„Jahrespresseschau 2019“ - Kabarettist Arnulf Rating war zu Gast im Gewölbekeller des Kleinkunstvereins Convenartis und begeisterte rund 80 Besucher Pointierter Rückblick auf den Irrsinn der Welt

Von 
Nadine Schmid
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In seiner „Jahrespresseschau“ betrachtete Arnulf Rating den Wahnsinn der Welt kabarettistisch und begeisterte so das Publikum im Gewölbekeller von Convenartis.

Zeitungen sind die unverzichtbare Grundlage von Arnulf Ratings „Jahrespresseschau 2019“. © Nadine Schmid
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Wertheim. „Ich komme aus einer Generation, die meinte, über das Lachen ein Umdenken zu erreichen“, erklärt der Kabarettist Arnulf Rating bei seinem Auftritt beim Convenartis Kleinkunstverein.

Und auch, wenn er nicht alles ändern kann, das Zusammenspiel von Lachen und Denkanstößen gelingt ihm bei den rund 80 Zuschauern im gewölbekeller ausgezeichnet. Rating versteht es, ernste Themen mit ironisch-sarkastischen Spitzen zur tiefsinnigen Bühnenunterhaltung zu machen, ohne dabei Ernstes ins Lächerliche zu ziehen.

Zeitungen als Grundlage

Zeitungen sind der Grundstock seines Bühnenprogramms und so heißt dieser dritte Auftritt im Gewölbe folgerichtig „Jahrespresseschau 2019“. Gleich am Anfang wundert sich der Künstler, dass so viele gekommen sind: „Das Jahr 2019! Wollen Sie das wirklich noch mal anschauen?“ fragt der Berliner mit der auffälligen Frisur. Als das Publikum bejaht, beginnt er zu reden, ohne Punkt und Komma. Pointe folgt auf Pointe, sodass man bei manchem Wortspiel gar nicht schnell genug hinterherkommt.

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Hilfsmittel sind diverse Zeitungen. Zusätzlich wirft er Zeitschriften-Cover und Grafiken als Power Point an die Leinwand. Man merkt deutlich: Hier weiß jemand, wovon er spricht, hat sich vor der kabarettistischen Umsetzung eingehend mit dem Thema beschäftigt, etwa mit dem Klimawandel.

Ebenso fällt auf, dass Rating nicht nur hochaktuell ist, sondern sich auch mit dem Auftrittsort beschäftigt hat. So präsentiert er die Ergebnisse der Europa-Wahl im Main-Tauber-Kreis. Und hat eine Ausgabe dieser Zeitung studiert. „Ich bin erstaunt, was alles aus Wertheim berichtet wird. Ich bin vorhin über den Marktplatz gelaufen.“ Unausgesprochen weiß jeder, was er meint.

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Doch natürlich geht es ebenso um die große Politik, denn wie sagte Humboldt, der im vergangenen Jahr seinen 250. Geburtstag feierte: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nicht anschauen.“ Also berichtet er von AKK „Angelas Kanzler Klon“, Boris Johnson – „solche Leute hätten früher Kabarett gemacht“ – und Philipp Amthor, „dem gesichtsältesten jungen Menschen Deutschlands“.

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Was der Künstler bedauert, ist, dass die Jugendlichen keine Zeitungen mehr lesen. „Da klappt das Wischen einfach nicht.“ Ihr Engagement für die Umwelt findet er dagegen gut, auch wenn er Panik nicht mag. „Ich bin 1951 geboren. Das Jahr habe ich mir bewusst ausgesucht. Nach dem Krieg und zu Beginn des Wirtschaftswunders. Und doch habe ich bei optimalen Bedingungen viele fünf vor zwölf Stimmungen erlebt.“ Er erinnert an den Kalten Krieg oder das Waldsterben.

Und an den Jahrestag des Mauerfalls. Einiges sei hier schief gelaufen: „Wenn man sich die Deutschlandkarte anschaut, so war Westdeutschland zunächst schlank, nach der Wiedervereinigung wurde es fett. Schließlich hat es seinen kleinen Bruder gegessen.“

In Rollen geschlüpft

Manche Positionen kann er nicht als Rating karrikieren und schlüpft mit einfacher Verkleidung beispielsweise in die Rolle eines Bundeswehroffiziers, der vor lauter veganer Feldküchen und Wickeltische seine Geschütze nicht mehr aufstellen kann, oder eines Rentners, der vor den Mietpreisen in Berlin in die Platte außerhalb ziehen musste.

Und natürlich darf Ratings Paraderolle nicht fehlen. In der Zugabe taucht sie auf: Schwester Hedwig, die neben Rating beispielsweise Angela Merkel betreut. Sie habe die wichtige Aufgabe, diese bei der Wahl ihrer Blazer zu beraten. Und verrät: „Das Wichtige ist nicht die Farbe, wie viele meinen. Es ist die Anzahl der Knöpfe, an denen die Bundeskanzlerin sich ihre Strategie merkt.“

Farbige Facetten aller Art haben auf jeden Fall den Kabarettabend bereichert. Abschließend lobt der Künstler die private Initiative, mit der der Verein Kulturveranstaltungen nach Wertheim holt. Und viele Zuschauer hoffen, dass der Berliner in den nächsten Jahren wieder mit dabei sein wird.