Vor 25 Jahren - Orkan "Wiebke" fegte mit mehr als 160 Stundenkilometern über die Region und richtete in den Wäldern großen Schaden an Bäume knickten wie Streichhölzer um

Von 
Harald Fingerhut
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Der Orkan "Wiebke" fegte mit mehr als 160 Stundenkilometern übers Land und knickte oder entwurzelte unzählige Bäume wie hier im Gerchsheimer Forst.

© Jürgen Weihmann

Main-Tauber-Kreis. Der Sturm "Niklas" war gnädig. Er brauste am Main-Tauber-Kreis weitgehend vorbei und verschonte so die Region. Ganz anders war dies vor 25 Jahren: Nachdem "Vivian" ein ungestümes Vorspiel abgeliefert hatte, fegte der Orkan "Wiebke" in der Nacht zum 1. März 1990 mit mehr als 160 Stundenkilometern übers "Ländle" und vor allem auch übers "Liebliche Taubertal" und die angrenzenden Höhen.

Die Schadensbilanz

  • Die Schäden im Main-Tauber-Kreis und die in die Wege geleiteten Maßnahmen zu deren Aufarbeitung.
  • Wertheim: Schadensumfang: insgesamt 300 000 Festmeter Holz, davon 150 000 Festmeter im öffentlichen Wald und 150 000 Festmeter im fürstlichen und gräflichen Wald (fünffacher Jahreseinschlag); Schadenshöhe (Berechnungsgrundlage sind ein Vermögensverlust von 50 Euro pro Festmeter und ein finanzieller Kultivierungsaufwand von 750 Euro pro Hektar): über 20 Millionen Euro. Schadensfläche: 600 bis 700 Hektar. Schadensschwerpunkte: östlich der Tauber, vor allem zwischen Külsheim und Bronnbach. Dauer der Aufarbeitung: zwei Jahre. Nasslagerstätten in Freudenberg, Bronnbach (eines östlich und eines westlich der Tauber), Bestenheid und Nassig.
  • Lauda-Königshofen: Schadensumfang: insgesamt 70 000 Festmeter Holz (dreifacher Jahreseinschlag); Schadenshöhe: über fünf Millionen Euro. Schadensfläche: 150 bis 200 Hektar. Schadensschwerpunkt: Ahornwald. Dauer der Aufarbeitung: zwei bis drei Monate. Nasslagerstätten zwischen Obereubigheim und Eubigheim und Königshofen an der Tauber.
  • Bad Mergentheim: Schadensumfang: insgesamt 55 000 Festmeter Holz (dreifacher Jahreseinschlag); Schadenshöhe: zwischen vier und fünf Millionen Euro. Schadensfläche: 100 bis 150 Hektar. Schadensschwerpunkte: Stuppach, Herbsthausen und Bernsfelden. Dauer der Aufarbeitung: zwei bis drei Monate. Nasslagerstätten: eines zwischen Markelsheim und Igersheim.
  • Tauberbischofsheim: Schadensumfang: insgesamt 30 000 Festmeter Holz (zweifacher Jahreseinschlag); Schadenshöhe: zwischen drei und vier Millionen Euro. Schadensfläche: 70 bis 80 Hektar. Schadensschwerpunkte: Gerchsheim und Königheim. Dauer der Aufarbeitung: zehn Monate. Nasslagerstätten: keine, da die Einrichtung nur an der Brehmbach sinnvoll gewesen wäre, sie aber im Sommer zu wenig Wasser führt
  • Baden-Württemberg: Die Waldbesitzer beklagten einen Anfall von fast 15 Millionen Kubikmetern Schadholz. Rund 23 000 Hektar Waldfläche musste aufgearbeitet werden. hut
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Stämme knickten unter der stürmischen Urgewalt wie Streichhölzer um. Bäume wurden mit samt der Wurzel umgeworfen. Ganze Waldgebiete machte der Orkan sozusagen dem Erdboden gleich. Insgesamt sind in Baden-Württemberg rund 15 Millionen Kubikmeter Sturmholz angefallen, im Main-Tauber-Kreis rund 450 000 Festmeter. Der Schaden im Landkreis belief sich auf knapp 35 Millionen Euro (siehe auch Info-Kasten). Vor allem Fichten fielen dem Orkan zum Opfer. Die Stürme "Vivian" und "Wiebke" läuteten damit den Niedergang der Fichte in den heimischen Wäldern ein. Gleichzeitig bedeutete die Naturkatastrophe eine Zäsur in der Waldwirtschaft: die Abkehr von der Monokultur hin zu naturnahen, gemischten Wäldern.

