Wertheimer Geschichte(n) - Als das Motorfahrzeug Einzug hielt / Privatier Hermann von Feder war der erste Autobesitzer der Main-Tauber-Stadt / Jakob Volhardt ein begeisterter Motorradpionier Zum Automobil gab’s auch einen Chauffeur

Das erste Automobil hielt in Wertheim vermutlich 1905 Einzug. Besitzer war Gutsbesitzer Hermann von Feder.

Von 
Erich Langguth
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Wertheim. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verkehrten auf den Straßen des damaligen Amtsbezirks Wertheim wie von Alters her Fuhrwerke und Kutschen. Automobil und Kraftrad hatten noch keinen Einzug gefunden.

Motorradpionier Jakob Volhardt auf Tour im Haslochtal. © Andreas Langguth
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Das sollte sich nach 1900 ändern. Den ersten Kraftwagen, der hier an den Start ging, hat Gutsbesitzer Hermann von Feder (1863 bis 1911) beschafft. Als er Anfang 1902 das von ihm bewirtschaftete, in Schwaben gelegene Gut Siebenmorgen an die Stadt Augsburg verkauft hatte, setzte er sich in der Familienheimat Wertheim zur Ruhe und bezog die väterliche Villa Eichelgasse 76. In dem auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegenen Feder’schen Garten, ostwärts von Weißer Scheuer und Schlachthaus, wurde Wertheims erste Autohalle errichtet.

Hier fand das für Luxus- und Vergnügungsfahrten gemünzte Automobil seine Unterkunft. Ein glücklicherweise erhaltendes Foto zeigt wahrscheinlich das Mercedes-Simplex-Modell, das ab 1904 gebaut wurde. Damit könnte der Zeitpunkt des Erwerbs auf vermutlich um 1905 datiert werden.

Selbstverständlich engagierte der stolze Autobesitzer einen Chauffeur. Er schickte den aus Waldenhausen stammenden Junglandwirt Christoph Esch eigens auf einen sechswöchigen Lehrgang in die Opelwerke nach Rüsselsheim, wo dieser den für den hiesigen Verwaltungsbezirk gültigen Führerschein Nr. 2 erwarb. Esch († 1971) stand später beim ADAC als ältester Fahrer in hohem Ansehen.

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Auf Esch und seine unfreiwillige Übernachtung im Waschkessel bezieht sich höchstwahrscheinlich die durch Rosa Müllers Mundartgedicht „Der Veitle im Schdollhoofe“ verewigte legendäre Geschichte, aus der wir einen Vers zitieren:

„In Werde, deß leit gor nitt weit dorvo,/ Do wor vorzeide emol e Moo,/ Der hott uf Auto gelernt un g’schdudiert,/ Un hott als san Herrn in der Gejschnt rümg’führt.“

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Privatier Hermann von Feder ist im Handbuch „Die deutschen Kraftfahrzeug-Besitzer in der Reihenfolge der polizeilichen Kennzeichen“ (Deutsches Automobil-Adreßbuch) von 1909 mit der Kennzeichen-Nr. IV B 7001 als Wertheims erster Autobesitzer eingetragen.

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Fast gleichauf mit ihm rangiert unter Nr. 7002 Kaufmann Jakob Vollhardt als erster Eigentümer eines Kraftrads, wie damals das Motorrad hieß. Vollhardt (1863-1937), Lederhändler in Maingasse 10, war nicht nur der erste Hochradfahrer in Wertheim gewesen. Mit dem Aufkommen des Kraftrads wurde er ein begeisterter Pionier des Motorradsports. Dank seiner früh gemachten Erfahrungen stand er mit den Konstrukteuren in den Fabriken in Verbindung und hat in der Main-Tauber-Stadt den Motorradhandel eröffnet. Eine Aufnahme aus den 1920er Jahren zeigt ihn unterwegs bei der Markuskapelle, vermutlich mit einer DKW, mit Gebläsekasten auf der rechten Motorseite.

