Beispiel Wittighausen - Lebensmittelversorgung auf dem Land gesichert / Dennoch: 700 Prozent Umsatzsteigerung bei Toilettenpapier / Gewisse Gelassenheit spürbar Zunahme bei den Kartenzahlungen

Von 
Renate Henneberger
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Der Frischemarkt Landwehr und die Bäckerei „Bächtle“ sichern die Lebensmittelversorgung in Wittighausen auch während der Corona-Krise.

Frische Backwaren bietet Bäckermeister Hans-Peter Bächtle unter Einhaltung der Sicherheitsvorschriften auch während der Corona-Krise in Wittighausen an. © Renate Henneberger
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Wittighausen. Die Geschäftsinhaber sprechen über ihre Erfahrungen bei der Umsetzung von Sicherheitsbestimmungen, über „Hamsterkäufe“ und sonstige Herausforderungen sowie Kundenverhalten im ländlichen Raum.

Keine Frage – Wittighausen ist in der Lebensmittelversorgung gut aufgestellt. Dieser Vorteil kommt der Bevölkerung in Krisenzeiten zugute. Laut Statistischem Bundesamt zeichnete sich bereits Ende Februar ein Trend zum „Hamstern“ bestimmter Produkte ab. Bilder in Presse und Internet von leer gefegten Regalen in Supermärkten versetzten viele Verbraucher in Panik, so dass sie zuletzt nochmals ihre Vorräte aufgestockt haben.

Keine Engpässe

„Auch wir erleben zurzeit eine deutlich größere Nachfrage nach Lebensmitteln“, erklärt Elfriede Bächtle, die mit ihrem Mann, Bäckermeister Hans-Peter Bächtle, die Bäckerei mit Lebensmittelgeschäft betreibt. Besonders gefragt seien Backwaren wie Brot und „süße Stückchen“, aber auch Mehl und Nudeln. Backhefe sei der derzeitige „Renner“. „Der Kauf von fünf Stollen Brot auf einmal wirft auch die beste Planung durcheinander. Da wären wir für eine Vorbestellung dankbar.“

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Ähnlich äußert sich der Inhaber des Frischemarktes, Matthias Landwehr: „Wir wurden von der großen Nachfrage nach bestimmtem Artikel überrollt. Trotzdem gab es keinerlei Versorgungsprobleme, eher vorübergehende Logistikprobleme. Es kann schon mal vorkommen, dass der eine oder andere Artikel kurzzeitig „aus“ ist.“

Etwas mehr Flexibilität mancher Kunden wünscht sich Seniorchef Robert Landwehr: „Mal auf einen anderen Artikel ausweichen zu müssen, weil die ,Lieblingsmarke’ gerade nicht greifbar ist, sollte doch in schwierigen Zeiten, wo Menschen um ihr Leben und Firmen um ihre Existenz bangen, das geringste Problem sein.“

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Auch im ländlichen Bereich seien viele Menschen davon überzeugt, dass man mit einem ordentlichen Vorrat an Toilettenpapier am besten durch die Corona-Krise komme. „Der Umsatz stieg zeitweise um 700 Prozent“, berichtet Matthias Landwehr. „Da zeigen unsere Kunden auf dem Lande kein anderes Verhalten als in der Stadt, allerdings mit einer zeitlichen Verzögerung von ein bis zwei Wochen. Ein gutbestückter Vorratsraum scheint auf viele Menschen eine beruhigende Wirkung zu haben und das Gefühl zu vermitteln, die Lage einigermaßen im Griff zu haben.“ Groß sei die Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln wie Konserven, H-Milch und Fertigsuppen.

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Ein anderes Kaufverhalten ihrer Kunden können Elfriede und Hans-Peter Bächtle feststellen und führen dies auf deren veränderte Lebensumstände zurück: „Viele arbeiten im Homeoffice oder sind zeitweise von ihrer beruflichen Tätigkeit freigestellt. Vorher wurden Lebensmitteleinkäufe oft im Supermarkt auf dem Nachhauseweg erledigt. Jetzt schätzen viele, dass sie nicht erst kilometerweit fahren müssen, sondern sich direkt am Ort mit allem Lebensnotwendigem versorgen können.“

Die Leute verbrächten viel Zeit zu Hause. Es werde mehr gekocht, gebacken und gegessen. „Während einige Kunden, die wir sonst eher selten zu Gesicht bekamen, nun häufiger bei uns einkaufen, vermissen wir manche Kunden, die sonst täglich zu uns kamen“, berichtet Elfriede Bächtle.

