Bildung - Bisher keine Klassen in Wertheim unter Quarantäne / Schwierigkeiten beim Fernlernen gelindert aber nicht komplett aus der Welt geschafft Schulen wappnen sich für den Ernstfall

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Elisa Katt
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Immer mehr Klassen müssen in Baden-Württemberg in Quarantäne. Auch die Wertheimer Schulen bereiten sich aufs erneute Fernlernen vor. © Armin Weigel/dpa

Über 440 Klassen stehen in Baden-Württemberg unter Quarantäne, auch in Bad Mergentheim müssen Schüler zu Hause bleiben. Die Wertheimer Schulen bereiten sich auf einen möglichen Ernstfall vor.

Hintergrund: Vorgehen bei einem Infektionsfall an einer Schule

Sobald ein Fall bei einem Schüler oder einem Lehrer bekannt wird, wird nach Angaben des Kultusministeriums wie folgt vorgegangen:

Für den Betroffenen spricht das Gesundheitsamt eine Isolierung für zehn Tage aus und ermittelt sämtliche Kontaktpersonen im privaten wie im schulischen Umfeld.

Personen, die mindestens 15 Minuten „Face-to-Face-Kontakt“ zum Infizierten hatten, begeben sich in eine 14-tägige Quarantäne. Für weitere Kontaktpersonen sind in der Regel keine Maßnahmen notwendig.

Entsprechend der nationalen Teststrategie werden Kontaktpersonen gezielt vom Gesundheitsamt getestet. Dies beschränkt sich nicht auf Personen mit engem Kontakt.

Alle Schüler und Beschäftigen erhalten nach der Teststrategie des Landes ein Testangebot. Die Einrichtung wird in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt entsprechende Berechtigungen ausgeben.

In der Regel umfasst die Quarantäne im schulischen Umfeld nur die Klasse eines betroffenen Schülers.

Sofern beispielsweise eine Lehrkraft betroffen ist, die während des infektiösen Zeitraums im Lehrerzimmer viele enge Kontakte hatte und in zahlreichen Klassen unterrichtet hat, kann sich die Anordnung von Quarantäne auf eine entsprechend große Anzahl an Personen im schulischen Umfeld erstrecken. Unter ungünstigen Umständen kann sich daraus in einer kleinen Schule praktisch eine Schulschließung ergeben.

Die Gesundheitsämter werden die Maßnahmen jeweils in Abhängigkeit von der konkreten Fallkonstellation treffen, so das Ministerium. kmbw

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Wertheim. Immer mehr Schulklassen stehen in Baden-Württemberg unter Quarantäne. Ende der Woche mussten an rund 230 Schulen mehr als 440 Klassen zu Hause bleiben. Wie das Kultusministerium auf Nachfrage mitteilt, sind drei Schulen komplett geschlossen – eine davon in Bad Mergentheim. Vor dem Hintergrund der insgesamt über 4500 Schulen im gesamten Bundesland ist das ein winziger Prozentsatz. Dennoch bereiten sich auch die Wertheimer Schulen auf den Ernstfall vor. „Ich gehe davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch bei uns Fälle auftreten“, stellt Manfred Breuer fest. Alles andere sei unrealistisch, verweist der Leiter des Beruflichen Schulzentrum (BSZ) auf das große Einzugsgebiet der Schule.

Sorgen bereitet ihm das allerdings nicht: Bereits auf die Schulschließung im März habe das BSZ schnell reagiert und gemeinsam mit dem Grünenwörter Unternehmen ViaLogo eine Plattform entworfen. Diese spiegelt die Schule virtuell wieder, Lehrer haben eigene Räume, in die sie Schüler einladen.

Leihgeräte für Schüler

Neue Kollegen erhielten eine Schulung und können das System in Testräumen ausprobieren, Schüler üben den Umgang mit der Plattform. Für drei präsenzbefreite Lehrkräfte hat die Schule Klassenräume mit großem Bildschirm, Mikrofon und Webcam ausgestattet, so ass sie von zu Hause aus unterrichten können.

