70 Jahre Kriegsende - Rückblick auf die Einnahme der Main-Tauber-Stadt durch amerikanische Soldaten "Heute läuten keine Glocken"

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Wertheim. "The Town is taken" - "Die Stadt ist eingenommen": Es war der Nachmittag des 1. April 1945 gegen 17 Uhr an diesem Ostersonntag, als die Nachricht die Runde machte. Der Zweite Weltkrieg war für Wertheim damit praktisch vorbei. Hinter den Menschen lag eine letzte Woche voller Aufregung und Bangen. Unaufhaltsam hatte sich die Front auf das Städtchen an Main und Tauber zubewegt, Schlimmstes war zu befürchten. Nassig war es am Karfreitag und Ostersamstag widerfahren.

Mit dem Hissen der weißen Fahne auf der Burg haben Anton Dinkel (links) und Heinrich Herz dazu beigetragen, dass Wertheim am 1. April 1945 von den Amerikanern nicht zerstört wurde.

© FN-Archiv
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In einer zweiteiligen Serie hatten die Fränkischen Nachrichten zum 60. Jahrestag die Ereignisse jener Woche vom Palmsonntag bis Ostern nachgezeichnet. Dies ist eine Zusammenfassung der Artikel von FN-Redakteur Uwe Bauer, die er auf der Grundlage von Archivmaterial und von Berichten damals namentlich oder auch, meist auf eigenen Wunsch, nicht namentlich genannter Zeitzeugen verfasst hatte.

Im Januar 1945 sollte Wertheim Ziel eines britischen Luftangriffs werden. Doch wegen des Wetters kehrten die Flugzeuge wieder um. In der Karwoche kam der Krieg doch nach Wertheim. Befehle ergingen, sämtliche Flussübergänge von Frankfurt am Main bis Ochsenfurt mit Sprengladungen zu versehen und bei Herannahen des Feindes zu sprengen. Auf der Linie Aschaffenburg-Miltenberg-Wertheim-Eberbach sei eine Verteidigungsstellung aufzubauen. In Eilmärschen wurden Truppen in dieses Gebiet geschickt.

In Wertheim gab sich der damalige NSDAP-Ortsgruppenleiter unbeeindruckt, gewährte einem Volkssturmmann Urlaub, denn "die Amerikaner sind gestern zurückgeschlagen worden für alle Zeiten, da besteht keine Gefahr mehr". Tags darauf wurde am Gymnasium ("Oberschule für Jungen") der Unterricht eingestellt. Dessen Fortführung schien nicht mehr opportun, da Wertheim zum kriegsnahen Gebiet geworden war. Reedereidirektor Heinrich Herz, der noch eine wichtige Rolle spielen sollte, gelang es, dass ein Befehl, wonach zu einem bestimmten Zeitpunkt alle an der Schleuse Eichel liegenden Schiffe zu sprengen oder versenken seien, zurückgenommen wurde.

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Vergleichsweise ruhig ging es am Gründonnerstag in der Stadt zu. "Dass der Krieg näher kommt, erfahren die Wertheimer vor allem von den Leuten, die von Westen her kommen und mit Nachrichten wie 'die Front ist schon bei Aschaffenburg' aufwarten", hieß es vor zehn Jahren in den FN. Und weiter: "Der Karfreitag 1945 ist ein schöner Tag. Die Frühlingssonne besitzt schon so viel Kraft, dass man sich ins Gras setzen könnte." Dass die Stadt bald in "helle Aufregung" versetzt wurde, hatte vor allem auch mit den Ereignissen auf der Höhe zu tun.

"Die Amis stehen vor Nassig!" Die Nachricht von den Kämpfen dort "verbreitet sich schnell in der Kleinstadt und löst eine starke Unruhe (. . .) aus, zumal die dumpfen Geräusche einschlagender Geschütze auch in Wertheim zu hören sind und die Stadt auch einige Male überschossen wird".

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Am frühen Karfreitagabend wurde Panzeralarm ausgelöst. Gegen 23 Uhr feuerte ein auf der Höhe durchgebrochener Tank mehrere Schüsse auf das rechte Mainufer ab.

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In der Nacht wurden Einrichtungen des Fliegerhorsts Reinhardshof teilweise in die Luft gesprengt. Das gleiche Schicksal erlitten zwischen 3 und 4 Uhr morgens die Eisenbahn- und die Straßenbrücke über den Main.

"Die haben sich ins Auto gesetzt und sind abgehauen. Die Bevölkerung war denen völlig egal", erinnerte sich ein Zeitzeuge an den Samstag. "Die", das waren jene, die bis dahin in Wertheim das Heft des Handelns in der Hand hielten und die wohl auch dafür verantwortlich waren, dass gegen Mittag ausgeschellt wurde: "Es wird Widerstand geleistet, bis zum Schluss!" Was hätte passieren können, wohl unweigerlich hätte passieren müssen, wäre dieser Befehl ausgeführt worden, dafür ist Nassig das naheliegende, traurige Beispiel.

Am späten Nachmittag des 31. März machte sich die 12. (US-)Panzerdivision, verstärkt durch nachrückende Infanterieeinheiten, auf den Weg nach Wertheim. Was Heinrich Herz für den 1. April 1945 in sein Tagebuch notierte, mochten wohl die Gedanken vieler Menschen gewesen sein. "Heute werden keine Osterglocken läuten, denn der Feind steht angriffsbereit auf der Höhe. Was bringen wohl die nächsten Stunden?" In Eichel verloren drei deutsche Soldaten beim Beschuss durch die Amerikaner ihr Leben. Ein Vierter erlag am Ostermontag seinen Verletzungen. Eine Brandbombe setzte in der Friedleinsgasse das Dach eines Hauses in Brand.

"Mehr und mehr macht sich bei einigen die Gewissheit breit, dass es nötig ist, aus der Stadt heraus ein Zeichen zu geben, dass kein Widerstand geleistet wird", hieß es rückblickend in den FN zum 60. Jahrestag. Und: "Genau das zu tun, haben sich Anton Dinkel und Heinrich Herz vorgenommen, als das Feuer in der Friedleinsgasse eingedämmt ist."

Weiße Fahne

Wer nun alles in der Stadt wann eine weiße Fahne gehisst hat, das ist auch Jahrzehnte später noch umstritten, wie die jüngsten Diskussionen bewiesen haben (wir berichteten).

Sicher sind die Verdienste von Anton Dinkel und Heinrich Herz. Wertheim überstand auch und nicht zuletzt wegen dieser beiden Männer die Einnahme weitgehend unbeschadet.

"Straße um Straße, Gasse um Gasse rücken die US-Soldaten vor, gegen 17 Uhr erreicht die Spitze der Einheiten den Wertheimer Marktplatz." Verhalten und abwartend habe die Bevölkerung reagiert. Als Befreier hätten die wenigsten die amerikanischen Soldaten gesehen. "Einer Erlösung kommt die Besetzung der Stadt dennoch gleich. Zu spüren ist vor allem die Dankbarkeit, mit dem Leben davongekommen zu sein. In vielen der Bewohner der Stadt steckt allerdings nach wie vor Ungewissheit und Angst, da niemand weiß, wie es weitergeht." ek