Pandemie

Intensivmediziner appelliert an die Politik: "Wir haben keine Zeit mehr"

Von 
Stefanie Ball
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Mannheim. Der Intensivmediziner Gernot Marx warnt vor Engpässen auf den Intensivstationen, wenn jetzt nicht die Reißleine gezogen wird: „Wir haben keine Zeit mehr.“

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Herr Professor Marx, wie ist die Lage auf den Intensivstationen?

Gernot Marx: Die Lage ist wirklich dramatisch und spitzt sich mehr und mehr zu. Wir haben jetzt knapp 5000 Intensivpatienten, und es gibt Ballungsgebiete wie Köln, Bremen, Berlin, wo es richtig knapp wird.

Wie kritisch ist der Zustand der Patienten, die Sie behandeln?

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Marx: Jeden zweiten, den wir beatmen müssen, können wir nicht ins Leben zurückbringen. Diese Menschen sterben. Und deswegen ist jeder Tag ohne Notbremse ein Tag zu viel. Es ist unser dringender Appell an die politisch Verantwortlichen und insbesondere an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, zu handeln und das bundeseinheitliche Infektionsschutzgesetz in der nächsten Woche zu verabschieden. Wir haben keine Zeit mehr.

Wie hoch ist der Anteil der Infizierten, die so schwer erkranken, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden müssen?

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Marx: Von den 25 000 Neuinfizierten, die wir jetzt täglich haben, werden in zwölf bis 14 Tagen rund 300 bis 600 Menschen schwer erkranken und auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Viele sind in den Vierzigern und Fünfzigern und haben keine Vorerkrankungen.

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Wie viele von ihnen sterben?

Marx: In der zweiten Welle ist bei den unter 50-Jährigen jeder Fünfte verstorben.

Wie geht es denjenigen, die das Krankenhaus eines Tages wieder verlassen können?

Marx: Zehn Prozent der schwer an Covid-19 Erkrankten liegt zwei Monate und länger auf der Intensivstation. Und wenn sie es dann geschafft haben, sind sie nicht sofort wieder die „alten“ Menschen von vorher. Das dauert Monate, und viele werden nie wieder die „Alten“ sein. Und deswegen dieser Appell an jeden: Vermeiden Sie es, wenn es irgendwie geht, sich zu infizieren.

Droht denn eine Triage, also die Notwendigkeit, Patienten zu priorisieren?

Marx: Ich gehe nach wie vor davon aus, dass wir keine Triage durchführen müssen, weil wir immer noch diese Reserve von 10 000 Intensivbetten haben. Aber wenn wir diese Betten benötigen, heißt das, dass sich alle Krankenhäuser nur noch auf die reine Notfallversorgung und die Versorgung mit Covid-19-Patienten fokussieren können. Da findet keine normale Operation mehr statt, und wir müssten sämtliches ärztliches und pflegerisches Personal aus anderen Bereichen abziehen. Auch das ist eine Situation, die wir nicht haben wollen. Wir wollen sowohl Covid-19-Patienten als auch alle anderen Patienten außerhalb der Intensivmedizin weitestgehend normal versorgen. Das ist ja auch unsere Aufgabe: eine Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen.

Freie Autorin