Kirchlicher Feiertag - Evangelische Christen begehen morgen den Buß- und Bettag / Interaktive Station zum Thema in der Erlebnisausstellung Credo-Weg auf dem Wartberg Zeit, um das eigene Leben anzuschauen

Von 
Gernot Igers
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Im Gebet versunken: Der Buß- und Bettag ist ein Anlass, um einmal innezuhalten und sich Zeit zu nehmen, um über das eigene Leben nachzudenken.

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Er ist kein richtiger Feiertag und hat ein kniffliges Thema. Der Buß- und Bettag passt dennoch gut in die heutige Zeit, findet Pfarrerin Carolin Knapp.

Die wechselhafte Geschichte des Buß- und Bettags durch die Jahrhunderte

Feiertage, die der Buße gewidmet sind, gab es bereits vor dem Christentum. So wird im Alten Testament etwa der Ursprung des alljährlichen jüdischen Versöhnungstags "Jom Kippur" beschrieben.

Im antiken Rom versuchte man in Kriegs- und Notzeiten durch besondere Sühnetage, die Götter mit Opfern gnädig zu stimmen. Häufig wurden dafür Tiere getötet oder Weihrauch verbrannt.

Der erste protestantische Buß- und Bettag ist für das Jahr 1532 in Straßburg nachweisbar. Die Absicht dahinter war, göttlichen Beistand im Kampf gegen die türkischen Heere zu erflehen.

Zunächst als einmalige Sache gedacht, wurden solche Bußtage vermehrt in der Folgezeit von deutschen Fürstentümern eingeführt. Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648) fanden sie etwa wöchentlich, teils sogar täglich statt.

Verteilten sich im 19. Jahrhundert dutzende Bußtage auf eine Vielzahl von Terminen, so sah die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz 1852 einen festen Tag vor: der Mittwoch vor dem letzten Sonntag im evangelischen Kirchenjahr. 41 Jahre später führte ihn Preußen dann als einheitlichen Feiertag ein.

Erst 1934 zu einem gesetzlich geschützten Feiertag erhoben, erfolgte fünf Jahre allerdings per Erlass Adolf Hitlers die Verlegung auf einen Sonntag. So wurde der Feiertag faktisch abgeschafft und man gewann einen weiteren Arbeitstag.

Nach dem Krieg wurde der Feiertag auf seinen alten Termin sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik wiederhergestellt - mit Ausnahme von Bayern. Erst ab 1952 hatten evangelische Schüler und Arbeitnehmer den rechtlichen Anspruch, zum Gottesdienstbesuch freigestellt zu werden. Ehe der Feiertag 1981 dann für ganz Bayern galt, war er derweil seit 1966 in der DDR wieder abgeschafft.

Im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung beschloss 1994 die Bundesregierung unter Helmut Kohl, durch einen zusätzlichen Arbeitstag den Beitragsanteil der Arbeitgeber auszugleichen, und strich - Protesten und Initiativen zum Trotz - den Buß- und Bettag.

Nur im Freistaat Sachsen ist er weiterhin gesetzlicher Feiertag. Es gibt aber einen Haken: Die Arbeitnehmer müssen dort 0,5 Prozent ihres Bruttolohns mehr als Beitrag zur Pflegeversicherung zahlen. Das übersteigt jedoch die Kosten eines normalen Arbeitstags. Unterm Strich zahlen die sächsischen Arbeitnehmer für den freien Tag also drauf. gig

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Wertheim. "Ein dicker Strick mit hineingeknüpften Knoten lag säuberlich aufgerollt neben Silas auf dem Boden. Die Geißel. Die Knoten starrten von eingetrocknetem Blut. Silas sehnte sich nach der reinigenden Wirkung der Pein. Nach einem kurzen Gebet ergriff er das Ende der Geißel, schloss die Augen und peitschte den Knotenstrick mit geübter Bewegung in frommer Selbstgeißelung über die Schulter auf seinen Rücken. In rhythmischer Monotonie hieb er auf sein Fleisch ein. (. . .) Endlich spürte er das Blut fließen."

Der Mönch Silas in Dan Browns Bestsellerbuch "Sakrileg" ist ein Mensch, dessen Frömmigkeit extreme Züge aufweist. Er fügt seinem Körper Schmerzen zu, um so für seine begangenen Sünden, genauer gesagt seine Morde, zu büßen. So wie die Szene Schaudern bereitet, so verbinden viele Menschen mit dem Begriff der Buße unangenehme Gedanken und Gefühle.