Matthias Landwehr ist sich sicher: „Vor allem ältere Menschen haben große Angst vor einer Ansteckung und ziehen sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Das Einkaufen übernehmen jüngere Leute aus der Nachbarschaft oder aus dem Bekanntenkreis.“ Zusätzlich bestünde die Möglichkeit, sich durch den kostenlosen Einkaufsservice der Malteser Messelhausen versorgen zu lassen. „Diese gute Sache unterstützen wir und arbeiten mit den Maltesern zusammen“, erklärt Landwehr. „Wir richten die bestellten Waren, der Malteser-Fahrdienst bringt sie zum Kunden, bezahlt wird über Bankeinzug.“ Um direkten Kontakt zu vermeiden, stellt der Lieferservice die Einkäufe vor der Haustüre ab.

„Für uns gibt es auch außerhalb von Krisenzeiten strenge Regeln zu beachten“, versichert Elfriede Bächtle. „Zusätzliche Vorschriften zum Schutz von Kunden und Verkaufspersonal gelten hier auf dem Lande ebenso wie in der Stadt, Sicherheitsvorkehrungen sind für unser kleines Geschäft genauso verbindlich wie für den Supermarkt.“ Hinweisschilder, Fußbodenmarkierungen zur Einhaltung des Sicherheitsabstandes, regelmäßige Desinfektion und größte Sorgfalt beim Umgang mit offenem Lebensmittel hält sie für die wichtigsten Schutzmaßnahmen. Doch sie weiß auch: „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Angst steht immer mit hinter der Ladentheke.“

Plexiglasscheiben im Kassenbereich sorgen beim Frischemarkt Landwehr für Sicherheit von Kunden und Kassierer. Abstand halten sei das Gebot der Stunde und, wie Seniorchef Robert Landwehr betont, der wirksamste Schutz vor Ansteckung. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: „Das Tragen einer Schutzmaske halte ich an der Kasse für unabdingbar, auch wenn es lästig und unbequem ist.“

Vermehrt werde die Möglichkeit der bargeldlosen Zahlung genutzt. „Die Kartenzahlungen haben in den letzten Wochen um etwa 20 Prozent zugenommen“, erklärt Matthias Landwehr. Wirkungslos bleiben alle Sicherheitsmaßnahmen, wenn die Kunden nicht mitspielten. Doch das täten sie – zumindest die allermeisten.

„Die Kunden halten Abstand, kontrollieren ihr eigenes Verhalten und auch das der anderen“, beobachtet Matthias Landwehr. „Auf dem Lande kennt man sich und nimmt eine freundliche ,Ermahnung’ nicht übel.“ „Gerade im ländlichen Bereich ist das Lebensmittelgeschäft ein wichtiger Kontaktpunkt“, erzählt Elfriede Bächtle aus Erfahrung. Einkaufen bedeute für viele mehr als nur Einholen von Lebensmitteln. Zusammenstehen, ein „Schwätzchen“ halten und anschließend versorgt mit dem täglichen Bedarf und den neuesten Nachrichten nach Hause gehen, das gehöre eben auch dazu. „Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in diesen Zeiten, wo der Kontakt untereinander auf ein Minimum begrenzt werden muss, genau das vermissen.“

Helden des Alltags

Ärzte und Pflegekräfte werden zu Recht als „Alltagshelden“ bezeichnet, denn sie leisten Außergewöhnliches. Nicht vergessen werden dürfen diejenigen, die während der Krise die Versorgung mit allem Lebensnotwendigem am Laufen halten – unter großem persönlichem Einsatz und ständig einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt. „Den meisten ist das bewusst“, so Robert Landwehr. „Es freut mich, wenn Kunden sich mit ‚Bleibt gesund, wir brauchen euch’, verabschieden. Ich spüre, das ist keine Höflichkeitsfloskel. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung.“