Vortrag in Bronnbach

Kreditgeschäft sorgte für Turbulenzen

Dr. Magnus Ressel gab interessante Einblicke in Wertheimer Akten

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hpw
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Dr. Ressel referierte über ein Kreditgeschäft. © Staatsarchiv Wertheim

Bronnbach. Dr. Magnus Ressel referierte am Mittwochabend im Vortragssaal des Archivverbundes Main-Tauber über das niederländische Kreditgeschäft von Löwenstein-Wertheim-Rochefort. Veranstalter des Abends waren besagter Archivverbund Main-Tauber in Verbindung mit dem Historischen Verein Wertheim und der VHS Wertheim.

Ein Dutzend Zuhörer war vor Ort, etwa deren 30 verfolgten den Wirtschaftskrimi der 1770er Jahre online. Dr. Frank Kleinehagenbrock vom Historischen Verein wies darauf hin, dies sei der letzte Vortrag in diesem Jahr, man beschließe das Veranstaltungsprogramm des Historischen Vereins für 2022. Er stellte den Referenten und dessen Wirken vor, kommentierte, dieser sei mit vielen interessanten Themen beschäftigt.

Ressel sagte, die Wertheimer Akten werfen ein interessantes Schlaglicht, Wertheim sei ein sehr interessanter Akteur im Mainhandel gewesen und habe europaweit eine wichtige Rolle gespielt. Der Wirtschaftskrimi der 1770er Jahre und seine Folgen hätten eine sehr interessante Dynamik, die Fallstudie in sehr reichhaltigen Akten zeige die finanzielle Revolution des späten 18. Jahrhunderts, aus dem Kontext heraus seien die Vorgänge am besten nachvollziehbar.

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Wirtschaftskrimi der 1770er Jahre und seine Folgen

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Diese finanzielle Revolution habe Akteure wie Löwenstein-Wertheim-Rochefort sowie das Ritterkanton Odenwald, zudem wichtige Identitäten des Reiches. In Deutschland sei es seit 1778 zu einer „finanziellen Revolution“ mit Frankfurt als deren Zentrum gekommen. Durchgesetzt hätte sich die Partialobligation, welche die Bankhäuser zu Vermittlern zwischen den Fürsten als Anleihenehmern und Privatpersonen als Anleihegebern machte. Fundamentaler Unterschied zu vorher sei, so der Fachmann, diese Art Bundesschatzbrief ergebe eine jährliche Rendite, die Bank nehme Provision. Zuvor sei der Bankier vollhaftende Figur gewesen, nun eher risikolos. Der Kapitalgeber habe das Risiko eines Zahlungsausfalls, der Schaden sei gestreut. Solche Partialobligationen seien im großen Stil gezeichnet worden. Die Lage mache für die Staatswesen einen großen Unterschied und sei auch für Löwenstein-Wertheim interessant gewesen.

Ressel machte eine Übersicht zu den Wertheimschen Besitzungen, ein typisches Beispiel für den deutschen Flickenteppich. Für Wertheim sei der Main ein sehr wichtiger Handelsstrom gewesen. Die gelisteten Schulden derer von Wertheim-Rochefort zeigten auf, deren Ausgaben seien höher gewesen als die Einnahmen. Der Vortragende ging speziell auf den Aufstieg der beiden Jägers ein, auf Georg David Jäger (1712 – 1779) und dessen 1740 geborenen Sohn Georg Friedrich Jäger. Der Vater hatte dem Sohn über Kontakte als Syndicus des Ritterkantons die Stelle in Wertheim als Geheimer Rat des Fürsten vermittelt. Georg David Jäger habe als Syndikus des Kantons Odenwald zusammen mit dem Ritterhauptmann Meinhard Rüdt von Collenberg sehr ehrgeizige Pläne verfolgt, Güter gepachtet, neue Formen der Landwirtschaft betrieben, intensiv investiert wie in ein Eisenwerk in Sennfeld, „das Projekt war hoffnungslos“.

Seit den frühen 1770er Jahren, erläuterte Ressel, habe Georg David Jäger immer gewagtere finanzielle Manöver begonnen. Zur gleichen Zeit habe Karl Thomas Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rochefort (1714 – 1789) Georg Friedrich Jäger auf die Suche nach Krediten für den eigenen Hof geschickt, der Hof war chronisch defizitär. Die Kreditanfragen beider Jäger konvergierten in den Niederlanden. Georg David Jäger konnte von einem Amsterdamer Handelshaus 300 000 Gulden für den Ritterkanton Odenwald erhalten, Georg Friedrich Jäger erreichte beim Brüsseler Handelshaus Romberg, dass dieses einen Kredit von 200 000 Gulden an Löwenstein-Wertheim-Rochefort geben wollte.

Als das niederländische Bankhaus Heshuysen nur mit Verzögerungen abbezahlt bekommt und versprochene Eisenlieferungen ausbleiben, erkunden Agenten den Sachverhalt in Sennfeld und im Ritterkanton Odenwald. Damit beginnt 1776 ein immer größer werdender Skandal. Die Bankiers Heshuysen sehen sich um 300 000 Gulden betrogen und reichen Klage beim Reichshofrat ein, im Ritterkanton wird Rüdt gestürzt und Georg David Jäger entlassen. Der Kaiser nimmt Interesse an dem Fall, verlangt energisch die Verhaftung Georg David Jägers.

Dieser erkennt die Hoffnungslosigkeit der Lage und begibt sich auf die Flucht, seine Besitztümer wer-den enteignet, er greift den Ritterkanton in einem Druck scharf an, verteidigt sich, wird nun steckbrief-lich gesucht, ihm droht die Hinrichtung. „Für den Historiker ist so etwas ein Traum“, so der Referent, „alle Details sind haarklein erzählt“. Georg David Jäger ging in dem Pressekrieg noch weiter, zählte Korruption auf, alles, was der Kanton in den zurückliegenden 30 Jahren alles geleistet hatte. Letztlich musste er in die Schweiz und dann ins Elsass flüchten, die Auslieferung fürchten.

Der Skandal wurde reichsweit intensiv wahrgenommen, auch in Wertheim hatte man die Geschehnisse interessiert verfolgt. Der Skandal führte zum Abbruch der Verhandlungen Wertheims mit dem Handelshaus Romberg in den Niederlanden. Der Verhandlungsabbruch kommt Wertheim teuer zu stehen, Romberg kann alle Strafgelder und die Provision vollständig eintreiben.

Georg Friedrich Jäger hat Glück im Unglück, denn der Selbstmord seines Vaters bringt eine Reihe von dessen Freunden im Ritterkanton dazu, sich für den Sohn einzusetzen. Georg Friedrich Jäger kriegt 1786 seine Rache. Die Klage gegen Wertheim auf Auszahlung des seit seiner Entlassung nicht bezahlten Gehalts findet Unterstützung, was Wertheim dazu zwingt, ihm 17000 Gulden zu bezahlen. Nach 1786 verschwindet Georg Friedrich Jäger aus den Akten.

Kleinehagenbrock bezeichnete den Vortrag als spannend, zeige dieser doch das wirtschaftliche Geschehen um Wertheim in den 1770er Jahren auf. Eine Reihe von Fragen nach dem Vortag wurde vielfältig beantwortet. hpw