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Mit Landesmitteln des Sofortausstattungsprogramms wurden 35 Notebooks angeschafft. Diese können Schüler ausleihen, die kein eigenes Endgerät besitzen. „Das alles stößt an seine Grenzen, wenn es daheim keinen Internetanschluss gibt“, ist sich Breuer im Klaren. „Dann müssen wir alternative Wege finden.“ Eines sei jedenfalls klar: „Die Schulpflicht gilt auch während des Fernlernens.“

Geändert hat sich im Vergleich zum vergangenen Schuljahr, dass Inhalte des Homeschoolings in die Leistungsbewertung einfließen dürfen, berichtet Lothar Fink, Leiter der Gemeinschaftsschule. „Wir müssen damit rechnen, dass zumindest einzelne Klassen oder Jahrgänge in Quarantäne müssen“, ist auch er überzeugt. „Sicherlich sind wir besser vorbereitet als im Frühjahr.“ Die Schwierigkeiten des Fernlernens seien aber nicht plötzlich aus der Welt: „Es können nicht alle Schüler erreicht werden.“ Damit meint Fink nicht nur technische Hürden. „Es gibt weiterhin Schüler, die nicht alle Aufgaben selbstständig bearbeiten können. Manche Eltern haben nicht die Möglichkeit, permanent helfend einzugreifen“, erklärt er.

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Am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium haben die Lehrer einen Leitfaden zum Fernlernen beschlossen. Darin ist beispielsweise geregelt, dass die Schule einheitlich Moodle als Plattform nutzt.

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„Die Lehrkräfte haben sich in den Ferien und der erste Schulwoche in das Programm und seine Möglichkeiten eingearbeitet“, berichtet Schulleiter Reinhard Lieb. Auch die Kinder und Jugendlichen sind geschult. Aufgaben werden auf der Plattform als Wochenpläne zur Verfügung gestellt.

„Bei den Eltern wurde abgefragt, inwieweit die Schüler daheim mit Internet und Hardware ausgestattet sind“, so Lieb weiter. Der Schulträger stellte Leihgeräte zur Verfügung.

Dieter Fauth, Leiter der Werkrealschule Urphar-Lindelbach, hebt die Aktion von IT-Experte Richard Ries hervor, der in Kooperation mit der Firma Englert und weiteren Wertheimer Unternehmen Laptops für Schüler organisiert hatte: „So muss die digitale Ausstattung kein Problem mehr darstellen.“

Er sieht die Schulen durch den Lockdown im Frühjahr gut vorbereitet. Über eine digitale Plattform, aber auch über E-Mail, Telefon und Post werde mit Schülern Kontakt gehalten. „Die Kommunikationswege sind bei uns bewusst individuell gehalten“, betont Fauth. „Zur Not legen wir Unterrichtsmaterialien vor die Haustür des Schülers.“

Dominoeffekt befürchtet

An der Comenius Realschule (CRW) gibt es über 100 Leihgeräte für Schüler: „Die technische Ausstattung kann eigentlich keine Hürde mehr sein“, findet Schulleiterin Katrin Amrhein. Die Infrastruktur sei da, die Plattformen erprobt: „Jeder kann damit umgehen.“ Für das mögliche Fernlernen habe die Schule die Eltern verstärkt mit ins Boot geholt und hoffe außerdem auf die Disziplin der Schüler.

Es gebe im Infektionsfall keinen konkreten Ablaufplan, „es ist eine Einzelfallentscheidung, aber wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.“ Bei einer großen Schule wie der CRW befürchtet Amrhein einen Dominoeffekt. Bis dahin genieße sie jeden Tag: „Ich hoffe, dass es nicht noch einmal zu einer Situation wie im Frühjahr kommt.“

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim