Corona-Krise - Geschäfte dürfen seit rund einem Monat wieder öffnen / Wertheimer Einzelhändler nach Aussage von Bernd Maack von Erholung noch weit entfernt „Mit einem blauen Auge davonkommen“

Bernd Maack vom Stadtmarketing Wertheim sieht die Situation der Einzelhändler weiter kritisch – und hofft, dass den Menschen durch die Krise der Wert des lokalen Handels bewusst geworden ist.

Von 
Elisa Katt
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Wie leer gefegt: Wochenlang hatte der Einzelhandel in Wertheim geschlossen, und auf dem Marktplatz war kaum ein Mensch unterwegs. © Raschmi

Wertheim. Wochenlang herrschte in der Wertheimer Altstadt beinahe kompletter Stillstand. Der Marktplatz war wie leer gefegt, die Gassen genauso. Die Schaufenster der Geschäfte waren dunkel, ihre Türen mussten im Kampf gegen die Pandemie geschlossen bleiben. Rund einen Monat, nachdem die Läden in der Innenstadt wieder öffnen durften, haben die Fränkischen Nachrichten mit dem Vorsitzenden des Stadtmarketings Wertheim, Bernd Maack, über die Situation der Einzelhändler gesprochen.

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Herr Maack, seit gut einem Monat dürfen Geschäfte nun wieder öffnen. Hat sich der Einzelhandel in Wertheim in dieser Zeit einigermaßen erholt?

Bernd Maack: Nein, das muss man definitiv sagen. Dafür laufen die Geschäfte noch lange nicht gut genug. Natürlich ist es besser, als geschlossen zu haben, und natürlich gibt es jetzt wieder Umsätze. Aber noch nicht auf dem gleichen Niveau wie vorher. Von einem Aufholen können wir also noch nicht sprechen. Wir haben Umsatzeinbußen in erheblichem Maße. Dabei sprechen wir je nach Gewerbe von Umsatzrückgängen zwischen 30 bis 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist aber natürlich keine Sache des Wertheimer Einzelhandels speziell, sondern das ist überall der Fall.

Sind die Wertheimer denn schon wieder einigermaßen in Kauflaune oder eher noch vorsichtig?

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Maack: Es wird schon wieder eingekauft, aber es herrscht allgemein immer noch eine ziemliche Zurückhaltung. Wobei das lediglich eine Interpretation ist. Einige Menschen sind in Kurzarbeit und verdienen dementsprechend weniger. Das spielt hier alles mit hinein. Hinzu kommt das Thema Tourismus: Schiffe haben wir momentan nicht und die werden wir dieses Jahr auch nicht mehr haben. Wieder angesprungen ist dagegen der Fahrradtourismus.

Unterscheiden sich die Auswirkungen der Pandmie je nach Art des Gewerbes?

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Maack: Ja, da gibt es durchaus Unterschiede. Am stärksten betroffen ist der Modebereich. Weniger stark sind die Auswirkungen etwa im Bereich der Optik oder der Spiel- und Schreibwaren. Die einzige Branche, von der ich weiß, dass sie einen Umsatzzuwachs verbuchen, sind die Fahrradhändler.

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Wie schätzen Sie generell die wirtschaftliche Situation der Wertheimer Einzelhändler ein?

Maack: Die Lage ist schwierig, da muss man nicht lange drum herum reden. Der Einzelhandel ist ja bereits in den vergangenen Jahren eher dabei, sich durchzubeißen. Die Wochen der Schließung haben sich da nicht gerade positiv ausgewirkt. Ich bin allerdings positiv überrascht und beruhigt, dass bisher kein Einzelhändler in Wertheim aufgrund von Corona nicht mehr aufgemacht hat. Es hat sogar ein neues Schmuckgeschäft in der Mühlenstraße aufgemacht. Da hatte ich tatsächlich mehr befürchtet. Wobei die langfristigen Auswirkungen aktuell noch niemand absehen kann. Die Händler können die Verluste momentan noch kompensieren, aber ihnen fehlen ganz klar Umsätze.

Kann man die durch die Krise wegfallenden Umsätze schon irgendwie beziffern?

Maack: Da eine Aussage zu treffen, ist schwierig. Das wird mir auch kein Händler konkret sagen. Sie machen eher Andeutungen.

Wissen sie von Händlern, die Soforthilfen des Staates beantragt haben?

Maack: Ja, das haben die meisten beantragt. Die Soforthilfen wurden glaube ich relativ problemlos ausgezahlt. Da habe ich zumindest keinerlei negativen Rückmeldungen bekommen.

Welchen Effekt hatte die kurzfristig ins Leben gerufene Plattform der Lokalhelden?

Maack: Zahlen habe ich da keine. Soetwas zu messen, ist ohnehin schwierig. Es war wichtig, dieses Angebot zu platzieren, als die Läden geschlossen hatten. Ob die Plattform aber wirtschaftlich extreme Auswirkungen hatte, da bin ich nach wie vor eher kritisch. Internethandel generiert im Lokalen in der Regel keine großen Umsätze. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man heutzutage so etwas anbieten muss. Das Thema Onlinehandel beschäftigt uns schon seit Jahren. Angesichts der Corona-Krise habe ich gesagt: Wenn überhaupt, dann jetzt. Denn jetzt haben die Händler Zeit, sich damit auseinander zu setzten. Wohl aber mit dem kritischen Hintergrund, dass uns das nicht retten wird.

Ging es dabei also eher darum, präsent zu bleiben?

Maack: Genau, es ist auf keinen Fall falsch, Kanäle auf sozialen Medien oder einen solchen Shop zu nutzen. Das ist schließlich immer eine Plattform, auf der ich mich präsentiere und die auch indirekt zu Umsätzen führen kann als ein Baustein des Gesamtpakets. Neben Angebot und Service ist Bekanntheit schließlich ein wichtiger Aspekt im Handel.

Um beim Thema Internet zu bleiben: Machen Sie sich Sorgen, dass einige Kunden über die Pause den überregionalen Onlinehandel für sich entdeckt haben?

Maack: Da bin ich mir auf lange Sicht noch nicht sicher, wir können nur spekulieren. Ich glaube, dass durch durch die zwischenzeitliche Schließung, in der es eben keinen stationären, lokalen Handel gab, wieder eine gewisse Wertigkeit da ist. Das man merkt: Hoppla, so ganz ohne Läden ist auch blöd. Dadurch, dass es eine Zeit lang keine Geschäfte, keine Cafés – im Grunde keine Innenstadt gab, haben die Menschen auch ein bisschen erlebt, wie es wäre, wenn die Stadt all das nicht mehr hat. Und ich hoffe, das dieser Lerneffekt größer ist, als der andere. Eigentlich möchten die Leute ja auch eine Stadt haben, in der sie etwas geboten bekommen, und da gehört meiner Definition nach der Handel ganz wesentlich mit dazu. Der kann aber nur funktionieren, wenn auch Umsätze generiert werden.

Können Sie abschließend eine Prognose für den Wertheimer Einzelhandel abgeben?

Maack: Dieses Jahr wird sicherlich ein schwieriges. Durch die Schließung und den fehlenden Tourismus haben wir zwei Handicaps. Hinzu kommt das Thema der konjunkturellen Unsicherheiten. Das heißt, die Menschen fühlen sich momentan wirtschaftlich unsicherer, als das vor vier Monaten der Fall gewesen ist. Das hat sicherlich auch bei den Ausgaben eine Auswirkung. Daher können denke ich alle Geschäfte froh sein, wenn sie mit einem blauen Auge davonkommen.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim