Elternkompass - Chancen, Gefahren und Möglichkeiten der Mediennutzung von Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren Luft für Kreativität statt Reizüberflutung

Von 
Kai Grottenthaler
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Dorothea Buchfink referierte bei einem gut besuchten Vortrag über das Thema Mediennutzung von Kindern. © Kai Grottenthaler

Mediennutzung von Kindern – ein Thema, das wohl in jeder Familie bestens bekannt sein dürfte. Entsprechend gut besucht war die Veranstaltung des Elternkompasses der Stadt am Mittwoch.

Kennzeichen „guter“ Apps für Kinder

Freie Zugänglichkeit ohne Anmeldung und Mitgliedschaft und ohne, dass persönlichen Daten abgefragt werden.

Apps mit übersichtlicher Gestaltung, leichter Navigation und Verständlicher Sprache. Sie machen Spaß, wecken Neugierde und vermitteln spielerisch Wissen.

Es gibt Keine Wertung, keine Shops, keine in-App-Käufe. Der Jugendschutz wird eingehalten. Eltern erhalten Infos über den Jugendmedienschutz, Urheber und Quellen sind benannt und es werden Antworten auf Fragen geliefert. kg

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Wertheim. Die Kernbotschaft des Abends zum Thema Mediennutzung von Kindern gleich vorab: „Das Wichtigste ist, einen eigenen Standpunkt zu finden. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln“, stellte Referentin Dorothea Buchfink gleich mehrmals klar, die als nebenamtliche Referentin vom „LandesNetzWerk für medienpädagogische Angebote“ der „Aktion Jugendschutz“ in Baden-Württemberg zu Gast war. Sowohl in ihrem Vortrag als auch beim Erfahrungsaustausch wurde das Spannungsfeld zwischen ausreichendem Schutz und gleichzeitiger Stärkung eines selbstbestimmten Umgangs immer wieder deutlich.

Zu den „goldenen Regeln“ gehöre ein klares, von den Eltern festgesetztes Regelwerk – und dessen konsequente Anwendung. Besonders im Kleinkindalter sollten Medien immer nur gemeinsam genutzt werden. Dadurch werde auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind gestärkt. Alleine seien die Kinder schlicht noch überfordert. „Eigentlich ist klar, dass im Kinderzimmer kein Fernseher stehen oder das Kind nicht alleine vor dem Tablet sitzen soll“, appellierte Buchfink.

Wie in der Erziehung allgemein, komme es darauf an, die Kinder in kleinen Schritten zur Selbstständigkeit zu begleiten. Aber eben auch darauf, die Chancen bezüglich unterhaltsamer Wissensaneignung und Kreativität zu nutzen. Auch bei solchen Apps jedoch, zum Beispiel der „Sendung mit der Maus“, benötigten Kinder immer Unterstützung. Auch vor einer Reizüberflutung müssten sie geschützt werden: „Kinder sollen und müssen auch Langeweile erleben können, um ihnen Luft für Kreativität und Entspannung zu lassen. Daher: Einfach mal abschalten.“

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Einige Eckpfeiler schlug die Medienpädagogin ein. So seien Medien, egal welcher Art, im Kindergartenalter noch nicht sinnvoll. Unter-Dreijährige sollten noch nicht fernsehen. Kinder unter einem Jahr könnten nicht mit Medien umgehen, weil sie die vielen Sinneseindrücke nicht zuordnen und die starke Reizüberflutung zu Angstzuständen führen kann. Die Ansichten darüber, ab welchem Alter Medien sinnvoll seien, würden in der Gesellschaft weit auseinandergehen.

Auf der einen Seite stünden „Apple“-Chef Steve Jobs oder Gehirnforscher Manfred Spitzer, die Medien für Kinder im Vorschulalter grundsätzlich als nicht geeignet ansehen. Auf der anderen Seite Befürworter der vielen Möglichkeiten und einer langsamen Heranführung.

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„Lieber etwas später beginnen“, plädierte die Referentin, sprich ungefähr ab sechs Jahren eine halbe Stunde täglich. Die sukzessive Steigerung sollte bis maximal neun Wochenstunden für Zehnjährige gehen. Ausschlaggebend sei die Begleitung durch Eltern sowie die Begrenzung. Dem kindlichen „Wunsch nach Mehr“ müsse man Grenzen setzen.

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Auch um die Bedeutung im Alltag ging es: Medien sollten nicht das Zentrum des Familienlebens sein. Dies könne durch medienfreie Zeiten wie das Essen erreicht werden. Die durchaus offene Reflexion der Runde zeichnete in der Realität jedoch ein anderes Bild, da einige Eltern nicht gerade als Vorbild auftreten – auffällig viele Väter wohlgemerkt, wenn man den Schilderungen der fast ausnahmslos anwesenden Mütter glauben darf.

„Das Schwierigste ist, sein eigenes Nutzungsverhalten zu überprüfen“, gestand eine Mutter, und der einzige Vater der Runde schilderte, wie groß die Versuchung sei, beim Essen „nebenher schnell etwas zu googlen.“ Eine Gleichsetzung zwischen der früher üblichen Zeitung und dem Smartphone auf dem Essenstisch ließen die Erwachsenen jedenfalls nicht zu. Und dennoch: Wie selbstverständlich Smartphones zum Alltag gehören, wurde deutlich, als rund die Hälfte der Erwachsenen ihr Handy durchgehend vor sich liegen hatten, um beispielsweise vorgestellte Folien zu fotografieren.

Zu den wichtigsten Sicherheitsvorkehrungen gehöre der Einsatz eines Kinderbrowsers, der das Surfen auf sichere und kindgerechte Seiten beschränke. Auch das Abkleben der Kamera oder die Erhöhung technischer Sicherheitseinstellungen sei wichtig. Daneben sei für die Kinder Vertrauen aber der wichtigste Schutz: „Verbote alleine sind nicht immer hilfreich. Wichtig ist auch das Vertrauen. Das Kind muss wissen, dass es Unterstützung bekommt, wenn etwas schiefgelaufen.“

In einem Punkt waren sich am Ende alle einig: „Mediennutzung ist heutzutage auch für Kinder ein Recht, fast schon ein Grundrecht.“ Dass sie dafür jedoch eine bestimmte körperliche und geistige Reife haben müssen, die Eltern sie dabei schützen und begleiten müssen und andere Freizeitaktivitäten nicht darunter leiden dürfen, aber ebenso.