Leserbrief - Zu „In der Friedleinsgasse droht Abriss eines historischen Baus“ (FN, 28. März) Sohn der Stadt angemessen würdigen

Von 
Eberhart Feucht
Lesedauer: 

In seinem Artikel über den geplanten Abriss des Förtsch-Hauses in der Friedleinsgasse erwähnt Gerd Weimer einige Leistungen von Johann Philipp Förtsch, der 1652 in dem Haus geboren wurde.

AdUnit urban-intext1

Ich erlaube mir, einige Aspekte der Leistungen dieses bedeutenden Sohns unserer Stadt zu ergänzen. Sein Vater Jakob Förtsch, Erbauer des Hauses in der Friedleinsgasse, war Gerbermeister und zeitweilig Bürgermeister in Wertheim, Johann Philipp war eines von 15 Kindern von Jakob Förtsch.

In dem Buch „Aus Wertheims Geschichte“ widmet Erich Langguth das abschließende Kapitel der Förtschfamilie unter der Überschrift „Stammeltern von Bundespräsident Karl Carstens“.

Der Artikel wird illustriert mit einem Foto des Renaissance-Torbogens des Hauses mit der Jahreszahl 1609 und den Initialen JF von Jakob Förtsch, der jetzt der Abrissbirne zum Opfer fallen soll.

AdUnit urban-intext2

Johann Philipp Förtsch legte das Abitur als Armenschüler an einem Frankfurter Gymnasium ab, studierte Philosophie und Medizin in Jena,dann Rechtswissenschaft in Erfurt und begab sich auf Wanderschaft nach Frankreich und in die Niederlande. 1677 ließ er sich in Hamburg nieder, wo er am 2. Januar 1678 das erste Opernhaus in ganz Deutschland mitbegründete(Angabe des Carus-Verlags).

Er war dort als Sänger, Librettist und Komponist tätig. Immerhin ist Förtsch so bedeutsam, dass ihm Johann Gottfried Walther, Vetter und Freund Johann Sebastian Bachs, in seinem „Musicalischen Lexicon“ von 1732 einen längeren Artikel widmete, in dem erwähnt wird, dass Förtsch für Hamburg verschiedene Opern komponierte, dass er der deutschen Poesie, sowie der italienischen und französischen Sprache „vollkommen mächtig“ war und dass er 1689 beim Herzog von Gottdorf als Hof-Medicus angestellt war, nachdem er in Kiel sein Studium als Doctor Medicinae abgeschlossen hatte. Seine Promotion befasste sich mit dem Fleckfieber.

AdUnit urban-intext3

Seit 1692 war er in Eutin Leibarzt und politischer Berater des Fürstbischofs August Friedrich von Lübeck. Aufgrund seines diplomatischen Geschicks gelang es ihm sogar nach dem Tod des Fürstbischofs 1705 einen drohenden Krieg um dessen Nachfolge zu verhindern. Er legte in Gottorf eine umfangreiche Sammlung von Musikhandschriften an, die sich heute als angesehene „Sammlung Bokemeyer“ in der Berliner Bibliothek befindet.

AdUnit urban-intext4

Über die letzten Jahrzehnte seines Lebens ist nicht viel bekannt. Er arbeitete als Arzt in Eutin und starb 1732 im Alter von 80 Jahren. Auf seinem Grabstein steht: „Hier ruht ein Staatsmann ohne List, ein guter Medicus und Christ.“

Auf einem Bild des holländischen Malers Johann Voorhout von 1674 mit dem Titel „Häusliche Musikszene“ soll Förtsch als Sänger zusammen mit den beiden Großmeistern der norddeutschen Schule Johann Adam Reincken und Dietrich Buxtehude dargestellt sein.

Es stünde unserer Stadt wohl an, diesen bedeutenden Sohn als Künstler, Wissenschaftler, Arzt und Diplomat endlich angemessen zu würdigen. Bisher wurde nicht mal eine Straße nach ihm benannt. Der Abbruch seines Geburtshauses wäre ein schändlicher Akt geschichtsvergessener Ignoranz.