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Pandemie - Der Präsident des Robert-Koch-Instituts wurde in der Corona-Krise mit seinen sachlichen Argumenten oft überhört – jetzt setzt er auf brutal offene Worte

Warum RKI-Chef Wieler so wütend ist

Von 
Miguel Sanches
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (r., CDU) und Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), äußern sich in der Bundespressekonferenz zur aktuellen Corona-Lage.

Berlin. Ruhig, sachlich, warnend und mahnend, dabei stets kontrolliert. So kannte man Lothar Wieler, den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI). Doch jetzt ändert er den Ton: Offen, direkt, beißend. Ein Mann im Jetzt-reicht’s-Modus. Die Warnungen sind nicht neu, der Tonfall schon. Seine Modellierungen zur Corona-Pandemie sind unerbittlich. Wenn die Kontakte nicht drastisch reduziert würden, „werden wir auch eine fünfte Welle bekommen“, warnte Wieler. Wieder so eine Prognose wie damals im Juli, als er eine vierte Welle im Herbst voraussagte. Und weitgehend ungehört blieb.

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„Dass man offensichtlich immer wieder die Hand auf die heiße Herdplatte legen muss, um zu merken, dass man sich dann verbrennt“, verwundert Wieler. „Das ist ernüchternd“, sagte er der „Zeit“. Vor allem Politiker dürfen sich angesprochen fühlen. Es war Zeit, seine Kommunikation zu ändern. Der Wendepunkt: eine Online-Schalte letzte Woche mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). 52 000 Neuinfektionen waren gemeldet worden, und Wieler rechnete „superdüster“ vor, dass davon 400 sterben würden.

„Niemand von uns, der hier sitzt, kann diesen Typen noch helfen. Das ist ein Eimer Wasser, der ist ausgeschüttet“, sagte er. Da war er. Der Moment, als Wieler jede Rücksicht fallen ließ. Allein bei Youtube wurde das Video mit der Brandrede des RKI-Chefs rund 370 000-mal abgerufen.

Damit verschaffte er sich Respekt, wenn auch zunächst nur auf Twitter: mit #DankeWieler. Ein User schrieb: „ach, Herr Wieler, unsere Stimme in der Wüste“. Seit er seinen Ton verschärft hat, kommt Wieler besser an. Er selbst hatte beinahe entschuldigend angemerkt: „das ist ’ne klare Sprache“. Aber er könne es nach 21 Monaten „auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen“.

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Die Frage ist nur, ob er auch die Entscheidungsträger erreicht. Ei-nes hat Wieler aber geschafft: eine Linie zu ziehen. Die Trennlinie zwischen Verantwortung und Verantwortungslosigkeit. Es geht darum, wer politisch die vierte Welle verantwortet; und vielleicht auch darum, ob der Rat des 60-Jährigen bei der künftigen Regierung gefragt sein wird. Das würde das Timing seiner neuen Heftigkeit erklären, mitten in einer Übergangsphase, in einem Machtvakuum.

Viele Virologen sind frustriert. Wundern sich wie Melanie Brinkmann, dass Großveranstaltungen erlaubt werden und klagen wie Christian Drosten über zu milde Maßnahmen. „Man kann doch nicht in einer Notfallsituation Dinge vorschlagen, von denen man eigentlich genau wissen müsste, dass sie nicht funktionieren werden“, sagte er in seinem Podcast. Der Titel: „SOS – Iceberg, Right Ahead!“ Er wolle kein Papagei werden, der stets dieselbe Botschaft verbreitet, sagt Drosten. Wieler betrachtet es als seine Aufgabe, zur Not auch das zu sein: ein Papagei. Das sei er „schon lange“. Im Oktober hatte der praktizierende Katholik erstmals einen Einblick in sein Innerstes erlaubt, einen Spalt breit. Damals erzählte Wieler, Ehemann und Vater zweier erwachsener Töchter, unserer Redaktion von Todesdrohungen. Damals spürte man, wie verletzlich er war.

Solche Grenzerfahrungen hätte er sich nicht vorstellen können, als er 2015 die RKI-Leitung übernahm. „Genau wie man sich nicht vorstellen kann, zwölf zu null zu verlieren, wenn man in einer Fußballbundesligapartie auf den Platz geht“, hat der Fachtierarzt für Mikrobiologie „Zeit Online“ gesagt. Fragen nach den Drohungen wehrt er neuerdings ab. Seine Rolle, seine Aufgabe sieht der Beamte darin, die Gesundheitslage faktenbasiert darzustellen. Punkt.

Das Problem besteht darin, „dass die Delta-Variante die Karten neu gemischt hat“, erläutert Drosten. Sie sei sehr schnell übertragbar, auch über Geimpfte. Und hier wird das kollektive Missverständnis im Sommer deutlich: Die politisch Verantwortlichen sahen mit der Impfpflicht auch die Rückkehr zur Normalität voraus, die Drostens oder Wielers aber aufgrund von Delta das Gegenteil: eine Notfallsituation.

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Der Virologe Klaus Stöhr findet diesen dramatischen Befund überzogen. Er meint, „der Winter wird hart, was die Zahl der Fälle betrifft. Aber: Es ist immer noch nicht angekommen, dass die Pandemie erst dann vorbei ist, wenn sich alle infiziert haben.“ Oder per Impfung immun sind. Neben Delta ist Wielers Erklärung für die dramatische Lage, dass die Menschen mobiler sind als vor einem Jahr – und dass viel zu wenige geimpft sind. Die Impflücke von rund 15 Millionen Erwachsenen müsste ihm den Schlaf rauben. In den 21 Monaten der Pandemie habe er trotzdem gut geschlafen, „sonst wäre ich nicht mehr hier im Dienst“. Aber nach der Schalte mit Kretschmer war er doch zu aufgewühlt, als er erfuhr, dass ihm auf Twitter plötzlich Tausende dankten.

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