Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) - Heute tritt das neue Gesetz in Kraft / Rabenvögel nun im Jagdrecht aufgenommen Blutiges Hobby oder Artenschutz?

Von 
Bianca-Pia Duda
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Das Tierschutzrecht hat Verfassungsrang: Damit die Tötung eines Wirbeltieres gerechtfertigt ist, müssen "vernünftige Gründe", wie etwa die Nutzung als Nahrungsmittel, vorliegen.

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Main-Tauber-Kreis. "Warum ändern wir etwas, das sich über Generationen bewährt und funktioniert hat?", fragt Hubert Hartnagel vom Kreisjagdverband Taubebischofsheim (KJV) kritisch. Heute tritt das umstrittene Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG), das im November 2014 beschlossen worden ist, in Kraft. "Die allgemeine Verunsicherung vieler Jäger gründet vor allem darin, dass viele Rechtsbegriffe nicht genau definiert sind", so Hartnagel.

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Anfang März waren Mitglieder des KJV vor den Landtag in Stuttgart gezogen, um gegen das Gesetz zu demonstrieren. Die Proteste der Jäger richteten sich vor allem gegen Durchführungsverordnungen zum JWMG, zum Beispiel gegen die Reduzierung von Jagdzeiten für Wildarten, die bejagt werden dürfen, darunter beispielsweise Füchse und Rabenvögel.

Neuerungen und Hintergrundinformationen zum Jagdgesetz

  • Rabenvögel wurden neu ins Jagdgesetz aufgenommen. Zuvor gab es eine Verordnung , die das Bejagen von Rabenvögeln in Ausnahmefällen zugelassen hat. Die Schonzeit wurde nun verlängertSchalenwild, beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine, darf nur mit Ausnahmen gefüttert werden.
  • Die Wildpopulation soll an die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes angepasst sein. Dabei sollen
  • Beeinträchtigungen der Land-, Forstund Fischereiwirtschaft weitgehend vermieden werden. Wildtierbestände durch Beschuss abzusenken, gehört zu den Extremfällen.
  • Beim Abschussplan handelt es sich um einen Verwaltungsakt, der vom Jäger beziehungsweise vom Revierpächter eingehalten werden muss und weder unter- noch überschritten werden darf.
  • Wildernde Hunde dürfen nur noch mit Genehmigung, verwilderte Katzen überhaupt nicht mehr geschossen werden. bpd

"Das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz ist nach Anhörung der Interessensverbände gegen erhebliche Kritik seitens der Jäger beschlossen worden. Es hat sich zum Ziel gemacht, gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen", beschreibt Gernot Böck, Leiter des Kreisjagdamtes, die Novelle. Zudem sollen Natur- und Tierschutz stärker gewichtet werden als es im Landesjagdgesetz aus dem Jahre 1996 der Fall gewesen sei. "Die Gesetzesnovellierung basiert auf einer breiten Beteiligung fast aller gesellschaftlichen Gruppen nicht nur von Interessensgruppen aus dem Bereich Jagd, Forst, Landwirtschaft, sondern auch Natur- und Tierschutz. Dass es bei diesen unterschiedlichen Interessen sehr schwer ist, einen Konsens zu finden, liegt auf der Hand", ergänzt der stellvertretende Leiter des Kreisforstamtes, Karlheinz Mechler. "Ich denke, dass der eigentliche springende Punkt ist, dass für die Jägerschaft immer mehr gesetzliche Restriktionen geschaffen und Kompetenzen beschnitten werden und dass man als treibende Kraft hierfür wohl die Natur- und Tierschutzverbände sieht", so Mechler.

Jagd versus Naturschutz?

Hubert Hartnagel ist passionierter Jäger. Er ist aber auch Mitglied im Naturschutzbund und sieht den Tier- und Artenschutz - also die Wildhege - als eine zentrale Aufgabe der Waidmänner an. "Ich gehe nicht raus, um zu töten. Das ist nur eine Tätigkeit von vielen. Jäger zu sein bedeutet vor allem, die Natur zu erleben", stellt Hartnagel klar. "Ich lege in meinem Revier beispielsweise im Rahmen des Rebhuhn-Wachtel-Programms Biotope an", informiert der Waidmann, der als Ausbilder an der Jagdschule im Taubertal mit gutem Beispiel vorangehen will. In seinem Revier lässt er nur Jäger schießen, die beispielsweise einem erlegten Tier die letzte Ehre erweisen und eine Keilernadel als Nachweis für ihre Schießfertigkeit tragen. Er hält es für unabdingbar, regelmäßig auf dem Schießstand zu trainieren, damit ein Schuss sofort tödlich ist und das Wildtier nicht durch Fehlschüsse qualvoll verendet.

