Benefizvortrag - Gebürtiger Wertheimer Sandro Gravera berichtet über sein Leben als „digitaler Nomade“ und sammelt dabei Spenden Wie man auch mit wenig glücklich wird

Von 
Matthias Ernst
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Eine Freundschaft, die im Sport entstanden ist: Jhonathan Bernardo Ribeiro, der sich in Brasilien für die Ärmsten einsetzt, und Sandro Gravera (rechts). © Gravera

Wertheim. „Alles was ich besitze, passt in zwei Handgepäcktaschen hinein“, gesteht der 32-jährige Unternehmensberater Sandro Gravera im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Seinen Lebensstil bezeichnet er als „Nomalist“ – eine Zusammensetzung der Wörter „Digitaler Nomade“ und „Minimalist“. Mehrere persönliche Erlebnisse haben in ihm den Entschluss reifen lassen, fast alles persönliche Hab und Gut aufzugeben und nur noch „aus dem Koffer zu leben“. Dabei verzichtet er grundsätzlich auf nichts. Alles, was er über sein Grundequipment hinaus benötigt, leiht oder mietet er sich, oder tauscht manchmal.

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Gravera lebt überwiegend in Lissabon oder Südafrika, also in meist wärmeren Gefilden: „Das macht schon mal die Auswahl der Kleidung etwas einfacher.“ Seine Wohnung in Portugals Hauptstadt wurde leergeräumt und viele Dinge verschenkt. Bei der Auflösung merkte Gravera recht schnell, dass Menschen von seiner Lage profitieren wollten. Wenn man etwas verkaufen müsse, merkten dies die Käufer und wollten den Preis drücken, so der ehemalige Karate-Weltmeister.

In Zeiten von Corona haben viele Menschen gelernt, dass man auch mit viel weniger auskommen kann. Plötzlich war eine Rückbesinnung auf sich selbst möglich, weil durch die Ausgangsbeschränkungen mehr Zeit zur Verfügung stand. Gravera merkt eine starke Unterstützung seiner Lebensweise. Viele Menschen würden sich für Konsumverzicht entscheiden, hat er beobachtet.

Der Weg dorthin sei alles andere als einfach, aber es lohne sich: Genau das will der Unternehmensberater bei einem Vortrag am Dienstag, 6. Oktober, um 20 Uhr im Wertheimer Arkadensaal vermitteln. Noch nie habe er sich so glücklich und erfüllt gefühlt, wie im Moment. „Dabei will ich keinem vorschreiben, wie er zu leben hat“. Dogmatismus sei nicht so seine Sache. Er wolle nur den Blick schärfen für Dinge, die wirklich wichtig sind – das könne für jeden natürlich etwas anderes sein.

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Sein Lebensweg verlief erst einmal schnurgerade. Nach der mittleren Reife an der Comenius Realschule machte er eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker bei der Firma Kurtz-Ersa. Um seinen Horizont zu erweitern, ging es hinaus in die Welt. Brasilien und China waren seine Stationen, bevor er nach Wertheim zurückkehrte und am Berufskolleg Tauberbischofsheim die Fachhochschulreife nachholte. Im Fernstudium begann er, neben dem Beruf Wirtschaftspsychologie zu studieren. Das war der Grundstock in die Welt der Personalberatung im Top Management Consulting.

Mit seiner eigenen Firma spielt er in der obersten Liga der Berater mit. Dabei kann er fast alles von seinem Laptop aus bearbeiten: „Ich habe gemerkt, dass ich schon seit 2015 praktisch ohne Büro leben und von jedem Ort dieser Welt arbeiten kann“. Diese Erfahrung kommt ihm nun zugute, denn Corona hat die Heimarbeit wieder in Mode gebracht.

Aus Gegnern wurden Freunde

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2006 lernte Gravera bei der Karate-Weltmeisterschaft in Pisa (Italien) Jhonathan Bernardo Ribeiro aus dem brasilianischen Pirai, einer Kleinstadt in der Nähe von Rio de Janeiro, kennen. Als er diesen 2009 spontan in seiner Heimat besuchte, wurde daraus eine bis heute haltende Freundschaft. Gravera war von der einfachen, aber herzlichen Lebensweise der Familie seines einstigen Gegners gerührt. „Das hat etwas in mir bewirkt“, stellt er fest.

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Obwohl Jhonathan nicht viel besitzt und wie seine Landsleute unter den Einschränkungen wegen Corona leidet, legte er nicht die Hände in den Schoß, sondern begann uneigennützig den Menschen zu helfen, die noch weniger haben, als er selbst.

Als er Sandro Gravera berichtete, wie die Situation in Brasilien ist, entschloss sich dieser mit eigenem Geld zu helfen und Lebensmittel zu besorgen. Dank weiterer Unterstützer wurden so schon über fünf Tonnen Lebensmittel an die Bewohner der Favelas verteilt. Doch das reicht noch lange nicht. „Wer in Brasilien keinen Job hat, verdient kein Geld, und ohne Geld kann man sich keine Nahrung kaufen“, beschreibt Gravera die Situation in dem südamerikanischen Land. Mit seinem Engagement und seinem Kampf gegen Korruption sei Jhonathan zur „Stimme der Armen“ in der Region geworden. Deshalb wurde er gebeten, bei der im November anstehenden Wahl zum Gemeinderat anzutreten. Jhonathan wolle für „Veränderungen von innen“ in dem hoch korrupten Land sorgen, sagt der gebürtige Wertheimer.

Er möchte ihn bei seiner Sache unterstützen und will deshalb am 19. Oktober nach Brasilien reisen, um den Wahlkampf von Jhonathan mit seiner Erfahrung in Sachen Marketing und Strategie zu unterstützen. „Die Aufmerksamkeit und Wirkung, die ich durch meine Präsenz dort habe, ist ungleich höher, als nur Geld zu senden – man kennt mich noch von damals und wird das Zeichen verstehen“, sagt Gravera.

Bis dahin will er möglichst viele Spenden sammeln und sie „auf direktem Weg“ dorthin bringen. Alle Unterstützer und Interessierten wird er von Pirai aus mit Berichten auf allen sozialen Kanälen auf dem Laufenden halten, kündigt er an.