Laut Handbuch von 1909 folgt Bierbrauereibesitzer Christoph Bach von der Bach’schen Brauerei mit Nr. 7003 als Besitzer des zweiten Wertheimer Automobils. Ihm schließen sich mit Krafträdern die hiesigen Geschäftsleute Kaufmann Karl Amthauer (7004), Prokurist Adolf Oppenheimer (7005), Kaufmann Albert Spiegel (7006), Mechaniker Friedrich Weingärtner (7007), Hutmacher Anton Reinhart (7011) und Kaufmann Friedrich Schwender (7015) an, ehe Dr. med. Julius Camerer mit seinem für Berufszwecke angemeldeten dritten Wertheimer Auto (7016) erscheint. Dr. Camerer scheint den Wagen bald darauf gewechselt zu haben, denn er ist nochmals unter Nr. 7023 aufgeführt.

Zwei Krafträder in Bettingen

Die Liste der Kraftradbesitzer setzen bis zum Stichjahr 1909 fort Kaufmann Peter Bund (7019), Gebrüder Langguth (7020), Kaufmann Andreas Götzelmann (7022) und Installateur Karl Schäfer (7024).

Von den Landorten ist Bettingen mit zwei Motorrädern vertreten: Maurer Ludwig Schmitt (7009) und Versicherungsinspektor Johann Meier (7026). Im damals noch zum Amtsbezirk zählenden Külsheim haben Krafträder Schreiner Joseph Pahl (7010), Sattler Eugen Grimm (7013) und Tierarzt O. H. Pabst (7025).

Ökonom Karl Damm vom Dürrhof bei Rauenberg (7017) beschließt die aufschlussreiche Aufstellung. Fazit: In Wertheim gab es 1909 drei Automobilbesitzer und zehn fahrbereite Motorräder. Hermann von Feder freilich konnte sich seines Luxusautos nicht mehr lange erfreuen. Bereits am 3. Juli 1911 ist er erst 47-jährig gestorben.

Der alde Dokder und san Schafför – Ernst Vollhardt widmete Dr. Camerer und seinen Chauffeur Autenrieth um 1960 ein Mundartgedicht

Vor funfzisch Johr, ihr därft mer’s glääwe, Hot’s herzli weeni Audo gääwe. In Wärde worns zwää oder dreI Em Bache Chrischdoff seins derbei. Dem Feeder draus hat a ans g’hort, Des wor für die schon domals Schbort! Der Dokder Cam’rer wor der Dritt, Der mit der neue Zeit hielt Schritt. Mit Hochachtung sei ihm gedacht, Drümm howwi des Gedicht gemacht.

Der Cam’rer hot oft in der Nacht Draus uf de Dörfer rümgemacht. Mit Fohrrood un Karbidladäre (noch Nassi is er gor nit gääre), Die alde Schdääch nuf hot’ er g’schouwe, Batschnaß g’schwitzt wor er, bis er ouwe. In Nassig bei sam Kranke wor. Des woor e Schur, s’is wärkli wohr!

Dann hott’ er e Modorrood käfft In Jakob Vollhardts Fohrrood-G’schäft. Des wor en aldes NSU, Des is geloffe - ab un zu -! Doch wie oft is es schdeh gebliewe, Wos bleibt em üwrig - er muss schiewe! Un aamool is er runner g’flouche, Der ganze Karre wor verbouche! Er selwer wor recht schöö verletzt Un hot sich uff ka Rood meh g’setzt.

Dann hott’ er g’soacht: Ma G’schäft konn’s trooche, Jezz künnt mer endli her en Wooche! Un dass ich selwer hob mehr Ruh, Künnt aa glei en Schafför derzu! Des wor der alde Autenrieth, En Orschinaal - wenn mern scho sieht! Der hot schöö g’soffe und schöö g’fresse, Dann is er in sa Audo g’sässe Un hod de Camerer kutschiert, Dem Kerl is niemols wos bassiert!

Dem Autenrieth san grosser Mooche Hot achtzeh - zwanzig Bier verdrooche! Un dobei därf mer nit vergässe, Hot’ er noch acht Boor Brootwörscht g’fresse. Ihr glääbt, isch mach euch Schbrüch doher? Naa, naa - es wor’n als oft no mehr! Von wäsche „Alkohol im Blut“ Kann Schandarm noch wos wüsse dut. Ihr Audofahrer, losst’s euch sooche, Nit jeder konn sou viel verdrooche! ER hott’s gekönnt!! - Drümm sei ihm jetzt Dies „dichterische“ Denkmal g’setzt.