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"Es macht wirklich keinen Spaß, ein Reh zu erschießen", sagt Hartnagel nachdenklich. Allerdings müsse er sich an einen vorgegeben Abschussplan halten, der in Kooperation mit dem Forstamt erstellt wird. Wie viele Rehe oder Wildschweine geschossen werden müssen, wird anhand von Verbissschäden an Bäumen ermittelt. Ideal sind 15 Rehe auf einer Fläche von etwa 100 Hektar - das entspricht etwa 100 Fußballfeldern. Sind es zu viele Rehe, gibt es nicht genug Futter für alle.

Kritik an der Wildtierfütterung

"So viele Rehe wie es bei uns gibt, ist relativ unnormal", sagt James Brückner von der Tierschutzakademie des Deutschen Tierschutzbundes und führt dies auch auf die jahrelange Wildtierfütterung zurück, die im neuen JWMG nur noch unter bestimmten Voraussetzungen durchgeführt werden darf. "Aus langjährigen Untersuchungen der Wildforschungsstelle Aulendorf hat sich ergeben, dass im gemäßigten Klima der meisten Landkreise Baden-Württembergs auf eine zusätzliche Fütterung des Schalenwildes verzichtet werden kann und ein zusätzlicher Futtereintrag in die Natur vermieden werden sollte", erklärt Gernot Böck.

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Dr. Joachim Brückner vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat die Durchführungsverordnung mit ausgearbeitet. Er rechnet in diesem Zusammenhang vor allem mit Anfragen von Jägern aus dem Hochschwarzwald. "Mit einem entsprechenden Fütterungskonzept, das vorab vorgelegt werden muss, kann die Fütterung des Schalenwilds genehmigt werden."

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James Brückner legt kritisch nach: "Wenn man so etwas fordert, muss das doch für alle Tiere gelten? Wer füttert denn Füchse oder Rabenkrähen?" Es sei normal, das immer wieder Tiere verhungern. Das sei die Natur. "Verhungern ist ein sehr langwieriger Tod", weist Hartnagel auf die Grausamkeit der Natur hin. Allerdings sieht er im Main-Tauber-Kreis auch keine Notwendigkeit, Wildtiere zu füttern. "Die Winter sind hier weder sehr kalt noch lang. Da finden die Tiere immer genug Futter."

Unfreiwillige Futterzufuhr

Ein "Schlaraffenland" finden momentan Wildschweine vor, die sich in den letzten Jahrzehnten stark vermehrt haben. "Das Wildschweinproblem ist menschengemacht", prangert Johannes Enssle, Jagdreferent des Nabu-Baden-Württemberg an. Schuld daran sei beispielsweise der gestiegene Maisanbau und die Klimaerwärmung. Diese führt zu einem Anstieg der Wildschwein-Leibspeise, den Bucheckern.

Joachim Brückner hält ein zielführendes Zusammenarbeiten zwischen Jägern , Bauern und Landwirten für wichtig, um die Wildschweinpopulation in den Griff zu bekommen. "Leider gibt es nicht wirklich Alternativen zur Jagd", informiert Hartnagel. Verstänkerungsmittel hielten die intelligenten Tiere maximal drei Tage von Mais- und Weizenfeldern fern. Das weiträumige Einzäunen von Feldern ist ebenfalls nicht immer in der Praxis umsetzbar. "Oft wurden die Weidezaungeräte gestohlen", bedauert Hartnagel. "Dadurch, dass eine Bache sehr leicht Futter findet, bekommt sie alle Frischlinge durch", erklärt James Brückner. "Die Tiere werden nach dem Erlegen gegessen", ist für ihn jedoch der einzige Grund, mit dem er die Jagd laut Tierschutzgesetz als gerechtfertigt ansehen kann.

Trotz Novellierung ist keiner richtig zufrieden und auch Dr. Joachim Brückner weiß: "Das Gesetz, so wie es ist, ist ein Kompromissgesetz."