Frisuren in Zeiten der Corona-Pandemie - Viele nehmen ihre wachsende Haarpracht mit Humor, sehen aber gleichzeitig die Notlage der Friseure Annäherung ans Modell „Brokkoli“

Beim Blick auf ihre Frisur sträuben sich bei vielen die Nackenhaare. Dringend wäre ein Schnitt nötig, die Friseure sind aber zu. Die FN fragten nach, wie der eine oder die andere damit klarkommt.

Von 
Susanne Marinelli
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Die Haare wachsen, doch ein Friseurbesuch ist wegen des Corona-Lockdowns momentan nicht möglich. Allerdings stellt sich die Frage, ob es eine gute Idee ist, sich wie dieser junge Mann nach einer Online-Anleitung selbst die Haare zu scheiden. © Thomas Frey/dpa

Main-Tauber-Kreis. Der Pony wird immer länger, die normalerweise „blankliegenden“ Ohren wuchern langsam zu und die Locken sind nicht mehr zu bändigen. Egal ob bei Frau oder Mann, Jung oder Alt: Das Haupthaar (soweit noch vorhanden) wächst und wächst – und wird so zum sichtbaren Zeichen des anhaltenden Corona-Lockdowns.

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Deshalb stellt sich für viele die Frage: „Was tun? Selbst zu Schere oder Färbemittel greifen? Das bringt oft nicht das erhoffte Ergebnis. Also sprießen die Haare munter vor sich hin. Das nehmen alle, mit denen die FN bei einer kleinen Umfrage gesprochen haben, mit Humor. Dabei sehen sie aber auch die Not der Friseure, die wegen Corona ihren Beruf nicht ausüben dürfen.

Für Tauberbischofsheims Bürgermeisterin Anette Schmidt ist die Sache „noch nicht ganz so tragisch“, wie sie angesichts ihrer „relativ langen Haare“ erleichtert feststellt. Doch, gibt sie lachend zu: „Es ist hauptsächlich die Farbe, die fehlt.“ Aber auch das ist für die Rathaus-Chefin kein Problem: Denn das Färben erledigt sie schon immer „schnell zwischendurch“. Dennoch freut sie sich darauf, nach der Öffnung der Friseursalons „wieder einen richtigen Schnitt reinzukriegen“. Darauf wollten ihre „drei Jungs“ nicht warten. Schmidts Söhne griffen selbst zur Schere und schnitten sich gegenseitig die Haare. Offensichtlich mit Talent. Denn ihre Mutter bescheinigt ihnen: „Es ist auf alle Fälle besser als vorher.“ Auch wenn das Thema in der Familie Schmidt Heiterkeit hervorruft, weiß die Bürgermeisterin um die Sorge der Berufsgruppe und der Bürger. Gerade für Ältere wäre es sicher ein anderes Lebensgefühl, wenn sie wieder zum Friseur gehen dürften, ist sie überzeugt. Für Letztere sei ebenso wie für Selbstständige in Handel, Gewerbe und Gastronomie die Lage dramatisch, zumal die „Finanzhilfen nicht so zügig laufen, wie wir uns das wünschen. Für uns Kleinstädte“ sei der Erhalt des Angebots wichtig. Für die Bürger hofft sie, „dass sie dieses Stück Lebensqualität schnell wieder zurückerhalten, für die Friseure, dass sie öffnen dürfen.“

„Ich vermisse es, zum Friseur zu gehen“, bekennt Werbachs Bürgermeister Ottmar Dürr. Eigentlich hatte er Anfang Dezember einen Termin. Doch der fiel aus. Mit trockenem Humor folgert er daraus: „Es ist für mich von Vorteil, dass ich momentan keinerlei Passfotos für Wahlprospekte benötige.“ Immerhin „erkennen die Bürger mich noch, wenn ich mal auf die Straße gehe“. Gedanken hat er sich bereits gemacht, was er in dieser haarigen Angelegenheit tun werde, wenn der Lockdown noch viel länger dauern „und ich es nicht mehr aushalten sollte“: Dann darf seine Frau zum elektrischen Haarschneider greifen.

