Einzelhandel - Geschäfte bis zu einer Fläche von 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen / Inhaber trotz eher verhaltenem Kundenzustrom positiv gestimmt Plötzlich brennt da wieder Licht

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Elisa Katt
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Die ersten Kunden nach rund einem Monat: Auch das Schuhgeschäft Winzenhöler hat am Montag wieder seine Türen geöffnet. Sehr zur Freude von Dagmar Kögl und ihrer Familie – ihre Enkel brauchen angesichts der steigenden Temperaturen dringend neue Sandalen. © Elisa Katt

Wertheim. Es ist ein Montagmorgen, der sich auf den ersten Blick nicht zu sehr von denen der vergangenen Wochen unterscheidet. Um kurz nach 8 Uhr sind in der Maingasse genau zwei Menschen unterwegs – mit viel Abstand und eiligen Schritts. Doch kaum schlägt es 9 Uhr, da ist klar: Irgendetwas ist heute anders. In Schaufenstern brennt plötzlich Licht, das vertraute Rattern von Rollen auf Kopfsteinpflaster ist zu hören, als Mitarbeiter zum ersten Mal seit rund einem Monat Verkaufsständer hinaus auf die Gasse schieben. Die beinahe gespenstische Stille der vergangenen Wochen hat an diesem Montag ein Ende.

Bilanz der Stadtverwaltung

  • Insgesamt keine Probleme gab es am Wochenende in Wertheim mit der Einhaltung der bis zum 3. Mai weiter geltenden Kontaktbeschränkungen. „Die Lage draußen ist ruhig und geordnet“, stellte OB Markus Herrera Torrez fest, nachdem Ordnungsamtsleiter Volker Mohr informiert hatte, dass von Seiten der Polizei keine Vorkommnisse vom Wochenende gemeldet worden waren.
  • Eine Übersicht auf der Homepage der Stadt werde um die für Außer-Haus-Verkauf geöffneten Cafés und Eisdielen ergänzt, kündigte Christiane Förster, Geschäftsführerin der Tourismus Region Wertheim, an.
  • Aktuelle Informationen zum Coronavirus und zu den Maßnahmen gibt es auch auf der Homepage der Landesregierung. stv/eli
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Am Donnerstag hatten Bund und Länder vorsichtige Lockerungen der Corona-Maßnahmen beschlossen. Unter anderem, dass Geschäfte bis zu einer Fläche von 800 Quadratmetern wieder öffnen dürfen. Natürlich tummeln sich nicht auf einen Schlag Menschenmassen auf dem Wertheimer Marktplatz. Aber im Schuhgeschäft Winzenhöler bedient eine Verkäuferin bereits die ersten Kunden. Dagmar Kögl steht mit ihrer Schwiegertochter in der Kinderabteilung im Obergeschoss – ihre Enkel brauchen bei den steigenden Temperaturen dringend neue Sandalen.

Erleichterung und Sorge

„Wir sind um die Ecke am Marktplatz gebogen und haben uns sehr gefreut, dass tatsächlich geöffnet ist“, sagt Kögl mit einem Lachen. Im Erdgeschoss bringt Inhaberin Gertrud Winzenhöler gerade Hinweisschilder zu den Hygiene- und Abstandsregeln an. Auf einem Tisch vor der Kasse steht eine große Flasche Desinfektionsmittel. Wie alle ihre Angestellten ist auch die Inhaberin mit Gesichtsmaske unterwegs. „Wir haben uns gefreut und waren erleichtert, dass wir wieder öffnen dürfen“, berichtet sie. Da klingelt schon wieder das Telefon. Eine Kundin hat während der Schließung ein Paar Schuhe im Schaufenster gesehen, das sie nun abholen möchte.

Auf der anderen Seite des Marktplatzes schiebt Erika Baumann gerade die Verkaufsständer vor ihr Kleidungsgeschäft Michels. Ihr hat in den vergangenen Wochen vor allem der persönliche Kontakt im Geschäft gefehlt. „Einige Kunden haben angerufen und gefragt, wie es mir geht“, berichtet die 55-Jährige. „Es war sehr schön, zu sehen, dass die Menschen an einen denken.“ Doch auch hier überschatten zum Teil finanzielle Sorgen die Freude über die Wiedereröffnung: „Es sind komplette Monatsumsätze, die uns fehlen.“

Ordnungsamt kontrolliert

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Während der Schließung wurde die Ware zwar zurückgehalten, werde nun aber geliefert – und müsse bezahlt werden. Aktuell hat Michels zu den üblichen Zeiten geöffnet. Ob das so bleibt, kann Baumann noch nicht abschätzen. Einige Geschäfte würden ihre Öffnungszeiten je nach Bedarf und Kundenandrang anpassen, berichtet Baumann aus Gesprächen.

