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Vortragsabend - Christopher Dowe referierte über das Attentat auf Matthias Erzberger vor 100 Jahren im Vortragssaal des Archivverbundes in Bronnbach

Hass und Hetze stellen eine Gefahr für die Demokratie dar

Von 
hpw
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Wertheim. „Hass, Hetze, Mord. Das Attentat auf Matthias Erzberger vor 100 Jahren“ – So lautete der Titel des Vortrags, den Christopher Dowe am Dienstagabend im Vortragssaal des Archivverbundes Main-Tauber in Bronnbach hielt. Zwölf Interessenten waren in Präsenz zugegen, deren 26 auf digitaler Basis.

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Frank Kleinehagenbrock (Vorsitzender des Historischen Vereins Wertheim) freute sich bei der Begrüßung, dass ein weit gestreutes Publikum Interesse am Thema „Matthias Erzberger“ zeige. Dieser Politiker habe das Kaiserreich ebenso wie die junge Weimarer Republik entscheidend geprägt. Für den Vortrag habe man mit dem Historiker Christopher Dowe einen Experten gewinnen können, welcher sich intensiv mit Erzberger beschäftigt habe.

Christopher Dowe bei seinem Vortrag in Bronnbach. © Hans-Peter Wagner

Der Referent begann seinen Vortrag mit dem Rückblick von Carl Diez auf die Geschehnisse am 26. August 1921, als Erzberger bei einem Attentat von Mitgliedern der „Operation Consul“ erschossen und der ihn begleitende Diez durch Schüsse schwer verletzt wurde. Die öffentlichen Reaktionen darauf seien, so Dowe, sehr unterschiedlich gewesen. Es habe große Demonstrationen gegeben gegen politischen Terror von rechts und für die Demokratie, andererseits Jubel der rechtsstehenden Presse, die vom „Lohn für den Vaterlandsverräter“ geschrieben habe. Diesen Jubel über die Ermordung Erzbergers bezeichnete der Fachmann als Fortsetzung des Hasses, dem der Politiker zuvor bereits begegnet war.

Dowe ging auf Kindheit und Jugendzeit von Matthias Erzberger ein, der in einem aus einer katholischer Minderheit kommend in einem halb jüdischen, halb evangelischen Ort aufgewachsen sei, als Journalist gearbeitet und sich früh für politisches Wirken entschieden habe. Erzberger habe sich für selbstbewusste politisch aktive Bürger stark gemacht, sei damit als Gefahr für die damals Herrschenden gesehen worden. Vor dem Ersten Weltkrieg habe er für eine Erweiterung parlamentarischer Rechte gekämpft, sei auf massive Ablehnung gestoßen.

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Erzberger habe erschreckende Missstände in der Kolonialverwaltung angeprangert, so der Referent, in der Folge dieser Kritik hätten manche gehen müssen. Bei vielen aber im Obrigkeitsstaat habe Kritik an der Kolonialverwaltung als nationaler Verrat gegolten. Erzberger sei gebrandmarkt worden, habe jedoch auch Unterstützer gefunden, sei zu einem der bekanntesten Parlamentarier geworden.

Im Ersten Weltkrieg habe Erzberger zu den bestinformierten Menschen in Deutschland gehört, sei mehrfach in diplomatischen Missionen ins Ausland gereist. Der Politiker habe zuerst weitreichende Annexionspläne vertreten, sich später von seinen Ansichten langsam gelöst. Dowe sah als Ursache eine realistische Sicht in den Kriegsverlauf und die Einsicht, dass Politik das letzte Wort haben solle und nicht das Militär.

Erzberger habe sich für einen Verständigungsfrieden ausgesprochen, hatte innenpolitisch die Machtfrage aufgeworfen, ward als „Vaterlandsverschacherer“ bezeichnet.

In der Regierung des letzten Reichskanzlers Max von Baden wurde Erzberger zum großen Ärger an-derer einer der wichtigsten Minister, sagte der Referent. Er habe sich mit gegnerischen Delegationen getroffen, letztlich den Waffenstillstand unterzeichnet. Derweil war Deutschland eine Republik gewor-den, Erzberger habe sich zur Verfügung gestellt, auf geordnete politische Verhältnisse gedrängt sowie auf freie und gleiche Wahlen.

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In der Folge habe Erzberger eine Wiederaufnahme des Krieges befürchtet, sich für den Versailler Ver-trag eingesetzt, als Reichsfinanzminister eine der schwierigsten Aufgaben übernommen. Erzbergers Finanz- und Steuerreform, so Dowe, habe grundsätzlich verändert und wirke bis heute nach. Sein Verdienst sei, eine effiziente Steuerverwaltung mit gleichen Veranlagungen und gleichem Rechtsweg geschaffen zu haben, seine Finanzpolitik habe Demokratie attraktiv machen wollen.

Andererseits habe sich Erzberger mit dieser Reichsfinanzreform verhasst gemacht, sagte der Fach-mann, ebenso mit seiner Annahme des Versailler Vertrags. Von der Rechten sei ihm vorgeworfen worden, deutsche Interessen den Feinden preisgegeben zu haben, Erzberger war zu einer der Zentralfiguren der Dolchstoßlegende geworden. Auch hier zeige sich die Kraft von Verschwörungstheorien, betonte der Referent.

Man habe gegenüber Erzberger Lynchdrohungen ausgesprochen, ihn ermorden wollen, er hatte im Januar 1920 ein Pistolenattentat überlebt.

Am 26. August 1921 sei Matthias Erzberger schließlich von rechten Terroristen ermordet worden, in einem Auftragsmord als Teil eines Umsturzplans, so Dowe. Der Mord sollte massenhafte Proteste provozieren, welche als Vorwand zum Putsch gedient hätten, gedacht als Staatsstreich von rechts.

Der Referent äußerte in seinem Fazit, man könne sich an Matthias Erzberger erinnern als wichtiger Wegbereiter für die Demokratie. Sein Schicksal könne sensibilisieren dafür, welche Gefahren sich für eine Demokratie durch Hetze ergeben könnten. Kleinehagenbrock bezeichnete den Vortrag als sehr spannend und anschaulich, Figuren wie Matthias Erzberger seien wichtig auch als Vorbilder.

In der von Kleinehagenbrock moderierten Fragerunde wurde verdeutlicht, überzeugte Demokraten sollten über Demokratie nachdenken und sich deren Wert bewusst machen. Matthias Erzberger sei heutzutage parteipolitisch nicht zu verorten, er könne ein Vorbild für alle Demokraten sein. Starker Beifall beschloss den Abend. hpw

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