Freiluftveranstaltung - Autor Karl Endres skizzierte in seinem Vortrag von ihm gewonnene Erkenntnisse über die Sigismundkapelle Ur-Kapelle bereits 1585 teilweise eingefallen

Von 
pdw
Lesedauer: 

Oberwittighausen. „Gefühlte hundert hochrangige Autoren haben sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Geschichte der Kirche St. Sigismund in Oberwittighausen befasst, ihre Erkenntnisse in Büchern und in wissenschaftlichen Beiträgen in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht“, dies berichtete Karl Endres aus Poppenhausen zu Beginn seines Vortrags anlässlich der Vorstellung seines umfassenden Literaturwerks über diese Oktogonkapelle.

Karl Endres aus Poppenhausen bei der Vorstellung seines Buches. © Peter D. Wagner
AdUnit urban-intext1

Karl Endres, der nach Ende seiner 24-jährigen Amtszeit als Ratsmitglied der Gemeinde Wittighausen im Juli 2009 durch den damaligen Bürgermeister Bernhard Henneberger für seine Verdienste mit der Ehrennadel in Silber des Gemeindetages Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, hatte sich zudem nicht nur stark für die Sanierung der Dorfkirche St. Martin in Poppenhausen eingesetzt, sondern darüber hinaus einen Kirchenführer und ein Buch über die Dorfgeschichte verfasst.

Bei seinen jahrelangen Recherchen dafür fand er in verschiedenen Archiven wie etwa in Aschaffenburg, Würzburg, Wertheim, Karlsruhe und Freiburg sowie im Pfarrarchiv Wittighausen immer wieder auch die Sigismundkapelle betreffende Urkunden und Dokumente, die offenbar sogar anerkannten Historikern unbekannt waren oder von diese nicht ausgewertet wurden. „Ich musste vor allem feststellen, dass vieles was über die Kapelle geschrieben wurde, nicht haltbar blieb. Meine Erkenntnisse wurden bei Versammlungen im Kulturverein Wittighausen diskutiert und ich wurde gebeten, diese in einem Heft zu dokumentieren. Aus dem vorgesehenen Heft wurde das jetzt vorliegende Buch mit dem Ergebnis meiner Recherchen sowie der von mir hieraus gezogenen Erkenntnisse und Annahmen“, erklärte Endres.

Zum Beispiel sei die ursprüngliche Kapelle nicht, wie vielfach angenommen, während des Dreißigjährigen Krieges zerstört worden, sondern bereits 1585 teilweise eingefallen gewesen. „In den Notzeiten des 16. Jahrhunderts mit Pest, Dreißigjährigem Krieg und Missernten war an eine Renovierung nicht zu denken, und die Kapelle verfiel zur Ruine, bevor erst im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts der Wiederaufbau in der heutigen Form der Kapelle erfolgen konnte“, begründete Endres diese These.

AdUnit urban-intext2

Baugeschichtlich lasse sich das Werden und Sein des Gotteshauses über drei Baustile verfolgen. Die im zwölften Jahrhundert erbaute Urkapelle präsentierte sich als romanische Anlage. Allerdings gebe es hierüber keine schriftlichen Belege, so dass er sowohl für die diese Zeit als auch für die nachfolgende gotische Bauphase auf Untersuchungen am Baukörper angewiesen gewesen sei. „Es ist daher nachvollziehbar, dass die Experten ihre unterschiedlichen Erkenntnisse und Ansichten hinsichtlich der Vorgeschichte, des Zweckes, der Bauzeit und der Entwicklung der Kapelle bis zum Beginn der Neuzeit mit feststellbar großer Meinungsvielfalt verbreiten“, gab Endres zu bedenken.

Sein Freund Edgar Berthold aus Kirchheim habe die geradezu sensationelle Entdeckung gemacht, dass in den Grundriss der Sigismundkapelle – ähnlich wie in eine russische Matroschka – der Grundriss der Achatiuskapelle in Grünsfeldhausen und in diesen wiederum der Grundriss von St. Ulrich in Standorf passe.

AdUnit urban-intext3

Bis zum Jahr 1827 sei die spätromanische Oktogonkapelle eine Filialkirche der Pfarrei Poppenhausen gewesen. Als die Lösung der Filiale von Poppenhausen erfolgte und die Kirche St. Sigismund zur Versteigerung gestanden sei, habe ihr sogar der Abbruch gedroht. Lediglich auf dringende Bitte der Gemeinde Oberwittighausen sei davon abgesehen worden. 1846 habe das Gotteshaus vor allem auf eine großzügige Spende des Großherzogs von Baden hin eine Renovierung erhalten.

AdUnit urban-intext4

Eine sehr gründliche Instandsetzung erfuhr die Sigismundkapelle in den 1970er Jahren unter Federführung von Pfarrer Paul Steinbrenner. Dabei wurden der Fußboden sowie der Dachstuhl des Schiffes und des Turmes vollständig erneuert als auch das Dach neu eingedeckt. Im Zuge dieser Neugestaltung erhielt sie als moderne Kunstwerke Farbglasfenster von Peter Valentin Feuerstein und eine neuen Portaltüre von Otto Sonnleitner.

Seit etwa 150 Jahren versuchten sich viele Zeitgenossen nicht nur mit der Erhellung der Baugeschichte, sondern auch zahlreiche Theologen, Philosophen und Kunsthistoriker speziell mit der Deutung der rätselhaften Plastiken und Reliefs des romanischen Portals, wobei sie zu unterschiedlichsten Ergebnissen gekommen seien.

„Ich habe ihre Meinungen gerafft beschrieben, mich hier aber bewusst der Stimme enthalten“, stellte Endres klar. „An bestimmten Festtagen war die Sigismundkapelle ein gern besuchter Wallfahrtsort für viele hundert Gläubige aus dem ganzen Gau. Es wäre schön, wenn dieses Brauchtum wiederbelebt und gepflegt würde“, wünschte sich der Buchautor. pdw