Regelungen - Medizinethiker Axel W. Bauer will die psychologische und wirtschaftlichen Aspekte der Krise in den Fokus rücken Medizinethiker: „Muss zeitliche Grenze geben“

Von 
Stefanie Ball
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Eine Frau steht mit ihrem Hund an einer gesperrten Seebrücke am Ostseestrand in Mecklenburg-Vorpommern. Auch wegen der psychologischen Auswirkungen müssen die Einschränkungen begrenzt werden, verlangt Medizinethiker Axel Bauer. © dpa

Mannheim. Der Mannheimer Medizinethiker Axel W. Bauer warnt davor, bei allen politischen Entscheidungen ausschließlich Virologen zu Rate zu ziehen. Die derzeitigen Freiheitsbeschränkungen seien massiv und müssten bald beendet werden.

Zur Person: Axel W. Bauer

  • Axel W. Bauer wurde 1955 in Karlsruhe geboren.
  • Er leitet seit 2004 das Fachgebiet Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg
  • Von 2008 bis 2012 war er Mitglied des Deutschen Ethikrates.
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Herr Bauer, wie lange können wir die Maßnahmen beibehalten?

Axel W. Bauer: In den vergangenen 14 Tagen sind Maßnahmen ergriffen worden, welche die Freiheit aller Bürger sehr stark beschränken. Das hat viele Menschen erschreckt, auch mich. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nun angedeutet, dass eine Lockerung der Maßnahmen erst dann möglich sei, wenn sich die Infektionszahlen mit dem neuen Coronavirus nur noch etwa alle zehn Tage verdoppelten. Davon sind wir momentan aber noch weit entfernt.

Das heißt, die Beschränkungen müssen aufrechterhalten werden?

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Bauer: Ziel der Maßnahmen soll es ja sein, die Welle der Neuinfektionen möglichst flach zu halten. Doch der Infektionsschutz ist nur eine Seite der Medaille. Man kann deswegen nicht einen ganzen Staat zusammenbrechen lassen. Mit Blick auf wirtschaftliche, kulturelle, sozialpsychologische und verfassungsrechtliche Aspekte muss es eine zeitliche Grenze geben, und die dürfte um Ostern herum vermutlich erreicht sein.

Egal wie die Infektionszahlen aussehen, wir kehren zur Normalität zurück?

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Bauer: Ein Stopp des exponentiellen Wachstums der Infektionszahlen ist zweifellos ganz wichtig. Dennoch sollten Virologen hier nicht die einzigen Ratgeber der Politik sein. Wir brauchen auch den Rat von Klinikern und Pathologen, von Volkswirtschaftlern und Sozialpsychologen, von Finanzexperten und Verfassungsrechtlern, denn hier steht eine ganze Gesellschaft, ein ganzer Staat zur Disposition.

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Eine der größten Sorgen ist, dass es Verhältnisse wie in Italien oder Spanien geben könnte, wo Schwerkranke nicht mehr behandelt werden können.

Bauer: Man muss bei aller berechtigten Sorge aufpassen, dass man keine Rationierung herbeiredet und den Menschen dadurch Angst macht. Derzeit gibt es in Deutschland rund 28 000 Intensivbetten, das heißt, auf knapp 3000 Einwohner kommt ein solches Intensivbett. Das ist eine außerordentlich gute Ausstattung. Angesichts derzeitiger Infektionszahlen sind wir noch nicht an der Kapazitätsgrenze.

Im Elsass werden Menschen ab 75 Jahren zum Teil nicht mehr beatmet, weil es zu wenige Beatmungsgeräte gibt. Darf so etwas sein?

Bauer: Der Weltärztebund hat 2017 das ärztliche Gelöbnis, die sogenannte Deklaration von Genf aus dem Jahre 1948 überarbeitet und dabei erstmals Alter und Krankheit unter die Diskriminierungsverbote aufgenommen. Sollte es also tatsächlich zu einer Knappheit von Intensivbetten kommen und müsste man eine Priorisierung von Patienten vornehmen - wer hat eine Chance auf Rettung, wer nicht - dann dürften Alter und Krankheit bei dieser Abwägung gerade aus ärztlicher Sicht keine Rolle spielen.

Wenn es eine Rückkehr zu halbwegs normalen Verhältnissen gibt, müssten ältere Menschen weiterhin im „Shutdown“ bleiben?

Bauer: Es wäre absolut unzumutbar und ein Verstoß gegen mehrere Grundrechte, wenn etwa Menschen ab 60 oder 65 Jahren zu ihrem „Schutz“ Hausarrest bekämen, damit die Jüngeren wieder nach draußen können. Das wäre eine grobe Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes.

Eine andere Möglichkeit wäre, Menschen mittels Handydaten zu „tracken“.

Bauer: Auch dagegen würde ich erhebliche grundrechtliche Bedenken bezüglich des Datenschutzes und des Persönlichkeitsrechts geltend machen. Es wäre auch kaum zielführend, um die Krankheit wirkungsvoll zu bekämpfen. Das Fernziel führender Virologen ist es doch angeblich, dass zwei Drittel der Bevölkerung schließlich „durchinfiziert“ sind, damit eine Herdenimmunität entsteht, welche die Nicht-Infizierten schützen soll. Maßnahmen wie ein „Tracking“ wären aber nur dann sinnvoll, wenn es gelänge, das Virus gänzlich auszurotten. Das aber wird nicht mehr möglich sein.

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