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Geschichte - Bisher unbekannte Quelle gibt Hinweis auf Anwesenheit des Generals Bernadotte vor 225 Jahren / Uhrmacher Langguth beschwerte sich über Raub

Revolutionsarmee zog durch Wertheim

Von 
Erich Langguth
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Wie ein neuer Quellenfund zeigt, marschierte vor 225 Jahren die französische Revolutionsarmee in Wertheim ein. Das kommt erst jetzt ans Licht, weil der Hinweis darauf an anderer Stelle schlummerte.

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Wertheim. Als denkwürdig vermerkt die Stadtgeschichte, dass vor fast 350 Jahren die Landesregentin, Gräfin Anna Maria zu Löwensteim-Wertheim-Rochefort, 1673 einen drohenden Einfall französischer Truppen unter Marschall Turenne nach Wertheim verhindert hat.

Marschall Jean-Baptiste Bernadotte, später Karl XIV. Johann von Schweden. © Schloss Skokloster

Völlig unbekannt war dagegen, dass vor 225 Jahren tatsächlich eine französische Invasion der Stadt stattfand und zwar am 26. Juli 1796. Es handelte sich um Teile der Division des Generals Jean-Baptiste Bernadotte, die im Verband der Sambre-Maas-Armee von der Lahn durch Franken in die Oberpfalz marschierte. Vom Verlauf dieser Bewegung gab es bisher keinerlei Details. Umso bemerkenswerter, dass die Main-Tauber-Stadt jetzt als Station auf dieser Route erscheint.

Entschädigungsgesuch

Das Ereignis selbst wird so spät erst bekannt, weil sich die Nachricht an einer Stelle findet, wo man sie nicht vermuten würde. Überdies ist der Beleg nicht einmal aus aktuellem Anlass entstanden, sondern erst im Abstand von drei Jahren aktenkundig geworden. Es handelt sich um ein Entschädigungsgesuch des Uhrmachers Nicolaus Jacob Langguth (1738 bis 1807), das am 17. Juni 1799 bei der gräflichen Regierung verhandelt wurde (StAWt-R Rep. 55i Nr. 471).

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Langguth gab zu Protokoll, es sei regierungsseitig bereits bekannt, auf welch listige Art bei der französischen Invasion vom 26. Juli 1796 ihm eine goldene Uhr durch einen französischen Chasseur „aus Handen practiciret“ worden sei. Dieser habe zunächst einen Preis von 5 ¼ Carolin (bayerische u. kurpfälzische Münzsorte, ein Carolin gleich etwa elf Gulden 24 Kreuzer) ausgehandelt. Er verlangte aber, dass die Bezahlung im Gasthaus zur „Krone“ (Brückengasse 4) erfolgen solle. Langguth gab ihm daraufhin einen seiner Söhne mit, der jedoch statt Bargeld „französische Papiere“ (wahrscheinlich wertlose Assignate) erhielt.

In der „Krone“ muss mächtig Betrieb gewesen sein. Unter anderem waren zwei Regierungsmitglieder, die Hofräte Zentgraf und Stephani, anwesend. Diese hatten als Augen- und Ohrenzeugen den Vorfall mitbekommen und signalisierten Zustimmung. Sohn Langguth solle die Papiere nur nehmen, sie seien „acceptabel“. Nun konnte sich der Kläger auf beide Herren berufen.

Natürlich hatte sich rasch herausgestellt, dass von einem Umtausch der Papiere in Bargeld keine Rede sein konnte; sie waren völlig ohne Wert. Langguth beschreibt den Verlust drastisch, er müsse sein Geld von 5 ¼ Carolin „mit dem Rücken ansehen“.

Der Verlust sei umso schmerzlicher, als bei ihm kürzlich bei einem gewalttätigen Einbruch die Diebe Taschen- und andere Uhren im Wert von 200 fl. entwendet hätten. Um sich überhaupt wieder erholen zu können, komme es ihm nun vor allem darauf an, für den Verlust der 5 ¼ Carolin Entschädigung zu erhalten. Anderen Untertanen sei bereits für erlittene Einbußen bei der französischen Invasion geholfen worden.

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Der Antragsteller tat noch ein Übriges und fragte an, ob man ihm, um sich vor künftigen Einbrüchen zu sichern, nicht erlaube, in seinem Haus Schießgewehr „zu appliciren“, welches im Fall des Falles von selbst losging, den Dieb verraten, ihn beschädigen oder sogar töten könnte. Auf dieses Ansinnen ging die Regierung natürlich gar nicht ein.

Langguth war beim General

In der Entschädigungsfrage allerdings beschloss man, ihm für den Verlust der 5 ¼ Carolin etwa die Hälfte mit 28 Gulden zu ersetzen. Zur einvernehmlichen Genehmigung wurde, wie üblich, der Antrag an die fürstliche Regierung weitergeleitet. Dort nahmen mehrere Räte Stellung zu dem Fall. Kammerdirektor v. Feder hielt das Gesuch für umso berechtigter, als Langguth „so zu sagen“ auf Befehl die Uhr habe abgeben müssen. Hofrat Zentgraf widersprach, er wisse nichts von einem Befehl. Schließlich notierte v. Feder: „Der Langguth war in unserer Gegenwart wegen dieser Sache beim General Bernadotte, dieser aber so wie wir mußten ihm zur Abgabe rathen, weil wir nicht helfen konnten“.

Nicolaus Jacob Langguth hatte also General Bernadotte selbst aufgesucht. Es mutet seltsam an, dass dieser nicht für Abhilfe sorgen konnte.

Später König von Schweden

Immerhin verdanken wir der Notiz den Nachweis von der Anwesenheit des Revolutionsgenerals in der Stadt. Da Jean-Baptist Bernadotte nachmals als Karl XIV. Johann schwedischer König wurde, kann gefolgert werden, dass neben Gustav Adolf mit ihm, wenn auch vor der Thronbesteigung, ein zweiter schwedischer König seinen Fuß auf Wertheims Boden gesetzt hat.

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