Leserbrief - Zu „Wenn Männer Frauen die Welt erklären“ ( Fränkische Nachrichten, 11. Februar) „Sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen“

Von 
Norbert Stallkamp
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Sehr geehrte Frau Pers, wie Ihr emotional sehr aufgeladener Leserbrief zeigt, geht es in der Kontroverse um das Genderdeutsch in der Tat immer wieder um das generische Maskulinum.

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Ich möchte Ihnen dahin widersprechen, dass das generische Maskulinum eine Fiktion ist, wie Sie in Ihrem Leserbrief behaupten.

Erst vor einem Monat hat der bekannte Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Peter Eisenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugend dargelegt, dass das generische Maskulinum als der wohl meistgehasste Begriff der Genderlinguistik ein fester Bestandteil der deutschen Sprache ist – ein Befund, den Frau Prof. Dr. Ewa Trutkowski 2018 an der Frankfurter Universität in ihrem Forschungsbericht „Wie generisch ist das generische Maskulinum?“ eindrucksvoll bestätigt.

Für das Genus von Substantiven, die Personen bezeichnen, ist nach der allgemein anerkannten sprachwissenschaftlichen Theorie von Roman Jakobson, die von der Genderlinguistik gerne ausgeblendet wird, das Maskulinum „unmarkiert“. Das heißt, das Maskulinum in der deutschen Sprache kann in der Tat einen Bezug auf „männlich“ haben, aber ebenso ist das grammatische Maskulinum auch ohne „Sexus-Bezug“ anwendbar. Wenn ich zum Beispiel sage: Ich besuche heute Nachmittag meinen Vater im Altenheim, dann ist damit vom Kontext her natürlich eine männliche Person gemeint, wenn ich aber sage: Ich gehe heute Nachmittag zum Arzt, dann sagt dieser Satz noch lange nichts darüber aus, ob dieser Arzt eine männliche oder weibliche Person ist. Genau so versteht sich auch der Hinweis in der Pharmawerbung: Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In diesen Fällen spricht man vom generischen Maskulinum.

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Im Unterschied dazu ist das Ableitungssuffix -in (etwa Lehrer-in) – strukturalistisch gesehen – „markiert“ und verweist ausschließlich auf eine weibliche Person.

Übrigens zeigt eine psycholinguistische Studie, über die die „Welt“ vom 7. Oktober 2020 ausführlich berichtet, dass die Pluralformen generischer Maskulina von den Probanden im Deutschen zu 97 Prozent korrekt verstanden werden, also geschlechtsneutral. Bei Rollenbezeichnungen wie Schüler, Zuschauer oder Bewohner waren es sogar 99 Prozent. Und besonders die umstrittenen Berufsbezeichnungen wie Ärzte, Politiker, Schauspieler verstanden die Versuchsteilnehmer zu 94 Prozent neutral. Mit anderen Worten: Niemand denkt wirklich bei einem Satz wie „ 60,5 Millionen Bundesbürger sind zur Bundestagswahl aufgerufen“ nur an Männer.

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Ich erlaube mir, Sie zum Schluss auf eine junge Berlinerin aufmerksam machen, die sich im letzten Jahr im Berliner Tagesspiegel (30. August 2020) zum Gendern in der deutschen Sprache geäußert hat.

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Es lohnt sich, darüber einmal nachzudenken. Nele Pollatscheck, so heißt die junge Berlinerin, ist eine junge Schriftstellerin, die für ihren Debütroman „Das Unglück anderer Leute“ 2017 mit dem renommierten Hölderlin-Förderpreis ausgezeichnet wurde.

Sie berichtet in ihrem Artikel von einem Gespräch mit einem Journalisten. Als sie in diesem Gespräch zu ihm sagte: „Ich als Schriftsteller …“, habe er sie sofort unterbrochen: „Schriftstellerin – Sie sind doch Schriftstellerin.“ Da sei es ihr wieder eingefallen, erzählt Nele Pollatscheck, dass sie ja kein Schriftsteller sei, sondern eine Frau. Ich fühle mich in solchen Fällen, sagt sie, auf mein Geschlecht reduziert. Ich fühle mich so, weil es de facto so ist.

Wer gendert, fügt sie erläuternd hinzu, tut das – sicherlich gut gemeint – in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen, letztlich aber sei Gendern eine sexistische Praxis, deren Ziel es sei, Sexismus zu bekämpfen.

Schon etwas paradox – oder?