Notbetreuung - Grundschule Dertingen setzt Luftpartikelfilter ein / 306 Krippen- und Kindergartenkinder sowie 80 bis 90 Schüler werden beaufsichtigt Notbetreuung: „Die Kinder suchen die Nähe“

Im Sicherheitsabstand mit Kindergartenkindern oder Grundschülern arbeiten? Schwierig. Über die Nöte des Personals in den Bildungseinrichtungen.

Von 
Katharina Buchholz
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Ein Schüler der Mandelbergschule Dertingen unterstützt seine Klassenkameradin bei den Matheaufgaben – im engen Kontakt tragen die Kinder Masken. © Buchholz

Wertheim. Konzentrierte Stille. In einem Klassenraum in der Dertinger Grundschule sitzen neun Schüler der zweiten bis vierten Klassen und arbeiten: Einige lösen Übungen am Tablet und auf dem Laptop. Andere brüten bei geöffnetem Lehrbuch über Homeschooling-Aufgabenblättern. Lehrerin Manon Seidenspinner notiert etwas am Pult. Ihr Arbeitsbereich ist von einer Plexiglasscheibe umgeben. Die Lehrerin und einige der Schüler tragen eine Maske. Das ist Schule im Lockdown – oder genauer: So sieht die Notbetreuung an der Dertinger Grundschule aus. 22 Kinder in drei Gruppen verbringen hier aktuell ihren Vormittag. Einige Ganztagskinder bleiben auch am Nachmittag.

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Die Mandelbergschule ist damit die Grundschule im Stadtgebiet, in der die Nachfrage nach Notfallbetreuung im Lockdown am größten ist. Zirka 80 bis 90 Kinder aus den Klassenstufen eins bis sieben sind es laut einer Erhebung der Stadtverwaltung in Wertheim insgesamt. „Im Vergleich zur vergangenen Woche kamen vier Kinder dazu“, sagt Schulleiter Tobias Spielmann.

Die Hälfte der Kinder betreut

Dass die Notbetreuung verstärkt in Anspruch genommen wird, lässt sich allerdings vor allem in den Kindertagesstätten beobachten. Während in der Woche vom 11. bis zum 15. Januar 190 Kinder (20 Prozent) das Angebot wahrnahmen, waren es in der nun zurückliegenden Woche 306 und damit 35 Prozent.

Im Krippenbereich des Kinderhauses Reinhardshof wird sogar die Hälfte der im Regelbetrieb angemeldeten Kinder (20) betreut, im Bereich der über Dreijähren sind es 22 Kinder (35 Prozent).

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„In der Zeit vor Weihnachten kamen nur wenige Kinder, da hatten sich viele Familien auf die Schließung eingestellt“, sagt Kinderhaus-Leiterin Romana Straßer. Dass Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung geben, kann die Erzieherin nachvollziehen: „Homeschooling-Kind, Kita-Kind und Homeoffice unter einen Hut zu bringen, das stelle ich mir schwierig vor. Bei den Kindern, die gerade bei uns sind, wissen wir, dass es wichtig ist, dass sie hier sind.“ Trotzdem: Steigen die Zahlen in der Notbetreuung, wächst das Infektionsrisiko für Kinder und Personal. Deshalb sieht Jana Kolberg, Kreisvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, die Ausweitung der Notbetreuung für Kinder von Eltern, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten, kritisch. „Einerseits sollen die Zahlen gedrückt werden, andererseits können fast alle Kinder in die Notbetreuung gehen“, stellt sie fest.

Mit entsprechend gemischten Gefühlen tun die Erzieher und Lehrer derzeit ihren Dienst. „Da kommt vieles zusammen: Es ist anstrengend, unter Pandemiebedingungen zu arbeiten, und sicher ist es verunsichernd, wenn man abends die Nachrichten sieht“, beschreibt Straßer. Auf der anderen Seite sei es der Wunsch der Erzieher, dass es endlich weitergehe. „Wie stark sich die Kolleginnen Sorgen machen, ist unterschiedlich. Einige sind ängstlich, andere sehen die Situation gelassener“, beschreibt Spielmann. Die Gefahr einer Ansteckung sei aber klar gegeben.

