Integranz - Workshop in der Reihe "Jede Liebe verdient Respekt" / Junge Homosexuelle geben Neunklässlern Einblick in ihr Leben Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen

Von 
Katharina Gabel
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Bianca und Patrick (Zweite und Dritter von links) beantworteten den Neuntklässlern der Comenius Realschule ihre Fragen zur Homosexualität.

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Bestenheid. Schwule sprechen näselnd und verhalten sich wie Frauen - zwei gängige Klischees über homosexuelle Männer. Aber jetzt sitzt da Patrick. Der 25-Jährige aus Würzburg steht auf Männer. Kurzhaarfrisur, Dreitagebart, Bermudashort, ein weißer Sweater mit Aufdruck, dazu Sneakers - so hatten sich die Schüler der 9b der Comenius Realschule in Bestenheid einen Schwulen nicht vorgestellt. "Er kommt cool rüber", findet Kevin.

Nächste Veranstaltung ist ein Infostand am Marktplatz

  • "Jede Liebe verdient Respekt" heißt eine Veranstaltungsreihe innerhalb des diesjährigen Integranz-Programms. Sie will über Ängste und Fehlinformationen im Umgang mit Homosexualität aufklären.
  • Mit dem Thema beschäftigt sich eine Medienausstellung, die noch bis 10. Juli in der Stadtbücherei zu sehen ist. Homosexualität, Bisexualität, Heterosexualität sind Themen, die auch literarisch aufgearbeitet werden.
  • Mit einem Infostand am Marktplatz am Samstag, 27. Juni, von 10 bis 13 Uhr soll um mehr Toleranz für homosexuelle Menschen geworben werden. In einer Filmbox kann jeder, der möchte, sein Statement zur Liebe abgeben.
  • Die Reihe schließt am Freitag, 3. Juli, um 19.30 Uhr im Jugendhaus "Soundcafé" mit einem Filmabend. Gezeigt werden Filme zum Thema Homosexualität. Im Anschluss wird diskutiert. stv
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Der 15-Jährige aus Hundheim hat Patrick Häußlein bei einem Schulworkshop am Freitagmorgen kennengelernt. Als Beitrag zur Integranz-Veranstaltungsreihe "Jede Liebe verdient Respekt" hatte die Schule die schwullesbische Jugendgruppe "Déjà-Wü" aus Würzburg in den Unterricht der neunten Klassen eingeladen.

Die Workshops, die die Teamer der Jugendgruppe regelmäßig in Schulen halten, laufen immer ähnlich ab. 90 Minuten verbringen die Jugendlichen - sie sind zwischen 16 und 27 Jahren alt - in einer Klasse. Wichtigste Regel: Die Lehrer bleiben draußen. Denn wenn Schüler und Teamer unter sich sind, fällt das Reden leichter. Eine zusätzliche Hürde fällt, da die Schüler ihre Fragen anonym stellen. Jeder schreibt das, was er wissen will, auf einen Zettel. Diese werden eingesammelt, gemischt und von den Schülern vorgelesen.

"Grundsätzlich dürfen sie erst einmal alles fragen. Die Schüler wollen zum Beispiel wissen, welche Erfahrungen wir mit unserer Homosexualität gesammelt haben. Wie unser Umfeld auf unser Outing reagiert hat. Wie wir die Gesellschaft allgemein wahrnehmen oder was wir von den aktuellen Diskussionen in der Politik halten", nennt Patrick Häußlein einige Beispiele. Doch es gibt auch Grenzen. "Bei der Frage, wie Lesben eigentlich Sex haben, gehen wir in unserer Antwort nicht ins Detail. Da verweisen wir eher auf das Internet", sagt Teamerin Bianca, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte.

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Offen beantworten die jungen Homosexuellen dagegen Fragen, wie die ihres Outings. Bianca zum Beispiel hat erst spät festgestellt, dass sie nicht nur Männer, sondern auch Frauen interessant findet. "Ich war ungefähr 20. Als Erstes habe ich es meinen Freunden erzählt, ein dreiviertel Jahr später meiner Mutter, noch einmal ein Jahr später meinem Vater", schildert die 24-Jährige. "Und wie haben sie darauf reagiert?", will Kevin wissen. Biancas Mutter hatte mit der Nachricht, dass ihre Tochter bisexuell ist, kaum Probleme. "Sie hat gesagt: ,Schade, dass du bestimmt keinen einfachen Weg haben wirst'", erinnert sich die Studentin. Bei ihrem Vater sei es ein wenig schwieriger gewesen, aber mittlerweile habe er es gut akzeptiert.

Mehr Akzeptanz und Toleranz sind auch die Ziele des Schulprojekts. Homosexualität ist in der Schule oftmals ein Tabuthema, heißt es im Infoflyer der Jugendgruppe. "Uns geht es darum, für das Thema Homosexualität zu sensibilisieren", erklärt Bianca. Die Jugendlichen sollen sich Gedanken um ihre Meinung zu Homo-, Trans- oder Bisexualität machen. "Vorurteile sind nicht schlimm. Aber im persönlichen Kontakt kann man seine Meinung ändern", betont die 24-jährige Teamerin.

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Sie grinst ihren Kollegen Patrick an: "Obwohl das eine oder andere Vorurteil dann doch passt", sagt sie. Ein wenig verlegen fasst sich Patrick Häußlein an die Ohrläppchen. Jeweils ein glitzernder Stecker ziert sie. Nach ihren Vorurteilen gefragt, hatten die Schüler im Workshop zuvor erklärt, dass Ohrringe bei Männern typisch schwul seien. "Na gut. Das ist heute vielleicht etwas unglücklich", entgegnet der 25-Jährige und lacht zurück.