Keine Angst haben

"Es gibt eine Reihe von solchen großen Worten in den Gottesdiensten und in der Sprache der Kirche, die ganz oft negativ besetzt sind: Sünde und Buße sind solche Worte", bestätigt Carolin Knapp, evangelische Pfarrerin der Gemeinde Bestenheid, Grünenwört und Mondfeld. "Die klingen nach Selbstkasteiung, Erniedrigung, Demütigung, nach Mittelalter." Sie würde sich jedoch wünschen, dass die Angst vor dem großen Wort "Buße" weicht.

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Warum ist überhaupt Buße für die Christen so wichtig? Zuallererst ist in der Bibel im Matthäus-Evangelium ein zentraler Aspekt der Botschaft Jesu überliefert: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Martin Luther interpretierte die Botschaft dahingehend, dass das ganze Leben des Glaubenden Buße sein soll. So schreibt es der Wittenberger Mönch in der ersten seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel nieder. "Buße spielt sich im persönlichen und alltäglichen Leben ab", erläutert Pfarrerin Knapp.

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Konkret gehe es darum, dass der Mensch sich Zeit nimmt und über sich selbst nachdenkt. "Wie lebe ich? Gibt es etwas, was falsch läuft? Was möchte ich gerne ändern oder wieder gut machen?", gibt Knapp als Denkanstöße an. Es sind Fragen, mit denen bereits die Menschen in den frühen christlichen Gemeinden konfrontiert waren.

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Dort hätten sich zwei Dinge gegenüber gestanden, erklärt Carolin Knapp. Zum einen mussten Menschen, die getauft wurden, sich verpflichten, ein reines, sprich sündloses Leben zu führen. "Die Taufe machte aus ihnen neue Menschen, geheiligte Menschen", betont die 31-Jährige. "Das sollte sich auch in ihrem Leben zeigen." Zum anderen hätten die Getauften in ihrem Leben schnell die Erfahrung gemacht, "dass dieser Anspruch natürlich nicht eingehalten werden konnte".

Daraus entwickelten sich nach und nach verschiedene Formen der Beichte und Buße: Gebete, Sündenbekenntnisse, Texte für den Gottesdienst. "Es gab dann später auch Bußkataloge, in denen genau geregelt wurde, welches Verhalten welche Konsequenzen hatte", sagt Carolin Knapp. Jeder Sünde werde eine genau bestimmte Buße zugewiesen.

Aus dieser Bemessung der Bußleistung entwickelte sich schließlich der Skandal um den Ablasshandel. An die Stelle der Buße trat der durch Geld erworbene Ablassbrief. Den institutionellen Bußverfahren des Mittelalters stellt Luther die Selbstverantwortlichkeit und Selbstreflexion des einzelnen Christen gegenüber.

"Es ging ihm um ein Christsein, das im Alltag gelebt werden kann, und um die Erinnerung an die eigene Taufe: Ich bin Gottes Kind. Dadurch habe ich einen Auftrag, wie ich leben soll", unterstreicht die Theologin. "Und wie ich auch leben kann, ich hab' ja Gottes Unterstützung."

Über sein Handeln nachdenken

Für Carolin Knapp passen diese Gedanken auch noch gut in die heutige Zeit. "Mein Handeln und mein Nicht-Handeln haben eine Auswirkung", sagt sie. "Was ich einkaufe, wohin ich in Urlaub fahre, wie ich mit der Natur umgehe, ob mir Arbeitsbedingungen bei der Produktion meiner Kleidung oder meines Kaffees wichtig sind." Es sei deshalb gut, über sein Tun nachzudenken.

Besonders anschaulich ist das im Kirchenzentrum auf dem Wertheimer Wartberg zu erleben. Dort hängen im katholischen Gottesdienstraum Spiegel mit Fragen von der Decke herunter. "Ich muss mich trauen, in den Spiegel zu schauen und die Frage zu lesen und zu bedenken", erklärt Knapp. "Kann ich mich ansehen? Ist alles im Lot? "

Die eigenen Antworten darauf können befreiend wirken und ja, vielleicht sind sie auch unangenehm und schmerzlich - ganz ohne Selbstkasteiung,