Seepferdchen - Kurse im Hallenbad konnten im vergangenen Herbst nicht beendet werden / Bädergesellschaft will weiteren Kindern Schwimmstart ermöglichen

Rund 100 Kinder in Wertheim auf der Warteliste für Schwimmkurse

So lang war die Warteliste für einen Seepferdchenkurs in Wertheim noch nie. Wegen des Corona-Lockdowns wurde der Kurs im Herbst abgebrochen. Nun planen die Verantwortlichen für den Doppeljahrgang.

Von 
Katharina Buchholz
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Wertheim. Oskar kann es kaum erwarten: Er möchte endlich ins Freibad. Seit seine Großmutter ihm am Sonntag verraten hat, dass das Freibad am Montag öffnet, fiebert der Fünfjährige dem Sprung in das Becken des Freibads in den Christwiesen entgegen. Anders als geplant, wird Oskar dabei Schwimmhilfen tragen. Er ist eines von rund 100 Kindern, deren Schwimmkurs im vergangenen Herbst wegen des Corona-Lockdowns abgesagt wurde.

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Nach nur wenigen Stunden musste die Bädergesellschaft die Seepferdchenkurse im Herbst absagen. Die Schwimmanfänger starten im Herbst neu. © Dpa (1) Und Buchholz (1)

DLRG-Präsident Achim Haag spricht vom Jahr 2020 als ein „für die Schwimmausbildung ein verlorenes Jahr“. Unter den 378 Menschen, die im vergangenen Jahr deutschlandweit ertrunken sind (39 in Baden-Württemberg), waren erneut zahlreiche Kinder und junge Menschen. „Hier ist sicherlich die bereits an sich zurückgehende Schwimmfertigkeit bei den Kindern eine Ursache, was das Corona-Jahr 2020 durch längerfristig geschlossene Bäder leider nur verschlimmert hat“, sagt Haag.

Bereits nach knapp einem Monat Öffnung musste das Wertheimer Hallenbad seine Saison beenden, die Seepferdchenkurse fanden bis dahin lediglich einige wenige Male statt. Ingo Ortel, Betriebsleiter der Wertheimer Bädergesellschaft, blickt in der Folge mit Sorge auf die Warteliste für die Schwimmkurse, die in der Hallenbadsaison wieder starten sollen. Immerhin: Kurs-„Altlasten“ aus dem Monat März konnten vergangenes Jahr abgearbeitet werden, dafür wurden Absagen von Schulen genutzt und Öffnungszeiten leicht umgestaltet.

Es bleiben die Kinder, die ihren begonnenen Schwimmkurs im Herbst fortsetzen wollen. „Oskar war sehr enttäuscht, als der Kurs angebrochen werden musste. Er hatte sich lange darauf gefreut“, erinnert sich seine Mutter Anja May.

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Die regelmäßigen Hausaufgaben aus dem Schwimmtraining – Trockenübungen für den korrekten Beinschlag und Armzug sowie Atemübungen – absolvierte der Kreuzwertheimer noch Wochen nachdem das Hallenbad schließen musste. „In der Hoffnung, dass es doch noch weitergeht“, ergänzt Anja May.

Der Vater einer weiteren Schwimmanfängerin, Christian Fischer, der sich in der DLRG-Ortsgruppe Wertheim als Technischer Leiter Ausbildung engagiert, hätte seiner vierjährigen Tochter Jana einen reibungsloseren Schwimmstart gewünscht. „Sicher ist das ein Nachteil für die Kinder: Sie müssen sich erneut an die Kurssituation mit fremden Kindern gewöhnen. Zudem ist das bisher Gelernte wieder vergessen“, bedauert er.

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Davon geht auch Ortel aus. „Die meisten Kinder werden wohl wieder bei null stehen“, vermutet er. Ihn treibt zudem die Sorge um, dass einige Anfänger den Kurs nicht mehr besuchen, da sie entweder fehlerhaft selbst schwimmen gelernt haben oder auf den Unterricht in der Schule hoffen. „Beim Schwimmunterricht in der Schule geht es jedoch um den sportlichen Aspekt, die Grundfertigkeiten des Schwimmens werden vorausgesetzt. 20 Kindern gleichzeitig Schwimmen beibringen, das könnte ein Lehrer gar nicht leisten“, weiß er.