Draußen vor ihrem Geschäft steht ein Mann mit Klemmbrett und Stift bewaffnet und nimmt das Plakat im Schaufenster des Geschäfts unter die Lupe: „Für unser aller Gesundheit: Bitte halten Sie Abstand!“ Benedikt Haas vom Ordnungsamt ist an diesem Morgen in der Innenstadt unterwegs. Er kontrolliert die umfassenden Auflagen, an die sich die Geschäfte angesichts der Pandemie halten müssen. „Ich habe den Eindruck, die Leute sind informiert und sensibilisiert“, zieht er eine erste Bilanz. In den kommenden Tagen werden Haas und seine Kollegen im gesamten Stadtgebiet die Einhaltung der Auflagen überprüfen.

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Nächste Station ist für die Ordnungshüter der Spiel- und Schreibwarenladen Knecht Rupprecht in der Rathausgasse. Dort steht Inhaber Holger Rupprecht mit Mundschutz hinter der Kasse – und hinter einer Folien-Schutzwand. „Das ist nur ein Provisorium, eine richtige Plexiglasscheibe ist bestellt“, sagt er.

Eiswagen ist wieder unterwegs

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Der Kundenandrang hält sich bisher in Grenzen: „Eine Stunde und ich hatte bis jetzt einen Kunden, der für 1,40 Euro zwei Hefte gekauft hat. Das wird sicherlich mehr werden, aber langsam“, ist Rupprecht vorsichtig optimistisch. Was ihm Sorgen bereitet, sind die fehlende Laufkundschaft und der wegfallende Tourismus. „Ich rechne mit mindestens einem Drittel Umsatzverlust, wenn nicht noch mehr.“

In diesem Moment schaut Marco De Filippo zur Tür herein. „Wir dürfen jetzt auch wieder Straßenverkauf anbieten“, freut sich der Inhaber des Eiscafés Boutique am Engelsbrunnen. Bereits seit Donnerstag hatte das Café Eis geliefert. „Aber es hat einfach etwas gefehlt“, berichtet De Filippo mit Blick auf das sommerliche Wetter der vergangenen Wochen. Nun gibt es wieder Eis auf die Hand. Und noch eine gute Nachricht: Ab sofort ist Marco De Filippo wieder mit seinem Eiswagen in der Region unterwegs.

Während die Eisdiele vom warmen Wetter profitiert, stellt es Eva-Maria Pawlicki vor ein Problem: „Im Wollgeschäft gehen die starken Monate eigentlich so bis März oder April“, erklärt die Inhaberin des Wollhauses in der Gerbergasse. „Deshalb hat uns das schon gefehlt.“ Zwar freue sie sich sehr, nun wieder öffnen zu dürfen. Doch bei 20 Grad und Sonne stricken nur wenige Menschen noch Wollsocken – und die Umsätze des Handarbeitsgeschäfts werden weniger.

„Unsere Saison hätte gerade angefangen“, berichte indes Jürgen Baumann, der in der Nebenneugasse ein Fahrradgeschäft betreibt. „Das hat uns schon wehgetan.“ In der Werkstatt, die weiter geöffnet war, hatte er dagegen gut zu tun. Nun, da auch das Geschäft wieder aufmachen darf, geben sich die Kunden buchstäblich die Klinke in die Hand: „Einige haben schon am Samstag angerufen und angekündigt, dass sie kommen.“ Für viele Menschen sei das Fahrrad schließlich Haupt-Fortbewegungsmittel.

Lokalen Handel unterstützen

In einem Punkt sind sich die Wertheimer Einzelhändler einig: Sie alle hoffen, dass die Kunden trotz der Krise nicht auf den Online-Handel großer Konzerne umsteigen, sondern gerade jetzt die lokalen Händler vor Ort unterstützen.

Auch in Bad Mergentheim und Tauberbischofsheim haben Geschäfte ihre Tore geöffnet – nicht allerdings das Modehaus Kuhn in der Kurstadt. Ihrem Unmut darüber machten Mitarbeiter dort bei einer öffentlichen Demonstration Luft.

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