Naturwissen - Experte Marius Wittur informierte in Bronnbach über Kernobstgewächs / „Ein Juwel nach dem anderen“ Klimawandel setzt auch der Quitte zu

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Hans-Peter Wagner
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Experte Marius Wittur mit Teilnehmern bei einem der beiden Rundgänge durch den Bronnbacher Quittenpfad. © Hans-Peter Wagner

Der Bronnbacher Quittentag am Freitag brachte den insgesamt etwa vier Dutzend Interessenten viele neue Erkenntnisse rund um das besondere Kernobstgewächs.

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Bronnbach. Quittenexperte Marius Wittur aus Volkach am Main beleuchtete das umfangreiche Thema sowohl beim zwei Rundgängen über den im vergangenen Jahr eröffneten Quittenpfad wie auch bei einem Vortrag in der Vinothek. Matthias Wagner, im Kloster Bronnbach verantwortlich für das Kulturprogramm, freute sich bei der Begrüßung am Bronnbacher Quittenpfad, dass das Interesse an den Quitten so groß sei. Mit Wittur sei ein ausgewiesener Fachmann anwesend, gleichzeitig heimlicher Pate des Bronnbacher Quittenpfades mit dessen 48 Sorten mit 88 Pflanzen.

Wittur sagte zu Beginn des gut einstündigen Rundgangs, das „Fränkische Rekultivierungsprojekt alte Quittensorten“ gebe es seit 2003. Dies geschehe nicht im Sinne der Nostalgie, man unterstütze gerne ernsthafte Projekte und damit auch den Sortengarten in Bronnbach, denn hier sei ein Gen-Zentrum ge-schaffen worden.

Der Fachmann unterstrich, man brauche solche Hotspots, um alte Sorten zu erhalten, um die Öffent-lichkeit die Quitte erleben zu lassen, auch um anzubieten, Sortenbestimmungen zu machen. Darüber hinaus würden Schnittkurse angeboten. Dies gelte für private Interessenten ebenso wie für Gärtner. Beim Gang durch den Quittenpfad kommentierte der Fachmann: „Alles veredelte Sorten, ein Juwel nach dem anderen“.

Eigentlich ein Strauch

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Wittur erklärte, der sogenannte Quittenbaum sei eigentlich ein Strauch, welcher zum Hochstamm gezüchtet worden sei. Die Quitte könne als Baum gezogen werden, die Krone jedoch entwickle sich stets zum Strauch. Deshalb sei darauf zu achten, dass die Quitte als Strauch zu schneiden ist.

Frost führe zu mäßigem Behang, sei der Baum jedoch zu voll, leide dieser. Wenn geschnitten werde, entwickle der Strauch neue Triebe, die Kraft werde ins Holz gesteckt. Quitten trügen am einjährigen Holz. Jeder Quittenbaum/Quittenstrauch müsse individuell betrachtet werden.

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Zum Thema Reifetermin konstatierte Wittur: „Der Baum gibt die Quitte frei“. Quitten seien wohl hart, aber druckempfindlich. Es folgten, wie in einer veritablen Quittensprechstunde, Ratschläge zur richtigen Lagerung, auch manche Beiträge aus der Zuhörerschaft. Der Fachmann sagte, es wirke unterstützend, die Quitte luftig zuzuschneiden, und empfahl schließlich eine ausgewogene Ausrichtung hinsichtlich Neutrieben und „Früchte tragen“. Zum Abschluss des Rundgangs wurde Brot mit Quittengelee vom vergangenen Jahr gereicht.

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In der Vinothek im Kloster Bronnbach ging es mit dem Quittentag weiter. Wittur referierte zum Thema „Quittenanbau unter dem Aspekt des Klimawandels“. Er meinte lakonisch, ein Jahrhundertsommer nach dem anderen verweise wohl doch auf den Klimawandel. Dieser sei vor allem ein Problem für Obstbauern und Besitzer von Streuobstwiesen.

Wohl sei die Quitte ein sehr anpassungsfähiges Obstgehölz, die Veränderung der UV-Strahlung jedoch beschädige seit wenigen Jahren bei Quitten die Schale. Früher hätten Bauern bei der Vermehrung von Obstgehölzen darauf geachtet, sagte der Referent, welcher Baum dem Klima angepasst sei. Kulturbäume müssten weiter entwickelt werden, dafür brauche man passende Sorten wegen des Klimawandels, also die genetische Vielfalt.

Dabei müsse man sich auch damit auseinandersetzen, ob bei der Quitte nicht der Strauch eine höhere Flexibilität gewährleiste. Ein Strauch habe den Vorteil, Äste nieder zu legen und damit einen schönen Sonnenschirm um sich herum zu schaffen.

Robuste Gehölze gesucht

Wittur ging bei seinem bebilderten Vortrag auf entsprechende Fragen hin auch sehr ins Detail. Zwischenfragen konnten themengenau beantwortet werden. Als Mitdenkhilfe diente allen Anwesenden alkoholfreier Quittensekt.

Der Fachmann betonte, der Klimawandel stelle Herausforderungen nicht nur im Sommer. Es könne auch Winter geben mit wochenlang minus 20 Grad und mehr. Gesucht seien robuste Gehölze, die Sommer wie Winter standhalten.

Er meinte, hier sollten regionale Sorten veredelt werden, die sich schon bewährt hätten. Wittur sah für die nahe Zukunft auch Stürme als Problem. Es gelte also bei Quitten die Kronenhöhe zu reduzieren, auch wenn dann weniger geerntet werden könne.

Früher habe gesunder Menschenverstand als Orientierung geholfen, so der Referent, heute gelte, von der Kultur her umzudisponieren. Jeder Quittenbaum im Privatgarten, der gestützt werden müsse, sei falsch geschnitten. Die Stabilität werde gestärkt, wenn die Quitte in jungen Jahren gewohnt sei, Äste auf den Boden legen zu können. Es gebe keinen vernünftigen Grund, Quittenbäume zu stützen, „besser ist schneiden“. Es dürfe von der Anbaukultur her nicht nur in Richtung Gewinn gehen.

Sortenerhalt und ökologische Nische können sich sehr gut ergänzen, so Wittur. Die Quitte blühe spät, vermehre im gesamtheitlichen Aspekt die Blühzeit für Insekten. Man solle bezüglich des Klimawandels nicht nur auf den Baum, sondern auch auf den Boden schauen. Der Fachmann bezeichnete es als Fehleinschätzung, dass Gras in Konkurrenz zu den Wurzeln der Quitte stünde. Beim Aspekt Klimawandel heiße es, mit der Natur zusammen zu handeln und nicht gegen sie.

Genetische Vielfalt

Tausende von Menschen hätten einst für die genetische Vielfalt der Quitten gesorgt, verdeutlichte der Referent, hätten einzelne Samen getestet, so seien regionale Sorten entstanden. Unterschiedliche Fruchtausformungen seien ein Zeichen von Vielfalt. Sollen Gehölze überleben, so Wittur, so sei die Liebe zum Strauch für dessen Vitalität verantwortlich.

Der Fachmann fasste zusammen, Landschaftsplanung sei auf längere Frist ausgerichtet, von Individuen nach eigenem und bestem Gewissen gestaltet. Er sprach vom „Unfug der vergangenen 60 bis 70 Jahre“, dieser Unfug habe zur Misere in der Landwirtschaft und in den Hausgärten geführt.

„Sie müssen auf sich selbst hören“, empfahl Wittur, auch früher habe man sich eigenständig gekümmert. Nach dem Vortrag gab es nach einem Ortswechsel einen weiteren Rundgang über den Bronnbacher Quittenpfad.