Pandemie - Die Infektionslage in Deutschland entspannt sich sichtbar, doch die Zahl der täglichen Covid-19-Toten bleibt hoch Wieso sterben noch so viele?

Von 
Julia Emmrich
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Ein Patient liegt auf der Intensivstation für Covid-19 Patienten des Klinikums Stuttgart im künstlichen Koma und wird in einem Intensivbett beatmet. © dpa

Berlin. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen: Die Zahl der Neuinfektionen, die Sieben-Tage-Inzidenz und die Zahl der Intensivpatienten – sie alle gehen zurück. Die Zahl der täglich gemeldeten Corona-Toten aber bleibt erschreckend hoch. Ende des Jahres waren 30 000 Menschen in Deutschland an Covid-19 gestorben, drei Wochen später sind es schon mehr als 50 000. Wie kann das sein?

Was verändert sich bei den Zahlen?

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Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in den vergangenen vier Wochen von fast 200 Fällen pro 100 000 Einwohner auf zuletzt 115 Fälle gesunken. Die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen verringert sich ebenfalls seit Anfang Januar: von mehr als 5700 Intensivpatienten am 3. Januar auf zuletzt 4787 Fälle. Gleichzeitig ist auch das Durchschnittsalter der Patienten abgesunken: Auf vielen Stationen, etwa an der Berliner Charité, liegt der Altersdurchschnitt bei rund 60 Jahren. Die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle aber bleibt hoch. Am Donnerstag waren es nach Angaben des Robert Koch-Instituts 1013 Fälle, am Freitag immerhin noch 859 Fälle. Auch im europäischen Vergleich verzeichnet Deutschland derzeit vergleichsweise viele neue Corona-Tote.

Welche Erklärungen gibt es dafür?

Erstens: Zwischen Ansteckung, Erkrankung und Tod vergehen im Schnitt etliche Wochen. Auf den Intensivstationen etwa liegt die durchschnittliche Verweildauer beatmeter Patienten bei 25 Tagen, manche blieben bis zu 90 Tage, berichten Intensivmediziner. Das heißt: Menschen, die in diesen Tagen sterben, haben sich in der Regel vor dem Jahreswechsel angesteckt. Am 25. Dezember lag die Zahl der aktiven Fälle bei fast 400 000. „Die aktuell hohen Todeszahlen – dahinter stehen die hohen Fallzahlen aus der Vorweihnachtszeit“, heißt es beim RKI.

Zweitens: Aktuell stecken sich besonders viele Hochrisikopatienten an. Laut RKI gibt es derzeit über 900 Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen. Erst 60 Prozent der Pflegeheimbewohner sind geimpft, die meisten davon auch erst mit der ersten von zwei Impfdosen.

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Drittens: Viele Covid-Patienten sterben gar nicht in den Kliniken, sondern vielfach in Pflegeeinrichtungen. Ohne Gerätemedizin, ohne wochenlange lebenserhaltende Maßnahmen geht der Sterbeprozess oft schneller. Warum es dazu kommt? „Wir können am Ende nur mutmaßen“, sagt ein führender Intensivmediziner. „Uns fehlen die Daten dazu.“

Warum sterben immer weniger Menschen auf Intensivstationen?

Dazu gibt es nur Beobachtungen, aber keine verlässlichen Daten. „Der Bundesgesundheitsminister muss endlich das Robert Koch-Institut beauftragen, dazu eine tägliche Statistik zu veröffentlichen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, dieser Redaktion. Der Patientenschützer ist alarmiert: Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen sei mittlerweile teilweise auf unter 60 Jahre gesunken. „Doch der Anteil der über 70-Jährigen, die an und mit Covid-19 versterben, beträgt über 90 Prozent. Dieser Widerspruch ist besorgniserregend“, so Brysch. Es müsse geklärt werden, „warum so viele Hochbetagte und Pflegeheimbewohner die Kliniken gar nicht erst erreichen“, forderte Brysch.

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Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach beobachtet diese Entwicklung. „Viele Pflegebedürftige, die an Covid-19 erkranken, sterben nach Aussagen von Intensivmedizinern und Pflegeleitern heute in ihren Einrichtungen oder auf Normalstationen. Sie werden gar nicht mehr auf die Intensivstationen verlegt“, sagte der Mediziner dieser Redaktion. Die hohen Sterberaten, das geringe Durchschnittsalter der Intensivpatienten und der Rückgang auf den Intensivstationen ließen sich anders nicht erklären. Entsprechende Daten dazu fehlten allerdings.

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Lauterbach nannte als mögliche Begründung die Erfahrungen aus der ersten Pandemiewelle: Damals habe man gesehen, was passieren könne, wenn hochbetagte, schwer kranke Pflegebedürftige über Wochen auf den Intensivstationen künstlich beatmet werden. „Pflegebedürftige, die an Covid-19 erkranken, haben eine Sterbewahrscheinlichkeit von zum Teil mehr als 75 Prozent. Wer die Erkrankung überlebt, hat ein hohes Risiko für einen schweren Demenzschub. Viele erholen sich trotz Rehabilitationsmaßnahmen nicht mehr davon“, so Gesundheitspolitiker Lauterbach. Weil viele Pflegebedürftige per Patientenverfügung längere lebenserhaltende Maßnahmen wie etwa künstliche Beatmung ablehnten, entschieden sich die zuständigen Ärzte zusammen mit den Angehörigen nun offensichtlich öfter gegen eine Einweisung in die Klinik. In solchen Fällen werde dann in der Regel eine Palliativbehandlung begonnen. Er gehe davon aus, dass hinter solchen Entscheidungen medizinische Gründe stünden, so Lauterbach. „Ich glaube nicht, dass hier verdeckte Rationierung eine Rolle spielt, etwa um die Intensivstationen zu entlasten.“ Brysch ist skeptischer: „Liegt eine freie Entscheidung des Corona-Patienten vor, ist das kein Problem.“ Sollten jedoch die niedergelassenen Ärzte hier Einfluss nehmen, dann wäre das für die Betroffenen „höchst bedrohlich“.

Welche Rolle spielen hochinfektiöse Mutationen?

Die aktuell hohen Todeszahlen dürften nach Einschätzung des Berliner Virologen Christian Drosten noch nichts mit den in Europa kursierenden hochinfektiösen Virusvarianten zu tun haben. Die zunächst in Großbritannien entdeckte Mutante breite sich offenbar erst seit Anfang des Jahres in Deutschland aus. Aus Einzelfällen seien aber inzwischen kleinere Herde geworden: „Wir sehen jetzt erste Cluster“, sagte Drosten am Freitag. Neue Studien zeigten, dass die Infektiosität der Mutante um 22 bis 35 Prozent erhöht sei. Seine eindringliche Warnung: Sollte es in den nächsten Monaten zu Lockerungen der Corona-Maßnahmen kommen, und sollte das Virus dann weniger kontrolliert werden, „könnte man in ein Szenario mit täglich mehr als 100 000 Fällen kommen“.

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