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In beiden Einrichtungen sollen Hygienemaßnahmen Mitarbeitende und Betreute schützen. „Wir desinfizieren Oberflächen, teilweise mehrmals am Tag. Wenn Kinder im Krippenbereich etwas in den Mund genommen haben, landet das Spielzeug in der Waschwanne, Erzieher und Eltern tragen etwa bei Bring- oder Abholsituationen Masken“, nennt Straßer Beispiele. Regelmäßiges Lüften, Abstand halten und Masken auf den Fluren gehören in der Mandelbergschule zum Alltag. „Eine Maskenpflicht gilt für Grundschüler zwar nicht, wir haben die Eltern jedoch darum gebeten, dass die Kinder eine Maske tragen“, sagt Spielmann.

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Allerdings seien Abstandsregeln für die Kinder nicht nachhaltig umsetzbar. „Wir erinnern sie immer wieder, aber das wird schnell vergessen. Die Kinder suchen die Nähe“, so Spielmann. Was für Grundschüler gilt, trifft für die Kleinen in Kindergarten und Krippe umso mehr zu. „Gerade Kindergartenkinder brauchen den Körperkontakt für ihre Entwicklung“, weiß Jana Kolberg.

Ähnlich verhält es sich mit den Masken: „Es ist ein Dilemma, bei dem man abschätzen muss, was das größere Gute ist. Klar, es geht bei der Maske um den Schutz, aber die Kinder sind auf die Mimik angewiesen. Generell und gerade in unserer Einrichtung, die viele Kinder besuchen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist“, sagt Straßer.

Filter für zwei Klassenzimmer

Eine Möglichkeit, Kindern und Personal mehr Sicherheit zu bieten, hat der Schulleiter Spielmann ergriffen. Seit Ende dieser Woche tun in der Schule zwei zertifizierte Luftfiltergeräte ihren Dienst. Sie reinigen die Raumluft von annähernd allen Bakterien und Viren.

Die regulär jeweils rund 4000 Euro teuren Anlagen hat der Schulleiter über eine Zuwendung des Landes und über eine Spende aus der Wirtschaft finanziert. Aus dem Schuletat sei eine solche Investition nicht zu decken, bedauert Spielmann, der auch darauf hofft, dass Grundschullehrer bald mit kostenlosen FFP-2-Masken versorgt werden. Bisher erhalten solche Masken nur Lehrer, die ab Sekundarstufe I unterrichten. Nun sei angekündigt, dass die Grundschulen versorgt werden.

Die Sorgen der Erwachsenen scheinen für die Kinder nicht relevant. „Die Kinder kommen recht sorgenfrei hierher. Sie sind froh, dass sie nicht allein zu Hause sein müssen“, beobachtet Spielmann. „In der Schule kann man mal miteinander reden und gemeinsam Pause machen.“ Im Kindergarten versuchen die Erzieherinnen, ihren Schützlingen einen normalen Alltag zu bieten: „Im Grunde läuft alles ab wie immer, nur dass weniger Kinder da sind. Die ersten Kinder kommen mit Beginn der Öffnungszeit um 6.30 Uhr und das letzte Kind geht um 17.30 Uhr“, fasst Straßer zusammen.

Und wie wird es weitergehen? Schulleiter Tobias Spielmann rechnet mit einer weiter steigenden Nachfrage in der Notbetreuung – für Februar liegen bereits Anmeldungen vor. Nach den Plänen von Baden-Württembergs Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) könnten Grundschulen ab 1. Februar schrittweise in den Präsenzunterricht einsteigen, Kindertagesstätten sogar komplett öffnen.

„Wenn die Zahlen runter gehen, bin ich der Letzte, der sagt, man sollte die Schulen nicht aufmachen. Allerdings darf das nicht auf Biegen und Brechen geschehen“, sagt Spielmann. „Eine komplette Öffnung wäre je nach Infektionslage kontraproduktiv. Sinnvoller wäre, Wechselunterricht einzuführen und wenn notwendig, die Einrichtungen weiter geschlossen zu halten“, äußert sich GEW-Kreisvorsitzende Kolberg.

„Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss“, bekennt Romana Straßer. „Ich hoffe einfach auf eine Perspektive für dieses Jahr, dass wir aus der Pandemie kommen.“

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim