Marktheidenfeld - "Sex and Drugs and Rock & Roll - Tabuthemen im Heim?" / Gemeinsamer Fachtag der Regierung von Unterfranken und des Klinikums Main-Spessart Keine Zeit für Zärtlichkeiten

Von 
Gernot Igers
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Ein liebevoller Blick, mal die Hand halten oder in den Arm nehmen: körperliche und soziale Kontakte wirken sich vor allem bei Demenzkranke positiv aus. Personalmangel, ineffiziente Bürokratie und Tabuthemen erschweren oft ausreichend menschliche Zuwendung in der Pflege. Besonders heikel wird es, wenn sexuelle Bedürfnisse befriedigt werden wollen.

© David Ebener/dpa

Lohnenswerte Einblicke in die Situation und die Problemthemen der Pflegeeinrichtungen gewährte die Fachtagung im Klinikum. Mit dabei: eine Sexualassistentin für Menschen mit Behinderung.

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Marktheidenfeld. "Wir haben kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit", sagt Marcel Briand. Mit seiner Analyse artikuliert der Diplom-Pflegefachmann und Moderator des Fachtags "Sex and Drugs and Rock & Roll - Tabuthemen im Heim?" punktgenau das Grundgefühl des Publikums.

Bereits der provokant formulierte Titel hat offenbar einen Nerv bei den eingeladenen Betreuungs- und Pflegekräften getroffen. Über 200 Frauen und Männer sorgen für eine ausgebuchte Veranstaltung. Sie arbeiten in Einrichtungen für Senioren und der Behindertenhilfe sowie in der Heimaufsicht, den sogenannten Fachstellen für Qualitätsentwicklung und Aufsicht in den Pflege- und Behinderteneinrichtungen (FQA).

Rock & Roll - das bedeutet Rolling Stones, Anti-Babypille, Studentenbewegung. Die individuelle Freiheit auszuleben prägt das Lebensgefühl der jungen Generation in den 60er Jahren und führt sie in heftige Konflikte mit der Elterngeneration. Doch aus den jungen Menschen von damals werden die alten und zu pflegenden von morgen. "Diese Alt-68er rocken und rollen jetzt auf die Pflegeheime zu", macht der für Heimrechtsfragen zuständige Claus Völker von der Regierung von Unterfranken deutlich.

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Im Alltag des Pflegeheims herrsche jeden zweiten Tag auch Rock & Roll, so Claus Völker und meint das aber ganz anders: Stress und Chaos. Pointiert zitiert er dazu eine Heimleiterin: "An solchen Tagen brauche ich keinen Bewohner, der hier rumrockt und -rollt. Da herrscht am Abend bei mir sonst der Blues."

Der Bewohner sei aber nicht ein lästiges Objekt, das den Betriebsablauf störe, sondern ein Mensch mit Rechten. Claus Völker mahnt an, dass in manchen Heimen ein rechtsfreier Raum herrsche, sei es aus Nachlässigkeit oder durch Machtmissbräuche der Mitarbeiter. Es stelle sich die Frage, wie die Qualität in den Heimen zu sichern sei. Personelle Verbesserungen seien in absehbarer Zeit jedoch nicht zu erwarten.

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Vieles habe man sich einfallen lassen, um kein Personal einstellen zu müssen: "Ablaufoptimierung, Screening, Evaluation - Nadelstreifen statt Kittelschürze." Das Messbare wurde maßgeblich, so Völker. Nicht gewünscht seien hingegen Kreativität und eigenverantwortliches Ausprobieren.

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Dabei hätten die Prüfinstrumente von Betreuung und Pflege nicht das gebracht, was man sich erhofft habe. Weder der Medizinische Dienst der Krankenversicherung noch die FQA könnten ein realistisches Bild der Situation in den Heimen liefern. "Der pflegebedürftige Alt-68er mit Demenz wünscht sich Pflegekräfte, die nicht nur Handlungsanleitungen im Kopf haben, sondern menschlich handeln und sich einfühlen können", sagt Völker.

Zeitfresser Dokumentation

"Wir würden wirklich gerne mehr mit den Menschen machen", entgegnet Zuhörerin Anita Rösch im Pausengespräch. Seit 20 Jahren leitet sie das Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt für psychisch Langzeitkranke in Aschaffenburg. Die tägliche Dokumentation sei "immer nur ein Zeitfresser".

Sie plädiert dafür, nicht die routinemäßige Arbeit zu notieren, sondern die außergewöhnliche. Es gebe zwar wichtige Aspekte der Dokumentation, man müsse aber Schwerpunkte in anderen Bereichen setzen. Konnte sie früher mit den Bewohnern etwa einen Ausflug ins Schwimmbad machen, müsse sie sich heute verstärkt am Schreibtisch um formale Dinge kümmern.

Alexandra Pösse hat ebenfalls Zweifel an der momentanen Qualitätssicherung. Sie arbeitet im gleichen Wohnheim wie Anita Rösch als Fachkraft. "Das Qualitätsmanagement frisst so viel Zeit, die am Menschen fehlt", sagt die Heilerziehungspflegerin. Ohne persönliches zusätzliches Engagement könnte sie ihre Arbeit nicht zufriedenstellend ausführen, sagt Pösse und beschreibt damit die absurde Situation, der die Pflegekräfte ausgesetzt sind. Sie ist überzeugt:"Es darf nicht die dreckige Tasse im Vordergrund stehen, sondern die Hinwendung zum Menschen." Ob Kindergarten oder Altersheim, die Menschen, die in den sozialen Bereichen arbeiten, tragen die Gesellschaft, so Alexandra Pösse. Sie sagt: "Auch wir dürfen mehr Unterstützung fordern, sprich letztlich auch mehr Personal."

Tabuthema Sexualität

In den Heimen rückt der Aspekt der Sexualität stärker in den Fokus. Dies zeigt auch das große Interesse am Workshop mit einer außergewöhnlichen Expertin. Nina de Vries arbeitet seit 18 Jahren als Sexualassistentin für Menschen mit Beeinträchtigung. Zu den Klienten der Potsdamerin gehören Blinde, Gehörlose, Autisten.

Ihre Dienstleistung reicht vom einfachen Zusammensein, über erotische Massagen und gegenseitiges Streicheln bis zur Anleitung zur Selbstbefriedigung. Die große Mehrzahl der meist weiblichen Sexualassistenten bietet wie de Vries jedoch keinen Geschlechtsverkehr an. "Ein Blickkontakt kann intimer sein als Körperkontakt", sagt sie.

Laut Nina de Vries werden Pflegebedürftige oft als geschlechtslose Wesen eingestuft und körperlich beeinträchtigte Menschen nicht als sexuelle Partner betrachtet. Für Berührung zu bezahlen werde zudem in der Gesellschaft mit Prostitution gleichgesetzt. Pflegeheime und Familien würden sich mit der Möglichkeit der Sexualassistenz daher oft schwer tun. Vor allem bei Demenzkranken kann eine neu entflammte, aber auch enthemmte Sexualität Probleme verursachen. Deshalb sei die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und Eltern wichtig. Nötig seien aber auch die Rückendeckung der Einrichtungsleitung, gibt ein Teilnehmer in der Schlussrunde zu bedenken, und dass die rechtliche Aufsicht zustimmt.