Besuch aus Stuttgart - Umweltausschussvorsitzende Gabi Rolland informierte sich gestern über die Artenvielfalt auf dem Reinhardshof Reichtum von Fauna und Flora erhalten

Von 
Diana Seufert
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Die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, Gabi Rolland (Mitte), informierte sich beim Besuch gestern auf dem Reinhardshof über die Artenvielfalt von Fauna und Flora. Die Nabu-Mitglieder waren froh über die Unterstützung aus Stuttgart und übten scharfe Kritik an der Stadt.

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Ihren Wunsch, die Artenvielfalt der Fauna und Flora auf dem Reinhardshof zu erhalten, wollen die Mitglieder des Nabu mit dem Besuch von Gabi Rolland in den Landtag tragen.

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Reinhardshof. Gabi Rolland, die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Stuttgarter Landtags, war gestern eigens aus Freiburg anreist und hatte einiges auf sich genommen, um sich bei der Nabu-Gruppe über das Areal zu informieren. Groß war auch das Interesse der Nabu-Mitglieder, die sich wie SPD-Vorsitzender Walter Hörnig und Nabu-Vorsitzender Ekkehardt Ebert vom Besuch Unterstützung aus der Landeshauptstadt für ihr Vorhaben erhoffen. Die Stadtverwaltung plant dort die Ausweisung eines Gewerbe- und Industriegebiets (wir berichteten).

"Diese Areal ist das wertvollste und artenreichste Gebiet, das wir in Wertheim haben." Dr. Christian Ulzhöfer ging auf die Vielfalt von pflanzen, Insekten und Vögeln auf dem 29 Hektar großen Bereich ein. Großes Augenmerk legte er dabei auf die ökologische Seite. "Es gibt hier sechs Tiere und Pflanzen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie mit dem Anhang IV, die unter dem besonderen Schutz der EU stehen." Daneben fänden sich 42 Arten, die auf der Roten Liste stehen, sowie weitere 79 Arten auf der Vorwarnliste. "Es gibt noch viel mehr zu entdecken", meinte er mit Blick auf die sieben Fledermausarten, die kürzlich in dem Bereich festgestellt worden sind. Allein in einer Nacht habe man 27 000 Rufe der Tiere aufgenommen, so Ulzhöfer. Zudem lasse man die Stimmen analysieren, um eine zweite Expertise zu haben.

Arten der Roten Liste

Großes Lob zollte er den Mitgliedern, die sich um die Kartierung kümmern. Rund 650 Arten habe man bereits ausgemacht. Er ging davon aus, dass mehr als 800 Arten auf den Magerwiesen zwischen dem Kriegisch-Areal und dem Wald auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz leben. Ein Großteil der Insekten, Moose und Flechten sei noch nicht ausgewertet. "Wir kennen keine vergleichbaren Flächen im Stadtgebiet", unterstrich der Unternehmer die Einzigartigkeit der Biodiversität, die sich auch in einer hohen Insekten- und Vogeldichte zeigt.

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Den Grund für den Artenreichtum schob Ulzhöfer gleich hinterher: Der Boden werde nur durch einen Schäfer im Herbst bewirtschaftet. Auch als soziale Komponente der Naherholung sah er ein großes Potenzial. "Die Anwohner lieben das Gebiet."

Heftige Kritik übte der Nabu-Vertreter an der Stadtverwaltung, die "das Gebiet zerstören" will, um Tatsachen zu schaffen - wie beim Abholzung der Hecken im Frühjahr. Hier zitierte Ulzhöfer eine Aussage, die viele Nabu-Mitglieder irritierte: "Es muss alles weg, sonst haben die Sträucher Bestandsschutz und die Stadt kann hier kein Gewerbegebiet errichten", habe es geheißen. Der Wiesenpiper sei durch Mulchaktionen schon vertrieben worden.

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"Enttäuschend" bezeichnete er Gespräche mit der Stadtverwaltung zum Schutz des Reinhardshofs. "Es gibt Mitarbeiter in der Verwaltung, die versuchen, das Gewerbegebiet hier durchzudrücken und die Wiesen platt zu machen", fuhr Ulzhöfer schwere Geschütze auf.

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Auch wurde angemahnt, dass Gutachten teilweise falsch seien. Um dem etwas entgegenzusetzen, habe man eigene Kartierungen veranlasst. Die mögliche Ausgleichsfläche werde dem Artenreichtum nicht gerecht, ergänzte der Bewirtschafter des dortigen Bodens.

"Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt hängt nicht von diesem Gebiet ab", so Ulzhöfer. Denn die künftigen Einnahmen machten die nötigen Ausgaben für die Erschließung nicht wett. "Und wir haben noch ausreichend Gewerbeflächen."

Eine klare Zusage konnte die Abgeordnete, die beruflich schon viele Jahre mit dem Naturschutzrecht zu tun hatte, den Nabu-Mitgliedern nicht machen. Dass sie ein offenes Ohr hat, war allen wichtig. Sie dankte für das Engagement zum Erhalt des Artenschutzes und sprach die Möglichkeit an, den Petitionsausschuss des Landes anzurufen, was eine aufschiebende Wirkung hat.

Rolland vertrat die Auffassung, dass man das Areal auch wieder aus dem Flächennutzungsplan nehmen und als Schutzgebiet ausweisen kann, wie es in anderen Kommunen schon passiert sei. Ulzhöfer ergänzte, dass bereits das Regierungspräsidium in den 1990er Jahren diesen Vorschlag gemacht hatte, aber leider nichts passiert sei. Diskutiert wurde auch die Möglichkeit eines Bürgerbegehrens gegen den Gemeinderatsbeschluss. Im Frühjahr hatte das Gremium einstimmig für den Aufstellungsbeschluss zur Erweiterung des Gewerbegebiets gestimmt. "Wir hatten im Vorfeld aber keine Informationen, um welchen Artenreichtum es sich handelt", sagte Gemeinderat Ingo Ortel. "Sonst wäre der Beschluss nicht einstimmig gefallen."

Abwägung wichtig

Die Teilnehmer des Informationsbesuchs freuten sich, dass die Ausschussvorsitzende die Sachlage mit ihren Kollegen erörtern will. Da sie selbst für FFH-Prüfungen zuständig gewesen war, will sie bei Fachbehörden und auch Stadtverwaltung nachfragen. "Wenn man den Artenschutz Ernst nimmt, ist eine gute Abwägung nötig", fragte sie, ob man einen solchen Bereich aufgeben müsse, wenn man noch andere Optionen habe. Gerade in Zeiten von Insektensterben sollte der Artenschutz Vorrang genießen.

Die Stadtverwaltung wollte sich auf Nachfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Derzeit würden im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens alle Stellungnahmen zusammengetragen. Im zweiten Halbjahr werde das Thema auf der Gemeinderatssitzung stehen, so Pressesprecherin Angela Steffan.

Redaktion Hauptsächlich für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim im Einsatz