Jubilar - Orthopäde Dr. Ludwig Braun feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag / Um Menschen und Kultur der Main-Tauber-Stadt verdient gemacht Kiste des Vaters begleitete ihn ein Leben lang

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Nadine Schmid
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„Das hätte ich mir 1945 nicht vorstellen können“, sagt der Orthopäde Dr. Ludwig Braun, wenn er auf sein Leben zurückblickt. Am Sonntag feiert der Jubilar seinen 80. Geburtstag.

Dr. Ludwig Braun feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. © Nadine Schmid
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Wertheim. Als armer Flüchtlingsjunge am Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Ludwig Braun sich vor, sich durch Leistung so weit nach oben zu arbeiten, dass er nicht mehr der ist, der nimmt, sondern der, der gibt. Das ist ihm gelungen, und so war der Orthopäde über Jahrzehnte beruflich und ehrenamtlich für andere Menschen und die Kultur im Einsatz. In Wertheim hat er sich als begeisterter Sammler unter anderem um die Museumslandschaft verdient gemacht. Am Sonntag feiert der engagierte Arzt seinen 80. Geburtstag.

Ein besonderes Sammlerstück steht im Wohnzimmer des Jubilars: Die unscheinbare braune Kiste, in der man heute Spielzeug findet, war noch grün, als Brauns Vater sie als Kriegsheimkehrer 1950 als Behältnis für seine wenigen Habseligkeiten mitbrachte.

Zunächst wusste der zehnjährige Ludwig gar nicht, wer dieser mit Furunkel übersäte Mann war.

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Geboren wurde Ludwig Braun 1940 in Stettin, als Dreijähriger musste er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern fliehen.

Nach Internierung in einem russischen Lager kamen sie schließlich bei Hamburg in den britischen Sektor und siedelten sich anschließend in Herford an, wo Verwandte der Mutter lebten.

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An die Zeit dort erinnert er sich eher ungern, als Flüchtlingsfamilie wurden die Brauns ausgeschlossen, und er musste in der Schule manche Demütigung erleiden.

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Auch litten sie zeitweise Hunger und lauerten auf die vorbeifahrenden Militärzüge in der Hoffnung, dass die britischen Soldaten etwas für sie aus dem Fenster warfen. Um so wichtiger war es dem Jungen, etwas aus sich zu machen.

Im Hörsaal die Liebe gefunden

So begann er nach dem Abitur sein Medizinstudium in Gießen. Nachdem er nach Würzburg gewechselt war, erlebte er eine Überraschung: Im Hörsaal saß ein junges Mädchen, das er flüchtig aus Herford kannte. Er sprach sie an – und fand die große Liebe in seiner Frau Ingeborg. „Ohne meine Frau wäre das, was ich gemacht habe, so nicht möglich gewesen. Sie hat mich immer unterstützt“, betont Braun. Nicht nur betrieben sie gemeinsam ihre Praxis, sie fährt ihn oft zu seinen Terminen als Mitglied der Landesärztekammer, so dass er sich noch vorbereiten kann.

Doch bevor das Ehepaar 1974 nach Wertheim kam und ihre orthopädische Praxis im gelben Fachwerkhaus in der Rathausgasse eröffnete, verbrachten sie nach Studienabschluss und Heirat im Jahr 1966 noch einige Jahre zur Facharztausbildung in Würzburg und Regensburg. Dort kam 1968 der Sohn Karsten auf die Welt, der später in die Fußstapfen seiner Eltern tritt.

2000 übernahm er die Praxis, 2003 stieg auch die Schwiegertochter mit ein. Ludwig Braun selbst war bis 2009 voll als Arzt tätig und sprang noch bis 2017 immer wieder als Vertretung ein.

Der „Charme der Kleinstadt“ gefiel dem Ehepaar Braun an Wertheim, und so wurden sie in der Main-Tauber-Stadt heimisch. Hier wurde 1977 ihr jüngerer Sohn Sebastian geboren. Und hier waren sie willkommen, gab es doch zu jener Zeit nur einen Orthopäden im Main-Tauber-Kreis. „Man bekam ein Echo“, resümiert Braun. Und so beschloss er auch bald, sich in die Lokalpolitik einzubringen, etwa als Kirchenältester und Altstadtbeirat.

Als stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins seit 1980 sammelte er unter anderem für die Ausstellung in der Fruchtscheune in Bronnbach über 3000 Gegenstände des bäuerlichen Lebens und setzte sich für den Erwerb der Gemälde der Brüder Futterer ein. „Sammeln war schon immer mein Ding“, meint der Jubilar dazu. So erwarb er für den Historischen Verein beispielsweise 1995 große Teile der fürstlich-löwensteinischen Bibliothek.

Engagement nach Tsunami

Überregional kümmert er sich unter anderem als Suchtbeauftragter der Bezirksärztekammer Nord-Württemberg bis heute um suchtkranke Kollegen. Ein besonderes Engagement ergab sich aus der Tsunami-Katastrophe 2006. Nachdem er diese hautnah auf Sri Lanka erlebt hatte, meldete er sich sofort vor Ort als Arzt bei der Botschaft und organisierte anschließend von Wertheim aus Herdplatten für die am schlimmsten betroffenen Familien.

Braun freut sich, dass seine Söhne und die vier Enkel alle in Wertheim wohnen. Seinen Geburtstag allerdings wird er nur mit seiner Frau in Südtirol verbringen. Denn neben all seinen Aktivitäten gehören Gartenarbeit, Reisen und Wandern zu seinen Hobbys. Jetzt mit 80 Jahren will er kürzertreten und das genießen, was er auf seiner langen Lebensreise für sich und andere aufgebaut hat – immer mit der Holzkiste seines heimkehrenden Vaters im Gepäck.