Gedenkfeier (1) - In der voll besetzten Auferstehungskirche hat Nassig höchst eindrucksvoll an die Ereignisse vor 70 Jahren erinnert Resolut sein gegen Räubernester

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Zunächst in der Auferstehungskirche trafen sich die Bewohner Nassigs, um an die Ereignisse vor 70 Jahren zu erinnern. In der Kirche gestaltete der gemischte Chor (Bild unten) und der Posaunenchor den Gottesdienst mit.

© Elmar Kellner

Nassig. Mit einem Gottesdienst in der voll besetzten Auferstehungskirche und einer Kranzniederlegung am Ehrenmal auf dem Friedhof (siehe weiteren Artikel) hat Nassig am Dienstagabend höchst eindrucksvoll der Ereignisse des 30. und 31. März 1945 gedacht, die Tod und Zerstörung in das Dorf brachten. Dr. Jörg Paczkowski stellte die Geschehnisse vor 70 Jahren in einen größeren Zusammenhang. Ortsvorsteher Volker Mohr erinnerte daran, dass der Zweite Weltkrieg schon lange vor den eigentlichen Kampfhandlungen nach Nassig gekommen sei. Die Erinnerung "mahnt uns alle, welch kostbare Güter Frieden und Freiheit sind", sagte Bürgermeister Wolfgang Stein.

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"Die Eroberung des hiesigen Raumes begann am 25. März 1945", rekapitulierte Paczkowski in seinem Rückblick nach der vom Posaunenchor unter der Leitung von Herbert Dosch gestalteten musikalischen Eröffnung des ersten Teils der Veranstaltung in der Auferstehungskirche. Der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen gewesen, dennoch habe bis zum bitteren Ende gekämpft werden müssen. "Soldaten und Zivilisten mussten das aushalten."

Nachdem Gerüchte aufgekommen seien, dass Wertheim am 26. März von den amerikanischen Truppen erreicht werden solle, habe sich die Kreisleitung der NSDAP nach Boxberg "zurückgezogen". Doch noch einmal seien junge Menschen, aus Ansbach kommend, ausgeschickt worden, das Gebiet zu verteidigen, dem Befehl folgend, dass Nassig verteidigt werden müsse.

Anlass zur Zerstörung

Mit einer Panzerfaust sei es gelungen, einen US-Panzer zu stoppen. "Das war der Anlass zur Zerstörung - eine Panzerfaust", so der Redner. Die ganze Nacht auf den 31. März sei gekämpft worden.

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Die Folgen machte ein Brief deutlich, den der junge Erich Schleßmann später an seinen Vater schrieb und aus dem Paczkowsk zitierte. Den Worten "Es ist zerstört" folgte darin eine schier endlose Aufzählung an Namen, Häusern, Scheunen. Fünf Zivilisten seien getötet worden, 35 Soldaten gefallen, 34 von ihnen in Nassig, einer in Sonderriet begraben worden.

In den Berichten und Tagebüchern der Obersten Heeresleitung habe es zum 1. April lapidar geheißen, "Wertheim ging verloren, der anschließende Raum wurde gehalten." Zu Nassig finde sich nichts. "Nassig wurde zerstört, ein Schicksal, das Wertheim erspart geblieben ist."

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Nach der Lesung der Seligpreisungen aus der Bergpredigt und dem gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis von Nicäa leitete der gemischte Chor, dirigiert von Axel Kempf mit dem Lied "Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut" zur Predigt über, in deren Mittelpunkt Pfarrer Ortwin Engler, der den Gottesdienst hielt, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellte, aus dem er seine Folgerungen ableitete. Am Beispiel eines Menschen, eines Samariters, werde gezeigt, was Barmherzigkeit ist - "ein Ausnahmefall", wie Engler sagte. "Das Leben in einer unbarmherzigen Gesellschaft", in der Egoismen, Gleichgültigkeit und die Angst, selbst zu Schaden zu kommen, zu groß seien, "wäre nicht zu ertragen, wenn es diese Ausnahmefälle nicht gäbe".

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Auf Nächstenliebe, so der Pfarrer, habe ausnahmslos jeder Mensch Anspruch, "der uns vor die Füße gelegt wird. Dabei muss er uns nicht sympathisch sein". Engler erinnerte, Juden und Samariter in der Geschichte seien einander "wie Hund und Katze gewesen". Doch in dem Fall habe es nur den Mitmenschen gegeben, dem geholfen werden musste.

Nächstenliebe schließe auch oft den Mut zum Risiko ein. "Es gibt keine Nächstenliebe ohne die Bereitschaft dazu. Das ist heute nicht anders als vor 2000 Jahren" und bedeute zum Beispiel, einzutreten für jemanden, der zu Unrecht beschuldigt werde. "Der Rat, sich vorsichtig herauszuhalten, kommt nicht aus dem Geist Jesu und verkehrt Nächstenliebe in ihr Gegenteil."

Nächstenliebe habe auch etwas mit Geld zu tun, stellte der Prediger fest. "Unsere Bereitschaft, Nächstenliebe zu üben, kann gedämpft werden, wenn Geld ins Spiel kommt."

Abschließend stellte Engler die Frage, ob der Samariter, als er spontan half, wohl an Gott gedacht habe. "Jesus sagt davon kein Wort." Der Samariter habe in dem Augenblick wahrscheinlich genug anderes zu tun gehabt und später vielleicht Gott dafür gedankt, dass alles gut ausgegangen sei.

Von besserer Qualität

Der Geistliche gab dem Gleichnis noch eine weitere, für manchen vielleicht überraschende Drehung. Als der Samariter zum 2333. Mal von Jerusalem nach Jericho gewandert und zum ebensovielten Male geholfen habe, "war ihm plötzlich die Erleuchtung gekommen". Die habe darin bestanden, dass es eine bessere Qualität von Barmherzigkeit sei, sich vorsorglich und resolut mit dem Räubernest zu befassen, aus dem heraus die Angriffe erfolgt seien, als nachträglich Heftpflaster zu verteilen.

Der gemischte Chor sang "Ein Lied der Hoffnung" und die versammelte Gemeinde stimmte gemeinsam in "Großer Gott wir loben Dich" ein, ehe man sich dann zum Friedhof begab. ek