alle Probleme, die es zwischen den Neu- und Altbürgern gab, offen angesprochen.

Im Kreisgebiet entstanden durch den Zuzug der Neubürger zahlreiche neue Wohngebiete wie zum Beispiel 1950 in Tauberbischofsheim „Die Schlacht.“ Die Bevölkerung im Landkreis hatte bis 1950 enormen Zuwachs.

Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Tauberbischofsheim:

Tauberbischofsheim: Volkszählung 17. Mai 1939: 3609 Einwohner; Volkszählung 13. September 1950.

Lauda: 2602 Einwohner; 4267 Einwohner..

Wertheim: 5434 Einwohner; 9789 Einwohner.

Landkreis gesamt: 56 650 Einwohner; 80 491 Einwohner.

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