Holocaust-Gedenktag - NS-Regime ermordete insgesamt 148 Wertheimer, davon 106 Juden / Aktuelle Entwicklung macht Gedenken besonders dringlich Vertrieben, verschleppt und ermordet

Die jüdische Gemeinde in Wertheim wurde während des Dritten Reichs ausgelöscht. Am Schicksal der Familie Altmann werden die Gräueltaten der Nationalsozialisten deutlich.

Von 
Dieter Fauth
Lesedauer: 

Wertheim. Die Vernichtungslager des NS-Regimes Auschwitz und Auschwitz-Birkenau wurden am 27. Januar 1945 durch die „Rote Armee“ der Sowjetunion „befreit“. In den Vernichtungslagern der Deutschen im Osten wurden bis dahin etwa sechs Millionen Juden sowie rund 500 000 Sinti und Roma ermordet. Die Überlebenden des Holocaust, die heute weltweit noch leben, wissen, dass sie seinerzeit zwar gerettet, aber nicht befreit wurden. Denn auch 76 Jahre danach leiden sie noch unter den damals erfahrenen Traumata. Hinzu kommen Millionen von Nachfahren der Ermordeten und der Überlebenden, die über die Generationen hinweg durch die damaligen Verbrechen psychisch stark belastet sind.

Nehemia Hermann Altmann wurde 1941 im KZ Theresienstadt ermordet (Passbild etwa 1939). © Dieter Fauth
AdUnit urban-intext1

Der Holocaust-Gedenktag soll ihnen allen ein wenig Entlastung verschaffen. Die Mehrheitsbevölkerung in den Nationen, besonders in Deutschland, soll der Gedenktag an ihre Verantwortung erinnern, Verfolgungen von Minderheiten nie wieder zu dulden. In Deutschland ist der 27. Januar daher seit 1996 ein bundesweit gesetzlich verankerter Gedenktag. Die Vereinten Nationen zogen 2005 nach und erklärten den Tag zum internationalen Gedenktag. Seit 1996 gibt es im Bundestag jedes Jahr am 27. Januar eine Gedenkstunde, oft mit einer eindrucksvollen Rede eines Betroffenen. 2018 sprach Anita Lasker-Wallfisch, die Bergen-Belsen überlebte. Fünf Jahre zuvor weilte sie für drei Tage auch in Wertheim, unter anderem um mit Wertheimer Schülern verschiedener Schulen über die Lehren aus dieser Geschichte zu sprechen.

Gemeinde bestand über 700 Jahre

Unter den im NS-Regime ermordeten Wertheimern waren 106 Juden, 38 Tote der „Euthanasie“-Verbrechen, drei politisch Andersdenkende und eine Sinti, also insgesamt 148 Menschen. Die Opferzahlen unter Juden waren deshalb besonders hoch, weil Wertheim damals seit über 700 Jahren eine jüdische Gemeinde hatte. Um die Wende zum 20. Jahrhundert waren es noch mehr als 200 Mitglieder, etwa 5,5 Prozent der Stadtbevölkerung.

Diese Gemeinde wurde im NS-Regime ausgelöscht. Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten 19 an diesem Tag in Wertheim verbliebenen Juden verschleppt. Daher begeht Wertheim jedes Jahr um dieses Tagesdatum seinen Gedenktag in der Form, dass Wertheimer Schüler für eine Stunde einen Erinnerungsdienst an den Stolpersteinen in der Stadt tun und Plakate mit den Biografien der Ermordeten an den Stolpersteinen danach für drei Tage öffentlich ausgelegt werden.

AdUnit urban-intext2

Eine der jüdischen Familien Wertheims mit Todesopfern im NS-Regime war Familie Altmann aus der Mühlenstraße 18 bis 20. Die Familie lebte mehr als 40 Jahre lang in Wertheim. Der Vater Nehemias Hermann Altmann, geboren 1860, war Frucht- und Getreidehändler mit eigener Firma und Angestellten. Er heiratete 1898 in Wertheim Minna, geborene Fränkel, aus Urspringen. Aus der Ehe gingen drei in Wertheim geborene Mädchen hervor. 1935 verließ die Familie wegen des NS-Terrors die Main-Tauber-Stadt. Man zog nach München und hoffte, in der Anonymität der Großstadt diesem Terror eher ausweichen zu können.

Flucht in die USA gelungen

Tochter Recha, geboren 1890, lebte schon früher dort und brachte vier Kinder zur Welt, wovon das jüngste, Heinz Gutmann, später im KZ ermordet wurde. Sie starb drei Wochen nach der Geburt von Heinz 1922 in München. Ihrer 1894 geborenen Schwester Lilli gelang mit Ehemann und Kind noch im Juni 1941 die Emigration in die USA. Sie lebte 30 Jahre in den Staaten und verstarb 1971 mit 75 Jahren.

AdUnit urban-intext3

Die dritte und jüngste Tochter Ida floh 1937 von München aus nach Luxemburg. Zwei Jahre später folgten ihr die Eltern, beide bereits in hohem Alter. Nach der Besetzung Luxemburgs durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 wurde das Ehepaar nach gewiss schrecklichen anderthalb Jahren verhaftet und ins KZ Theresienstadt verschleppt, während Ida mit Ehemann und Kind noch im Juni 1941 von Luxemburg aus die Flucht in die USA gelang.

AdUnit urban-intext4

Ihr Vater wurde 1942 in Theresienstadt ermordet. Mutter Minna lebte bei der Befreiung des Vernichtungslagers noch und wanderte zu ihrer Tochter nach New York aus. Dort starb sie 1950. Ida starb 1984 im hohen Alter von 86 Jahren. Angesichts der Enkel der Eheleute Hermann und Minna Altmann dürfen auch heute Nachfahren der Familie zumindest in den Vereinigten Staaten vermutet werden.

Auf der ganzen Welt verstreut

Die Familiengeschichte Altmann zeigt beispielhaft den Sinn der Internationalität des Gedenktages. Opfer und ihre Nachfahren sind heute auf der ganzen Welt zerstreut. Leider ist das Gedenken aktuell besonders dringlich, denn die „Echos aus der NS-Zeit“ (Julia Bernstein / Katja von Auer) sind gerade besonders laut, angefangen vom NS als „Vogelschiss in der Geschichte“ (Alexander Gauland) bis hin zur Selbstkennzeichnung von Impfgegnern mit dem Judenstern in der Querdenker-Szene. Dies ist als Kulisse von jüdischem Leben in Deutschland heute unerträglich.