Ausblick - Die Raumfahrtbranche wächst rasant – Forscher und Verbände fordern dringend mehr Geld fürs nationale Programm Mondflug mit deutscher Technik

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Anne-Kathrin Jeschke
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Von Bremen aus auf den Mond: Unter Führung von Airbus entsteht ein Servicemodul für das Orion-Raumschiff der US-Raumfahrtbehörde NASA. © Airbus/dpa/Koch

Berlin. Wenn die US-Raumfahrtbehörde NASA im kommenden Jahr das Raumschiff Orion ins All schickt, kommt dessen Herzstück aus Deutschland. Nur: „Kaum jemandem hierzulande ist das klar“, bedauert Thomas Jarzombek (CDU), Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, im Gespräch mit dieser Zeitung. Unter der Führung von Airbus’ Geschäftsbereich „Defence and Space“ in Bremen baut und entwickelt ein Industriekonsortium das Europäische Servicemodul (ESM). Darin steckt das Haupttriebwerk des Raumschiffs, und über Solarsegel liefert es den Strom. Das ESM reguliert die Temperatur, und in ihm lagern Treibstoff sowie Sauerstoff- und Wasservorräte für die Besatzung. Auftragswert: 390 Millionen Euro.

Führend in Laserkommunikation

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„Wenn jemand vom Mond sprechen darf, dann gehört Deutschland sicher dazu“, bestätigt Walther Pelzer, Vorstand beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): „Wir bauen ein missionskritisches Teil des ,Raumschiffs’.“ Mit Gateway planen die USA derzeit eine Raumstation nahe dem Mond. Gateway funktioniere nicht ohne Orion, so Pelzer – und Orion nicht ohne deutsche Technik und Technologie.

Weltführend sei Deutschland bei der Laserkommunikation: Damit gelinge es, riesige Datenmengen in kürzester Zeit per Laser nahezu abhörsicher um die ganze Welt auf Satelliten zu schicken. Etwa bei Naturkatastrophen sei es damit in Zukunft möglich, innerhalb von 15 Minuten wichtige Informationen aus dem Krisengebiet zu erhalten und Rettungseinsätze effektiv zu planen. „Diese Technologie wurde im Rahmen des Nationalen Weltraumprogramms in Deutschland entwickelt – und die führenden Weltraumnationen möchten mit uns kooperieren, um sie zu erhalten“, betont Pelzer.

Hoffnungsträger insolvent

Damit spricht er allerdings gleichzeitig ein kritisches Thema an: 285 Millionen Euro steckt die Bundesregierung in diesem Jahr ins Nationale Weltraumprogramm. Dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) genügt das bei Weitem nicht: „Insbesondere außerhalb Europas fließen immer mehr staatliche Investitionen in Raumfahrtaktivitäten“, kritisierte er im Mai in einem Grundsatzpapier. Und richtete den Blick auch aufs Nachbarland Frankreich: Dort investierte der Staat im vergangenen Jahr 726 Millionen Euro (Deutschland: 285). Kritik, die Pelzer teilt – und die Regierungsvertreter Jarzombek nachvollziehen kann: „Insbesondere beim Nationalen Raumfahrtprogramm sind wir unterfinanziert“, räumt er ein. „Ich bin persönlich enttäuscht und hätte mir im nächsten Bundeshaushalt mehr Mittel für das Nationale Programm gewünscht“, so Jarzombek. Denn damit würden neue Anwendungen und Technologien gefördert. „Wer Ingenieurs-Nation bleiben will, der darf die Entwicklungen jetzt auf keinen Fall verschlafen.“

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Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen deutsche Hersteller seines Erachtens „dringend weg vom Manufakturcharakter hin zur industriellen Produktion“. Der Staat wolle ihnen dabei helfen: etwa, indem er Ausschreibungen so gestaltet, dass nicht nur die ohnehin bekannten, Unternehmen Aufträge erhalten, sondern auch Start-ups eine Chance bekommen. „Wir müssen ihnen einen Markt schaffen“, so Jarzombek.

Es fehle allerdings nicht nur an staatlicher Förderung, sondern auch an privatwirtschaftlichen Investitionen, klagt der Industrieverband. Dreiviertel der Raumfahrt-Investoren und Wagniskapital-Unternehmen haben ihren Sitz den Angaben nach in den USA, in Kanada, Australien oder Großbritannien – und drei Viertel des Geldes würden in den USA investiert. Das Berliner Raumfahrt-Start-up PTScientists hat Anfang Juli Insolvenz angemeldet. Beim Einwerben von Investoren- und Fördergeldern sei es „zu ungeplanten Verzögerungen gekommen“, teilte das Unternehmen mit. PTScientists hat eine Mondlandefähre sowie einen Mond-Rover, ein unbemanntes Gefährt, entwickelt, die 2021 zum Mond starten sollen. Ob es dabei bleiben kann, ist unklar.

Wichtige Haftungsfragen

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2020 will die Bundesregierung einen Entwurf für ein Weltraumgesetz vorlegen. Denn Fragen der Haftung stellen sich auch dort – und dabei geht es schnell um erhebliche Summen: etwa, wenn Satelliten miteinander kollidieren. Bisher sind vor allem Staaten in Raumfahrt-Projekte involviert. Mit dem wachsenden Markt an Privatunternehmen – dem New Space – ändert sich die Situation. Es müsse eine verlässliche rechtliche Grundlage geben, die auch Gründer in die Lage versetzt, ihre Technologien ins All zu schicken, sagt Jarzombek – „natürlich nur, wenn die Sicherheit entsprechend geprüft ist“.

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Ein deutscher Astronaut wie Alexander Gerst leiste zwar Großartiges als Botschafter für die Raumfahrt, sagt DLR-Vorstand Pelzer. „Aber die Weltraum-Forschung dient dem Zweck, die deutsche Industrie wettbewerbsfähiger und das Leben auf der Erde besser zu machen.“ Sie liefere Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen wie Klimawandel und Migration. Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauche es mehr Geld im Nationalen Raumfahrtprogramm: „Ohne das notwendige Budget werden vor allem kleine und mittlere Unternehmen sich nicht erfolgreich am Markt und im Wettbewerb um EU-Programme behaupten können.“

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Freie Autorenschaft Seit 2014 freie Journalistin in Mannheim. Davor: Journalistik-Studium in Leipzig, Volontariat beim "Mannheimer Morgen", Redakteurin beim "MM" und beim "Öko-Test-Verlag" in Frankfurt.