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Während Dürr „noch beruhigt in die Zukunft schaut“, hofft er auf eine baldige Öffnung der Friseursalons. Denn für viele gehe es mittlerweile um „Sein oder Nichtsein“.

„Das ist für mich nicht so schlimm“, sagt Heike Dinse, Pfarrerin für die evangelischen Gemeinden Höhefeld, Külsheim und Niklashausen. Wenn sie ihre Haare hinter die Ohren kämme, sehe das „halbwegs in Ordnung aus.“ Während sie selbst einen Haarschnitt noch nicht sehr vermisse, sei das für viele alte Damen aber Problem. Denn der Besuch beim Friseur bedeute oft auch, den Seniorinnen „ein Stück weit ihre Würde zu geben“.

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Die Pfarrerin „will nicht, dass noch mehr Menschen an Corona sterben“. Deshalb sei eine weitere Senkung des Inzidenzwerts wichtig. Gleichzeitig wünscht sie sich eine schnelle Öffnung der Friseurgeschäfte und der anderen geschlossenen Betriebe: „Es tut mir leid für alle, die im Lockdown um ihre Existenz kämpfen müssen.“

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Noch geht es Sabine Baumeister, Fachbereichsleiterin der Stadt Lauda-Königshofen, in „Sachen Haare“ gut, wie sie sagt. Sie gehört allerdings zu den Glücklichen, die kurz vor dem Lockdown beim Friseur waren. Langsam aber, bekennt sie, „schaue ich doch mit etwas Grausen in den Spiegel“. Dabei kommen der Wirtschaftsförderin auch die coronabedingt arbeitslosen Friseure in den Sinn. Für alle von Schließungen betroffenen Kleinbetriebe wünscht sie sich schnellstens eine Lockerung der Beschränkungen. Die Politiker ruft Baumeister dazu auf, „genauer hinzuschauen“, wie das Infektionsgeschehen wo wirklich ist, und die Regelungen anzupassen. Denn gerade Kleinbetriebe – inklusive Friseure – im ländlichen Raum verfügten über sehr gute Hygieneschutzkonzepte. Nun sei aber zu befürchten, dass für manche ihr Lebenswerk „wie ein Kartenhaus zusammenfällt“.

„Langsam wird es Zeit, dass mir jemand hilft“, sagt Bad Mergentheims Kirchenmusikdirektor Michael Müller. Zwar trage er eine „normale Männerfrisur, nicht sonderlich gestylt, sondern eher traditionell“. Doch im Gegensatz zu anderen Männern in seinem Alter mit weniger oder gar keinem Haar mehr, habe er sehr dicke Haare, lacht der 58-Jährige. „Es ist, wie es ist“, nimmt er die Sache gelassen. Das Ganze erinnert ihn gar an seine Jugend. „Damals, Ende der 1970er Jahre, hatte ich schulterlange Haare“, erzählt er – um gleich hinterherzuschicken: „Aber aus dem Alter bin ich raus.“

Ernst wird Müllers Ton, als er auf die Friseure zu sprechen kommt: „Die tun mir leid. Sie können einen ,ausgefallenen’ Haarschnitt nicht nachholen. Die Einnahmen sind weg.“ Deshalb sei es gerechtfertigt, wenn wegen des durch Corona bedingten Mehraufwands bei einem Friseurbesuch höhere Preise verlangt werden. Denn: „Qualität muss auch belohnt werden.“

Die „Friseur-Auszeit“ von Christiane Förster, Geschäftsführerin der Tourismus Region Wertheim GmbH, läuft seit Oktober. Ihr Vorteil: Sie hat „kaum graue Haare“, wie sie sagt, und ihre Haare sind lang. „Und wenn es ganz schlimm kommt, dann setzen wir eine Kappe auf“, hat sie einen praktischen Tipp.

