Weltflüchtlingstag - Bei "Willkommen in Wertheim" können Flüchtlinge freiwillig ihre Sprachkentnisse verbessern Manals Traum: Deutsch unterrichten

Von 
Katharina Buchholz
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Zweimal pro Woche bietet Rainer Lotz (rechts) in den Räumen von "Willkommen in Wertheim" Sprachunterricht an.

© Katharina Gabel

Nur wenige neue Flüchtlinge kommen derzeit nach Wertheim. Trotzdem ebbt die Arbeit für die Helfer nicht ab - sie verlagert sich auf die Menschen, die länger bleiben werden.

Petition steht im Mittelpunkt der Kampagne

  • Seit dem Jahr 2001 ist der 20. Juni der Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen. Schon seit 1914 besteht der kirchliche Welttag des Migranten und Flüchtlings. Am Weltflüchtlingstag veröffentlicht die Uno-Flüchtlingshilfe (UNHCR) ihren Jahresbericht.
  • In Deutschland findet außerdem der Tag des Flüchtlings Ende September sowie seit 2015 jeweils am 20. Juni der Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung statt.
  • Weltweit sind laut UNHCR etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht - manche sind Flüchtlinge, andere suchen Asyl oder sind durch Konflikte in ihrem eigenen Land vertrieben worden.
  • Zum Weltflüchtlingstag 2016 startet UNHCR eine Kampagne, die die Hoffnungen von Flüchtlingen in den Mittelpunkt rückt. Das Motto der Kampagne: Wir stehen zusammen WithRefugees.
  • Im Mittelpunkt der Kampagne steht eine Petition, die die Regierungen der Welt dazu aufruft, sicherzustellen, dass jedes Flüchtlingskind eine Ausbildung erhält, jede Flüchtlingsfamilie einen sicheren Platz zum Leben hat sowie jeder Flüchtling die Möglichkeit haben soll, zu arbeiten oder einen Beruf zu erlernen, um einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können. Die Petition kann unter www.change.org abgerufen werden. Quelle: UNHCR
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Wertheim. "Hausaufgabe" steht in gleichmäßigen Druckbuchstaben auf dem kariertem Papier des Schreibhefts. Um das Wort ist eine rote Wolke gemalt. Darunter aufgelistet die bestimmten Artikel, ihnen wiederum sind Kleidungsstücke zugeordnet: der Rock, die Hose, das Hemd. Und so weiter.

"Gut!!" ist ganz unten zu lesen. Das Lob ist mit den Initialen "R.L." unterzeichnet. Das Heft gehört der Syrerin Manal. Die 45-Jährige hat es über den Tisch geschoben und strahlt wie ein Kind, das sich über eine gute Note freut.

Vor vier Jahren geflüchtet

Seit eineinhalb Monaten lebt Manal mit ihrem Mann Mohammed in Bettingen. Er kam im Herbst 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Sie wartete in Jordanien auf den Familiennachzug - im Jahr 2012 war das Paar aus Syrien dorthin geflüchtet. Manal hat als Lehrerin Arabisch und zeitweise auch Englisch unterrichtet. In Jordanien habe sie sich gemeinsam mit anderen um Frauen gekümmert, die ohne Mann in Flüchtlingscamps leben, berichtet die Frau.

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Für ihr neues Leben in Deutschland will die 45-Jährige schnell die neue Sprache lernen. Ihr Traum ist es, irgendwann anderen Flüchtlingen Sprachunterricht zu geben. Im Moment ist Manal aber selbst noch Schülerin.

"R.L" ist ihr Lehrer. Rainer Lotz nickt Manal zu. Sie macht schnell Fortschritte, bekräftigt er. Mitte April startete Lotz mit dem ehrenamtlichen Deutschkurs in den Räumen von "Willkommen in Wertheim". Bis November hatte er die Sprachkurse des Vereins in der Erstaufnahmeeinrichtung (EA) auf dem Reinhardshof koordiniert. Diese Aufgabe hat Diether Fauth übernommen. Denn auch wenn aktuell weniger als 50 Asylsuchende in der EA leben, die Ehrenamtlichen bieten weiter regelmäßig Kurse an.

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"Die Durchgefallenen" nennt Lotz seine Schüler. "Das ist aber gar nicht negativ gemeint. Meinen Kurs besuchen vor allem diejenigen, die, wie Manal, so frisch da sind, dass sie noch keinen Integrationskurs haben. Andere, beispielsweise Afghanen, werden im Moment nicht in die offiziellen Kurse aufgenommen, da nicht sicher ist, ob sie tatsächlich langfristig bleiben dürfen", erklärt Lotz, der auch Lehrer für jene Integrationskurse an der Volkshochschule ist.

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Der freiwillige Kurs unterscheide sich vom offiziellen, sagt Lotz. An den ausrangierten Schulbänken im zweiten Stock des Hauses der Jugend und der Vereine versammelt sich immer montags und donnerstags für eineinhalb Stunden eine bunte Truppe.

Sieben Schüler hat Lotz am vergangenen Donnerstag vor sich: Bakri, der Fahrer aus Syrien, der erst noch lernen muss, lateinische Buchstaben zu schreiben. Der kleine Gabriel aus Rumänien, der an diesem Nachmittag kaum still sitzen kann. Der Kurde Kahlid, der eifrig in sein Heft notiert, was Lotz an die Tafel scheibt. Fazal, der schüchterne Schneider aus Afghanistan, der zwei Jahre lang völlig isoliert auf dem Wartberg lebte. Manal, die ihren Part eines Dialogs aus dem Lehrbuch vorträgt, als würde sie schon viel länger Deutschunterricht bekommen. "Das Niveau hier ist einfach sehr unterschiedlich. Der A1-Kurs an der Volkshochschule läuft dagegen ab, wie ein ordentlicher Fremdsprachenkurs."

Bei "Willkommen in Wertheim" lernen die Flüchtlinge die Grundlagen. Lotz bereitet sie auf Situationen vor, denen sie im Alltag begegnen. Grammatik, etwa bestimmte und unbestimmte Artikel, läuft nebenbei. "Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?", liest Abdallah, Bakris Neffe, vor. "Wo finde ich ein T-Shirt?", fragt Manal. "Dort hinten. Welche Gro", Abdallah stockt. "Ööööö", macht Rainer Lotz. Er spitzt den Mund und dreht sich ins Profil. "Ööööö", ahmt ihn die Gruppe nach und muss ein bisschen lachen. "Gröööööße", vervollständigt Lotz. Er ist ein erfahrener Sprachlehrer. Seit den 80er Jahren unterrichtet er vor allem in Indien Deutsch. Den Winter verbringt er bis heute dort. In den nächsten Monaten möchte er seine Erfahrung in einem Workshop für andere Sprachlehrer weitergeben.

"Bevor ich mich hinstelle und über die Flüchtlingsströme und die daraus resultierenden Probleme klage, tue ich lieber etwas", erklärt Lotz seine eigene Motivation zum Ehrenamt. Die eigentliche, große Arbeit beginne nämlich jetzt, da immer mehr Menschen über die Anschlussunterbringung oder mit einem genehmigten Asylantrag in die Kommune kommen. "Sprache ist doch der erste Schritt zur Integration."

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Wertheim