Gedenkfeier - An 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Wertheim erinnert / Einsatz von Heinrich Herz und Anton Dinkel gewürdigt Respekt vor Akt der Entschlossenheit

Von 
Bernhard Müller
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Zur Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Wertheim kamen gestern rund 100 Teilnehmer auf die Wertheimer Burg. Hier hielt Oberbürgermeister Stefan Mikulicz eine Rede im Neuen Archiv, bei der an die dramatischen Ereignisse vor 70 Jahren erinnerte.

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Wertheim. "Wir wollen uns gemeinsam dankbar jener Menschen erinnern, die vor 70 Jahren die Stadt Wertheim vor der Zerstörung gerettet haben", erklärte Oberbürgermeister Stefan Mikulicz bei der Gedenkfeier, die gestern am späten Nachmittag im Neuen Archiv auf der Burg in Anwesenheit von rund 100 Teilnehmern veranstaltet wurde. "Es waren Heinrich Herz und Anton Dinkel, die den Mut hatten, hier auf dem Burgfried die weiße Fahne zu hissen. Diesem Akt der Entschlossenheit und der Zivilcourage, dem sich weitere Wertheimer angeschlossen haben, zollen wir gemeinsam Respekt. Denn ihm haben wir zu verdanken, dass der Zweite Weltkrieg in Wertheim ohne Zerstörung der historischen Stadtkulisse zu Ende gegangen ist", betonte der OB in seiner Ansprache zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Wertheim.

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Um die Vorkommnisse am 1. April 1945 einschätzen zu können, müsse man sie in den geschichtlichen Zusammenhang stellen, so der OB. Zwei Wochen zuvor sei Würzburg durch die verheerenden Bombenangriffe getroffen worden, 90 Prozent der Innenstadt lag in Schutt und Asche. Am 31. März 1945 kam es zu erbitterten Kämpfen in Nassig: Menschen verloren ihr Leben. Kirche, Schule, zahlreiche Häuser und Scheunen wurden zerstört. Ebenfalls am Karsamstag waren in Wertheim die zwei Mainbrücken und die Eisenbahnbrücke über die Tauber gesprengt worden, um den Vormarsch der feindlichen Truppen zu behindern. "Der Schrecken des Krieges war ganz nahe gekommen", so Mikulicz. Angst und Unsicherheit bestimmten das Leben in der Stadt. Immer wiederkehrende Fliegeralarme zerrten an den Nerven, die Infrastruktur war lahm gelegt. Die amerikanischen Streitkräfte waren vom Wartberg her bis Wertheim vorgerückt. Nachmittags schlugen Granaten ein, in der Friedleinsgasse brannte ein Dachstuhl.

"Was tun in dieser Situation? Der befohlenen Verteidigung der Stadt Folge leisten, also den hoffnungslosen Kampf mit allen Gefahren aufnehmen? Oder zum Zeichen der Kapitulation vor dem Feind die weiße Fahne hissen - gegen den Willen der linientreuen Obrigkeit? Diese Situation war lebensgefährlich - so oder so", schilderte der OB.

"Heinrich Herz und Anton Dinkel haben damals richtig entschieden. Es war ein beispielhafter Akt der Zivilcourage, der unsere Hochachtung verdient", betonte Mikulicz. Einem damals 47-jährigen Schifffahrtsdirektor und einem 20-jährigen Medizinstudenten habe man es zu verdanken, dass der dramatische Ostersonntag 1945 ohne Blutvergießen in der Altstadt zu Ende gegangen sei.

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Für die Geschehnisse vor 70 Jahren gebe es keine Zeitzeugen mehr. Aber das Stadtarchiv verwahre Dokumente und Überlieferungen. Aufschlussreiche Quellen seien ebenso die Beiträge zu diesem Kapitel der Stadtgeschichte in den Jahrbüchern des Historischen Vereins. Besonders erwähnte der OB zudem die umfassende Schülerarbeit, die Lea-Sophie Uebelhör und Timo Rösch vom Beruflichen Schulzentrum 2009 vorgelegt haben. Darin hätten sie die Frage, ob Heinrich Herz und Anton Dinkel Helden seien, mit einem eindeutigen Ja beantwortet und begründet.

Dank für mutigen Einsatz

Vor zehn Jahren sei auf der Burg am Ort des Geschehens eine Gedenktafel für Herz und Dinkel angebracht worden. Auch am 70. Jahrestag wolle man Dankbarkeit für deren mutigen Einsatz zum Ausdruck bringen. Dabei wolle man alle Menschen in der Stadt mit einschließen, die damals ebenfalls Mut bewiesen haben, indem sie die Obrigkeit zum Hissen der weißen Fahne drängten, dem Beispiel Herz und Dinkel folgten und auch an anderer Stelle weiße Tücher als Zeichen der Kapitulation anbrachten.

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Wertheim sei dank dieses historischen Moments verschont geblieben. Damit habe sich die Stadt auch schneller als andere Städte von den Belastungen des Krieges erholen können. Die Main-Tauber-Stadt sei nach dem Krieg von der Landkreisverwaltung offiziell zur "Flüchtlingsheimstätte" erklärt worden, eben weil die Stadt weitgehend von der Zerstörung verschont geblieben war. Im Februar 1946 seien auf dem Reinhardshof die ersten Heimatvertriebenen aus Budaörs eingetroffen. Es folgten tausende von Menschen aus Csobánka, Südmähren, Schlesien und dem Sudetenland. "Alle haben in Wertheim eine neue Heimat gefunden. Alle haben zur gedeihlichen Entwicklung der Stadt beigetragen", unterstrich der OB. Für Wertheim sei es ein mit vielen Sorgen belasteter Anfang einer Entwicklung gewesen, ohne die die Stadt heute aber ein anderes Gesicht hätte. Die sogenannte "Stunde Null" sei für Wertheim der Beginn eines aufstrebenden, segensreichen Gedeihens gewesen.

Ort der Erinnerung

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Vor zehn Jahren habe man mit der Anbringung einer Gedenktafel einen Ort der Erinnerung geschaffen. Die Tafel soll nachfolgende Generationen an mutige Menschen erinnern und das Vorbild vermitteln, das Heinrich Herz und Anton Dinkel damals mit ihrem beherzten Einsatz gegeben haben, so der OB.

Über die Angemessenheit dieser Erinnerung habe sich den letzten Monaten eine öffentliche Diskussion entwickelt. Der Gemeinderat habe sich damit eingehend befasst und im März dieses Jahres beschlossen, es nicht bei der Gedenktafel zu belassen, sondern diesen Ort der Erinnerung als Gedenkstätte insgesamt aufzuwerten. Unter Einbeziehung der Bürgerschaft werde ein Konzept erarbeitet und dem Gemeinderat als Gestaltungsvorschlag vorgelegt.

Wertheim sei eine geschichtsbewusste Stadt. Der Oberbürgermeister dankte zum Schluss allen engagierten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die mithelfen, die Erinnerung an die Geschehnisse vor 70 Jahren wachzuhalten und mit ihrer Anwesenheit bei der Gedenkfeier das Andenken an Heinrich Herz und Anton Dinkel geehrt haben.