Großes Gefahrenpotenzial

"Es war schwierig überhaupt in die Wälder hineinzukommen", erinnert sich Forstdirektor Jürgen Weihmann an die Ereignisse vor 25 Jahren. "Schrägstehende Baumstämme, herabhängende Äste machten den Begang lebensgefährlich." Ein Bild vom Ausmaß der Schäden konnte sich der Forstexperte erst machen, als er mit dem Flugzeug über die Schadensflächen geflogen ist. "Bei uns im Bezirk Tauberbischofsheim war vor allem Gerchsheim und Königheim/Pülfringen betroffen", bilanziert er. "Im Landkreis aber hat es Wertheim am Schlimmsten erwischt, aber auch Buch hat einiges abbekommen." trotz des Gefahrenpotenzials war es wichtig, schnell an die Schadflächen zu kommen, um das Holz möglichst rasch aufarbeiten zu können. "Die Zeit drängte, denn es drohte der Borkenkäferbefall", so Weihmann weiter. Die umgeknickten, verrottenden Bäume bildeten das ideale Umfeld für den Borkenkäfer, der sich dann auch an gesunden Bäumen schadlos gehalten hätte. Eine Sorge, die sich noch als berechtigt herausstellen sollte.

Soldaten halfen

"Mit unseren Waldarbeitern war das aber in der gebotenen Eile nicht zu schaffen, wir mussten uns um Hilfe bemühen", so der Forstdirektor. Mit Hilfe des damaligen Landrats Georg Denzer wurde die Bundeswehr mobilisiert. Soldaten und schweres Gerät sollten die Aufarbeitung beschleunigen. "Doch schnell wurde klar, dass der Berge-Leo nicht zum Holzrücken geeignet war", erinnert sich Weihmann. "Deshalb mussten wir uns nach einer anderen Lösung umsehen.

Erstmals Harvester im Einsatz

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"Ich habe mich damals für den Einsatz eines Harvesters stark gemacht und im Nachhinein hat sich das als ideale Lösung herausgestellt." Damals war der Einsatz eines solchen Gerätes noch stark umstritten. Der Harvester verursacht zu große Schäden am Waldboden lautete damals der größte Kritikpunkt. Doch eine andere Alternative sah Weihmann nicht. Und so kamen die Vater und Sohn Ehn aus Schweden im Main-Tauber-Kreis zum Einsatz.

Trotz des Einsatzes des Harvesters und der Soldaten gelang es nicht, im Forstbezirk Tauberbischofsheim alle Schadflächen rechtzeitig, vor der Einnistung des Borkenkäfers, aufzuarbeiten. Die Befürchtungen sollten sich bewahrheiten.

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Weihmann: "In Pülfringen fiel deshalb ein Fichtenwald dem Schädling zum Opfer."

Nasslagerplätze

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Um den Preisverfall auf dem Holzmarkt aufgrund großer anfallender Mengen an Sturmholz zu verhindern, richteten die Forstämter Nasslagerplätze ein. Durch die dauerhafte Berieselung des Stämme mit Wasser sollten diese sozusagen konserviert und später verkauft werden. Die Rechnung ging jedoch nur teilweise auf, wie Weihmann feststellt: "Der Preisverfall konnte tatsächlich abgemildert werden, aber die Stämme verloren durch die Lagerung an Qualität und erzielten deutlich niedrigere Preise."

Zäsur in der Waldwirtschaft

"Wiebke bedeutete den Anfang vom Ende der Fichte in den hiesigen Wäldern", meinte Forstdirektor Jürgen Weihmann rückblickend im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. " Vor allem die Standorte auf Lettenkeuper haben sich als für diese Baumart ungeeignet erwiesen." Bis zu den Februarstürmen war die Fichte der Brotbaum in der Forstwirtschaft. Er versprach schon nach relative kurzer Zeit Einnahmen. Während man bei der Eiche mindestens 100 Jahre warten muss, bis sie vernünftige Verkaufserlöse bringt, ist dies bei der Fichte schon nach rund 50 Jahren der Fall. Vor allem war das Nadelholz in der Baubranche beliebt.

Die Anpflanzung von Monokulturen mit den Nadelhölzern war die Folge, auch auf Böden, wie dem Lettenkeuper, die für diese Baumarten eigentlich ungeeignet waren und sind.

Mischwald bringt Stabilität

Von zehn Bäumen, die damals dem Sturm zum Opfer gefallen sind, waren acht Fichten. Deshalb entschlossen sich die Forstleute auch, bei der Aufforstung einen anderen Weg zu gehen, so dass die Stürme letztlich eine Zäsur in der Waldwirtschaft bedeuteten. Die Wälder, wie sie sich heute präsentieren, sind das Ergebnis einer Umkehr, weg von der Monokultur hin zu Mischwäldern. Vor allem die Eiche wurde bei der Aufforstung gefördert.

95 Prozent der Schadflächen wurden mit Laub-/Mischwäldern aufgeforstet. Das Ergebnis ist eine stabilere und gleichzeitig naturnahe Waldgeneration.