Medizin

Schnelle Hilfe per Ferndiagnose

In Notfällen zählt oft jede Sekunde. Notfallsanitäter und Telenotärzte arbeiten deshalb in mehreren Landkreisen Hand in Hand

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Manuel Wilhelm, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Main-Kinzig-Kreis, steht in der Telenotarzt-Zentrale vor seinem Computer-Arbeitsplatz. © Arne Dedert/dpa

Gelnhausen/Wiesbaden/Aachen. Mit seinem geschulten Blick auf das EKG sieht Manuel Wilhelm sofort, dass die Lage ernst ist. Dabei hat er den Patienten gar nicht direkt vor sich, sondern bekommt dessen Vitaldaten live aus einem viele Kilometer entfernten Rettungswagen auf seine Monitore in der Leitstelle übermittelt. Diagnose: Herzinfarkt – jetzt muss alles schnell gehen. Wilhelm ist Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Main-Kinzig-Kreis, der seit rund fünf Jahren ein System aus speziell ausgerüsteten Rettungswagen und Telenotärzten erprobt – mit besten Erfahrungen, wie er sagt. Patienten könne in vielen Fällen noch schneller geholfen werden, Einsätze ließen sich besser koordinieren und Sanitäter und Notärzte je nach Lage passgenau einsetzen. In ganz Hessen soll es das künftig geben.

Das System ist genau durchdacht: Bei einem medizinischen Notfall werde je nach Lage festgelegt, ob ein Notarzt vor Ort gebraucht wird oder auch Notfallsanitäter und Rettungsassistenten den Patienten oder die Patientin erstversorgen können – und gegebenenfalls einen Telenotarzt zur Unterstützung hinzuziehen. Festgemacht wird das anhand eines Kriterienkatalogs – ein potenziell lebensbedrohlicher Notfall wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall erfordert beispielsweise immer die Mitwirkung eines Notarztes oder einer Notärztin.

Vor Ort sein müssen die aber dank des Systems nicht mehr immer zwingend – theoretisch funktioniert die notärztliche Begleitung in vielen Fällen von überall her. Dafür ist der Rettungswagen mit einer Kamera im Inneren, einer Dachverstärkerantenne sowie einem autarken Router für optimalen Netzempfang und schnelle Datenübertragung ausgestattet. Das Einzugsgebiet ist groß: Die Telenotarztzentrale in Gelnhausen deckt zusammen mit einem Pendant in Aachen sowohl die Stadt in Nordrhein-Westfalen als auch die hessischen Landkreise Waldeck-Frankenberg und Main-Kinzig sowie die beiden Halligen Langeneß und Hooge ab. Jeweils ein Telenotarzt oder eine -ärztin in Aachen oder Gelnhausen hat über Monitore in der Leitstelle immer dieses Einzugsgebiet im Blick.

Auf die Notfallsanitäter und -sanitäterinnen im Main-Kinzig-Kreis hält Wilhelm große Stücke. Sie seien hoch qualifizierte und -professionalisierte Experten und Expertinnen, auf deren Einschätzung jederzeit Verlass sei. Erst wenn das Team vor Ort um Unterstützung bitte, komme ein Telenotarzt ins Spiel – „aber im Zweifel und zur Unterstützung, und nicht als Kontrolle“, betont der Notarzt, der sich als eine Art „großer Bruder“ seiner Kollegen vor Ort sieht. Diese dürfen vergleichsweise eigenständig über bestimmte Maßnahmen der Erstversorgung entscheiden – nach klaren Spielregeln selbstverständlich, wie Wilhelm betont.

Es gehe nicht darum, Notärzte einzusparen, sondern schnell und flexibel agieren zu können, betont Wilhelm. Gerade im teils sehr ländlich geprägten Main-Kinzig-Kreis sei es von großem Vorteil, wenn nicht in jedem Fall erst ein Notarzt zur Einsatzstelle eilen müsse. Während seine Kollegen sich noch vor Ort um den Kranken oder Verletzten kümmern, könne er als Telenotarzt schon freie Klinikkapazitäten prüfen, OP-Vorbereitungen erbitten und andere Vorbereitungen auf den Weg bringen.

Ausweitung auf ganz Hessen

Mit einem Telenotarzt-System, das nach Willen des hessischen Sozialministeriums auf ganz Hessen ausgedehnt werden soll, trage man auch dem steigenden Bedarf Rechnung, sagt Wilhelm. Alleine im Main-Kinzig-Kreis mit seinen rund 450 000 Einwohnern hatten die Rettungsdienste im vergangenen Jahr rund 95 000 Einsätze – etwa 10 000 mehr als im Vorjahr. Mehr als 1000 Fälle davon waren Einsätze in Bayern, wo künftig ebenfalls Telenotärzte ihren Dienst tun sollen. Die Zahlen dürften angesichts der älter werdenden Bevölkerung und schrumpfender Klinikkapazitäten, etwa in der Geburtshilfe, weiter steigen, erwartet Wilhelm. Apropos Geburtshilfe, auch dafür ist bereits ein Konzept in Erprobung – „mein Lieblingsprojekt“, wie der Arzt mit 20 Jahren Erfahrung im Rettungswesen sagt: Der Landkreis wolle Hebammen in das System einbinden, die zusammen mit Rettungswagen-Teams vor Ort werdenden Müttern Hilfe leisten können – unterstützt vom Notarzt. Um den Weg dafür zu ebnen, werden die Hebammen im Main-Kinzig-Kreis inzwischen über eine Amtsträgerhaftung abgesichert, erste Geburten haben so bereits gemeinsam stattgefunden.

Auch die Landesärztekammer hält das System für sinnvoll, „um die immer knapper werdende Ressource Notarzt entlasten zu können“, wie ihr Präsident Edgar Pinkowski sagt. „Selbstverständlich soll und kann der Telenotarzt den Notarzt nicht ersetzen. Aber Notfallsanitäter werden mit Hilfe des Telenotarztes in die Lage versetzt, in Grenzfällen zu entscheiden, ob ein Notarzt vor Ort erforderlich ist.“ So könnten sie die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes überbrücken oder – gegebenenfalls in Absprache mit dem Telenotarzt – Maßnahmen ergreifen und Medikamente verabreichen. „Eine flächendeckende Einführung in der Form, dass jeder Landkreis einen Telenotarzt beschäftigt, wird sicherlich nicht nötig und sinnvoll sein“, so Pinkowski: Ein Telenotarzt könne mehrere Rettungsdienstbezirke abdecken – somit wäre das System in ganz Hessen verfügbar.

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