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Gleichzeitig wäre Ortel über jeden frei werdenden Platz froh, denn die Anmeldeliste für die Kurse im Herbst wird weiter wachsen. Schließlich steht ein weiterer Schwimmjahrgang in den Startlöchern. Die ersten Anmeldungen der meistens Fünf- bis Sechsjährigen gehen in der Regel ein, sobald das Freibad öffnet. Pro Saison bringen die Schwimmlehrer der Bädergesellschaft in zwei Kursblöcken (der erste startet im Oktober, der zweite im Januar) jeweils 160 bis 200 Kindern das Schwimmen bei.

Wie Kapazitäten für die Kinder auf der Warteliste geschaffen werden können, darüber berät Ortel mit Geschäftsführer Thomas Beier. „Wenn wir im vergangenen Jahr gewusst hätten, dass wir Anfang Oktober wieder schließen müssen, hätten wir diskutiert, ob wir das Hallenbad überhaupt öffnen“, sagt der mit Blick auf das vergangene Jahr. Dennoch betont Beier den Stellenwert der Schwimmausbildung. Damit in diesem Jahr weitere Kinder in den Genuss eines Kurses kommen können, kann er sich vorstellen, die öffentliche Badezeit um eine Stunde zu reduzieren. „Es ist unser Auftrag, dass Kinder Schwimmen lernen, das steht über dem Freizeitwert des Hallenbades“, betont er und fügt hinzu: „Wir werden nicht alles auffangen können, aber wir werden ein gewisses Zeichen setzen.“ Von der Idee, Aquafitnesskurse zugunsten eines Seepferdchenkurses zu streichen, hält Ortel nichts, da diese Angebote erst am späten Abend terminiert sind. Die Kurse nur noch für Kinder aus Wertheim anzubieten kommt für Beier ebenfalls nicht in Frage. „Kinder sind Kinder, egal woher sie kommen“, unterstreicht er.

Nachwuchs gewinnen

Vom Lockdown im Herbst betroffen war jedoch nicht nur die Ausbildung der Schwimmanfänger, auch das Training des Rettungsschwimmernachwuchses litt unter dem geschlossenen Bad. Einmal wöchentlich – immer am Montagabend – nutzen die DLRG-Ortsgruppen Wertheim und Urphar in der Wintersaison die Schwimmhalle für ihren Übungsabend. 100 bis 130 Teilnehmer nehmen regelmäßig daran teil, entnimmt Ausbildungsleiter Christian Fischer seinen Unterlagen. Nicht aber in der zurückliegenden Saison: Trotz Hygienekonzepts war nach drei Trainingsabenden im Oktober mit Beginn des Lockdowns Anfang November Schluss.

„Für die Kinder war es super wichtig zu sehen, dass es die DLRG noch gibt“, blickt Fischer zurück. Die Kinder- und Jugendarbeit sei für die DLRG essenziell, betont Fischer. Ohne Training sei es schwierig, Nachwuchs für den Einsatz in der DLRG zu begeistern. „Wir hoffen deshalb auf eine regelmäßige Wintersaison“, sagt er. Zwar könne die Ortsgruppe ein weiteres Jahr Ausfall „mit ganz viel Schmerz“ verkraften, über mehrere Jahre sei dies jedoch nicht möglich.

Mit seiner Tochter wird Fischer den Sommer über im Freibad üben. „Mir ist es allerdings ein Anliegen, dass sie das Schwimmen von jemandem anderen lernt.“ Auch Oskar möchte gemeinsam mit seiner Mutter üben. „Soweit das mit meiner kleinen Tochter funktioniert. Wenn Oskar das Seepferdchen schon hätte, wären die Freibadbesuche natürlich einfacher“, bedauert Anja May.

Aber ob mit oder ohne Schwimmflügel: Oskar freut sich riesig aufs Freibad und vielleicht geht sein Wunsch schon an diesem Wochenende in Erfüllung.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim