Passionsmusik - In liturgischer Stunde dem Leiden und Sterben Jesu am Kreuz gedacht Sündenvergebung und Neuanfang

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Wertheim. Die Andacht zur Sterbestunde Christi am Karfreitagnachmittag in der Wertheimer Stiftskirche war außerordentlich gut besucht. Frühbarocke Musik für Gesang, Cello und Truhenorgel prägte die liturgische Stunde, in der des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz gedacht wurde. Mit Bezirkskantorin Katharina Wulzinger (Truhenorgel) musizierten die Würzburger Musiker Martin Popp (Bass) und Matthias Schick (Barockcello). Dekan Hayo Büsing sprach Gebete und trug Texte zum Karfreitag vor.

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Die Klagelieder Jeremias sind herausragende Beispiele hochstehender hebräischer Dichtkunst. Man nimmt an, dass der Verfasser Augenzeuge der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 vor Christus war. Im Versmaß der jüdischen Totenklage werden grenzenloses Leid und Trauer plastisch dargestellt.

Johann Rosenmüller (1607 bis 1684), der die Klagelieder in italienischer Sprache vertonte, hatte um 1655 als Organist an der Leipziger Nikolaikirche und der Thomaskirche gute Aussichten auf das Amt des Thomaskantors. Wegen eines "unnatürliches Vergehens" wurden er sowie sechs Chorknaben der Thomasschule jedoch verhaftet. Rosenmüller enthob man seiner Ämter enthoben. Er floh nach Venedig, wo er 24 Jahre lang unter dem Namen "Giovanni Rosenmiller" als Posaunist, Komponist und Kapellmeister wirkte. Erst kurz vor seinem Tod kehrte er wieder nach Deutschland zurück.

Martin Popp (Bass), Matthias Schick (Cello) und Katharina Wulzinger (Truhenorgel) brachten die klagende Stimmung dieser besonderen Komposition klar zum Ausdruck. Vor allem die angenehm warme Bassstimme des Sängers tat gut - eigentlich ganz im Gegensatz zu den klagenden, melancholischen und trauernden Texten.

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Dekan Hayo Büsing verdeutlichte in seiner anschließenden Meditation das Gehörte noch einmal: "Wir mögen das Leid nicht, wir gehen ihm aus dem Weg." Doch solle man beachten: "Es geht nicht um den Tod, sondern um das Leben. Das ist Evangelium - gute Nachricht".

Aus Schemellis Gesangbuch von 1736, wahrscheinlich unter Beteiligung Johann Sebastian Bachs entstanden, erklang eines der bekanntesten Lieder: "Brich entzwei, mein armes Herze" mit dem ergreifenden Refrain "Jesulein, mein Schatz ist tot". Martin Popp sang wiederum deutlich und textbezogen.

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Mit den Passionsliedern "O Welt, sieh hier dein Leben" und "Von Gott will ich nicht lassen" hatte die Gemeinde Gelegenheit zum Mitsingen. Katharina Wulzinger begleitete auf der Truhenorgel.

Weg zur Hoffnung

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Die Aussage des Lieds "Korn, das in die Erde", nach einer französischen Melodie aus dem 15. Jahrhundert, wurde von Dekan Büsing in der folgenden Meditation aufgegriffen und der Weg zu Sündenvergebung, Hoffnung und Neuanfang aufgezeigt.

Es folgte ein besonderes Werk für Cello und Orgel von Phillipe Friedrich Böddecker (1615 bis 1683): Die "Sonata La Monica", bei der das von der Orgel vorgestellte Choralthema in mehreren Strophen immer filigraner und kunstvoller vom Cello umspielt wird. Böddecker war Fagottist und Organist in Darmstadt, später am Straßburger Münster und schließlich an der Stuttgarter Stiftskirche.

Nach Gebet, Vaterunser und Segen beschloss die Motette "O vulnera doloris" von Giacomo Carissimi (1605 bis 1674) die musikalische Andacht. Carissimi war italienischer Komponist und Erneuerer der Kirchenmusik, verband Rezitative und Sologesänge mit Chorsätzen und "erfand" damit das spätere biblische Oratorium. Schüler von ihm waren Allessandro Scarlatti und Marc Antoine Charpentier.

Mit den eindringlichen, immer wieder refrainartig wiederholten Worten "O vulnera doloris" ("Ihr Wunden, in Schmerzen erduldet") verklang die Musik, deren abschließende Aussage die Kerngedanken von Musik und Meditationen versöhnlich zusammenfasste: "Rühmend will ich singen, froh will ich sprechen: Nur Liebe konnte so handeln". rl