"Verbündete im Himmel" - Vortrag zu Ausstellung in Stiftskirche Kirche erfüllte Auftrag zur Friedensbewahrung nicht

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Wertheim. Trotz des stürmischen Wetters fanden am Dienstagabend neun Zuhörer den Weg in den Stiftshof Wertheim, um dem Vortrag von Theologe Dr. Hendrik Stössel zu lauschen. Im Rahmen der Ausstellung "Verbündete im Himmel", die zurzeit in der Stiftskirche zu sehen ist, referierte er über die Hintergründe und erläuterte die Position der Kirche zum Ersten Weltkrieg und die Bedeutung der Religion zu dieser Zeit.

Die Rolle der Kirche im Ersten Weltkrieg beleuchtete der Theologe Dr. Hendrik Stössel.

© Mergel
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Zu Beginn machte der Theologe einen wichtigen Punkt klar: "Es geht um das Ansehen der Großmacht." Besonders werde das in den Formulierungen von damals deutlich. Man habe im damaligen Deutschen Reich "im Kaiser das Angesicht Gottes gesehen", so Stössel weiter. Dies habe bedeutungsschwere Folgen hinsichtlich des prophetischen Amts der Kirche gehabt.

Sprach Kaiser Wilhelm II. über den Krieg, so beinhalteten die Reden nicht selten auch Äußerungen über die Kirche und den christlichen Glauben. Er habe vom Kanzelrecht Gebrauch gemacht. Grundsätzlich sei die evangelische Kirche dem Friedensbewahrungsauftrag nicht nachgekommen. "Das gilt auch für den Katholizismus", erklärte Stössel weiter.

Die Einstellung der Kirche zum Krieg werde durch die damals versendeten Feldpostkarten ebenso deutlich, so der Theologe. Sie dienten auch dem Schriftverkehr zwischen den Geistlichen und den Angehörigen der Gemeinde. Nicht nur Motive des Gebets seien darauf zu finden, sondern ebenso solche, die den Krieg zur Konfrontation gegen Ungläubige darstellten. Insbesondere England stand aus deutscher Perspektive hierbei im Fokus, sagte der Redner. Vielen Karten "zierten" folgende Worte: "Gott strafe England!" Ernst Lissauers "Hassgesang gegen England" stelle hierfür den Ausgangspunkt dar. "Ein Volkslied. Es schmerzt beim Lesen und Hören", mahnte Hendrik Stössel.

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Der Theologe sprach auch die Kriegspredigten an. Sowohl diese Gattung, wie auch die Feldpostkarten vermittelten, wie Gott im Krieg gesehen worden sei.

Nach den Worten Stössels sei immer wieder eine Art Kriegs-Euphorie dargestellt worden. Er führte ein bekanntes Feldpostkartenbild an, auf dem sich freuende deutsche Soldaten in einem Güterwaggon zu sehen sind. Auf der Wand des Wagens stehen Sätze wie "Ausflug nach Paris", "Auf Wiedersehen auf dem Boulevard", aber auch "Auf in den Kampf! Mir juckt die Säbelspitze". Diese dargestellte Begeisterung sei jedoch ganz und gar nicht Teil des Denkens der Bevölkerung gewesen. "Da ist ein Bild von Deutschland konstruiert worden", so der Theologe. Dieses sei durch derartige Abbildungen gestärkt und gespeist worden.

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Jesus spielte in der damaligen Predigtlehre keine hervorgehobene Rolle, stellte Stössel fest. Den Soldaten aber sei er als Vorbild dargestellt worden. Man habe ihn wegen seiner Selbsthingabe am Kreuz zu einem Helden gemacht. Die Bilder, die damals abgebildet wurden, dienten auch häufig zu Propagandazwecken für den Krieg im kirchlichen Einvernehmen. kme