Lieber wäre ihr allerdings, wenn die Friseure wieder ihrer Arbeit nachgehen könnten. Denn das wäre nicht nur gut für sie selbst, sondern vor allem für die Beschäftigten. Diesen fehlten nicht nur Einnahmen und Löhne, sondern auch das Trinkgeld, das bei der Berufsgruppe zum Teil im Gehalt einkalkuliert sei. Schwer nachvollziehbar ist für Förster, warum in manchen Branchen nur bestimmte Bereiche geschlossen wurden. So seien beispielsweise medizinische Massagen erlaubt, sonstige dagegen nicht. Doch auch diese dienten dem körperlichen Wohlbefinden, besonders nach stundenlanger Büroarbeit.

Bei der Arbeit gepflegt aussehen sollen und wollen ebenso Frauen und Männer, die im Kundenservice tätig sind. Ein Beispiel dafür sind Banken und Sparkassen. Doch auch hier hält die „Coronafrisuren-Mode“ langsam, aber sicher, Einzug.

Obwohl er „das große Privileg“ in Form eines Termins bei seiner „Stammfriseurin“ nur eine Stunde vor Beginn des Lockdowns hatte, nähert sich die Haarpracht von Tilmann Fabig „langsam dem Modell Brokkoli“ an. Sein Haupthaar wachse in alle Richtungen, beschreibt der Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Medialer Vertrieb bei der Volksbank Main-Tauber sein Aussehen – und nimmt sich dabei selbst auf die Schippe. Alle Angesprochenen werden dem begeisterten Fastnachter seine lachend getätigte „Feststellung“ sicherlich verzeihen, wonach „sich das zunehmend grauenhafte Aussehen unserer Mitarbeiter dem unserer Kunden annähert“. Man sehe hier „durchaus Synergieeffekte“, stellte er spaßig fest, um dann zu betonen: In der Realität spiele dieses Thema aktuell in der Volksbank keine Rolle. Man hoffe auf ein schnelles Ende des Lockdowns. Denn dieser sei für die Gewerbetreibenden ein Schlag ins Kontor. Doch, so Fabig: „Die Umstände lassen im Moment keine Alternative zu.“

Kein Problem ist auch in der Sparkasse Tauberfranken, wenn die Frisuren der Mitarbeiter jetzt aus der Form wachsen. „Da dreht niemand einem einen Strick draus. Jeder hat das gleiche Problem“, betont Kommunikationsmanager Thomas Landwehr. Er selbst beschreibt seine aktuelle Frisur – augenzwinkernd – nicht gerade vorteilhaft: „Die Locke von Trump ist nichts dagegen.“ Für einen Zopf, wie er ihn in jüngeren Jahren getragen habe, reiche es aber noch nicht. Als er seine Haarpracht 1990 zwei Tage vor dem Ausbildungsbeginn habe abschneiden lassen, seien die Locken nach oben geschnellt, erinnert er sich.

Trotz allem Lachen sieht Landwehr auch den Ernst der Lage für die Friseure, deren Angst um die eigene Existenz: „Momentan hängen alle in der Luft. Die Leute stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Dringend nötig seien deshalb klare Aussagen, wie es weitergehen wird. Oder Geld. Und er betont: „Irgendwann nach dem Lockdown will ich auch wieder zu meinem Friseur.“

Das möchte auch Michael Korn, Leiter der Musikschule Freudenberg. Mit einem Unterschied. Der Musiker kann trotz Lockdown seine Friseurin quasi zu jeder Tages- und Nachtzeit um einen Termin bitten. Denn diese ist seine Ehefrau und schneidet ihm schon seit 33 Jahren immer die Haare. Seine Naturlocken trägt er schulterlang. Sie sind „somit einfacher zu handhaben“, sagt er. Den Friseuren drückt Korn fest die Daumen, „dass sie öffnen dürfen, damit es ihnen wieder bessergeht“. Da drückt bestimmt jeder mit.