Erstaufnahmeeinrichtung Wertheim - In einer Presseerklärung bekräftigte das Regierungspräsidium Stuttgart die Schließungsabsicht Gute Lösungen wünschen sich alle für alle

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Heike von Brandenstein
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Am Tag als die ersten Flüchtlinge in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Wertheim kamen, war alles eiligst vorbereitet worden. Mittlerweile steht professionelle Routine mit vielen Sozial- und Beratungsangeboten auf der Tagesordnung.

© Heike v. Brandenstein

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (EA) in Wertheim wird im Laufe des Jahres geschlossen. Das stand schon im November fest. Wie läuft die Arbeit unter dem Damoklesschwert "Abwicklung"?

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Wertheim. Viele werden sich an den 13. September 2015 erinnern. Den Tag, an dem erste Busse mit Flüchtlingen aus München auf den Wertheimer Reinhardshof kamen. Der erste Bus traf nach 19 Uhr ein, weitere folgten bis kurz vor Mitternacht.

Erschöpfte Mütter mit ihren Kindern stiegen aus, Männer schleppten das Hab und Gut, das sie bei sich hatten. Viel war es nicht. In der Kantine der Polizeiakademie erhielten sie Essen und Trinken, wurden dann in die eiligst hergerichteten Unterkünfte gebracht.

Alle packten mit an

In den Tagen zuvor hatte hektische Betriebsamkeit auf dem Gelände der Polizeiakademie geherrscht. Die Ordnungshüter räumten das letzte noch genutzte Verwaltungsgebäude, die Vier- bis Sechsbettzimmer wurden von Ehrenamtlichen mit Decken und Bettbezügen versehen.

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Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz, Ehrenamtliche des Vereins "Willkommen in Wertheim", Mitarbeiter der Stadtverwaltung und Bundeswehrsoldaten packten mit an, organisierten, halfen. Kleider- und Spielzeugspenden wurden abgegeben, eine Kleiderkammer aufgebaut.

Schließlich wurde der Dienstleister EHC mit der Betreuung und der Versorgung der teilweise über 1000 Flüchtlinge betraut, Diakonie und Caritas für die Kinder- und Sozialbetreuung verpflichtet. Vieles spielte sich ein, etliche Angebote, wie beispielsweise das Café "Kunterbunt", Sprachkurse oder auch Spiel- und Vorleseangebote gehören zum Spektrum.

306 Flüchtlinge aktuell

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Aktuell leben 306 Flüchtlinge in der EA. Doch die Einrichtung in Wertheim werde im Laufe des Jahres 2017 geschlossen werden, bekräftigte Wolfgang Reimer, Präsident des Regierungspräsidiums Stuttgart, Anfang dieser Woche. Von "schnellstmöglich", wie im vergangenen Herbst noch formuliert, war allerdings nicht mehr die Rede. "Das hängt auch von den bestehenden Verträgen ab", erläuterte Carsten Dehner, Sprecher des Innenministeriums auf FN-Anfrage. Mit dem Dienstleister EHC und dem Sicherheitsdienst laufen die noch bis Mitte September dieses Jahres, Caritas und Diakonie haben sich bis zum Oktober 2018 verpflichtet, die Sozial- und Kinderbetreuung zu übernehmen.

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"In Wertheim wurde und wird sehr gute Arbeit geleistet. Wir werden die Umsetzung mit allen Partnern begleiten und einvernehmliche Lösungen finden", zeigt sich der Regierungspräsident zuversichtlich. Denn nur ein Standort pro Regierungspräsidium wird bestehen bleiben: Ellwangen. Auch das von Mirko Göbel ausgearbeitete Konzept, in Wertheim besonders schutzbedürftige Menschen unterzubringen, hatte nicht gefruchtet. Die Wahl für diese Aufgabe im Land fiel auf Karlsruhe und Tübingen.

Abzusehen ist deshalb die Schließung der Wertheimer EA. Nach allem, was zu hören ist, ist der September wohl das wahrscheinliche Datum. "Wir warten auf die politische Entscheidung des Innenministeriums", so EA-Leiter Mirco Göbel, der die Stimmung bei den Mitarbeitern dennoch als "gut" bezeichnet. "Die Mitarbeiter konzentrieren sich auf ihre Arbeit, und es gibt jede Menge zu tun", beschreibt er die Situation. Für die über 100 Beschäftigten hofft er auf gute Lösungen. Schließlich seien auch Menschen aus dem Niedriglohnsektor, aus der Langzeitarbeitslosigkeit und solche mit Migrationshintergrund eingestellt worden. "Das stellt uns vor ein Problem." Gerade deshalb setzt er sich für "saubere Lösungen" ein.

Bereits zum Jahresende 2016 habe sich vor dem Hintergrund der im November angekündigten EA-Schließung der Caritasverband im Tauberkreis aus der Verfahrens- und Sozialbetreuung zurückgezogen, wie Caritas-Vorstandsmitglied Michael Müller bestätigt. Das Diakonische Werk Main-Tauber-Kreis ist nach Angaben von Alex Schuck noch mit 3,8 Stellen im Einsatz.

Als Team zusammengewachsen

"Wir sind als Team zusammengewachsen", erläutert er. Derzeit habe man noch alle Hände voll zu tun, die Nachfrage nach Beratung sei riesig. Was ihn an der drohenden Schließung ärgert: Es werde gute Arbeit gemacht und die Kosten in Wertheim gehörten zu den niedrigsten im Land. Die Schließung der Einrichtung sei eine rein politische und nicht an der geleisteten Arbeit ausgerichtete. Dennoch wollen er und sein Team nicht nachlassen: "Wir werden versuchen, alles anzubieten, bis wir tatsächlich schließen."

Anschlussunterbringung

Auch der Verein "Willkommen in Wertheim" hat sein ehrenamtliches Engagement in der EA aufgegeben. "Wir kümmern uns jetzt um das Thema, für das wir ursprünglich angetreten sind. Bei der kommunalen Anschlussunterbringung liegt unser Schwerpunkt", erläutert Walter Hörnig. Schließlich rechne man mit rund 200 Menschen, die nach Wertheim kommen werden. Und da reiche es für eine echte Integration nicht, nur einen Deutschkurs zu bezahlen.

Wenn die EA in diesem Jahr schließt, bleibt die Frage der Nachnutzung. Wertheims OB Stefan Mikulicz sagte bereits im Herbst vergangenen Jahres: "Das Land muss Farbe bekennen und liefern." Wiederholt hatte er kritisiert, dass eine gut funktionierende Einrichtung wie die der Polizeiakademie ohne Nachnutzungskonzept aufgegeben worden sei, und immer wieder für eine Reaktivierung plädiert.

Der Meinung hatte sich Landtagsabgeordneter und CDU-Fraktionsvorsitzender Prof. Dr. Wolfgang Reinhart angeschlossen. Eine Evaluierung der Polizeireform stehe an. "Wir werden die Unterlagen zur Prüfung und Beurteilung frühestens Ende März erhalten", so Reinhart. Eine Expertenkommission werde sie dann auf Herz und Nieren prüfen. Ab Mai stünden neue Beratungen an. Im Moment werde großer Wert darauf gelegt, dass sich das Innenministerium - in Absprache mit den Fraktionen- gute tertiäre Einrichtungen überlegt.

Lage an der A3 ideal

"Ich begrüße eine weitere kluge und sinnvolle Nutzung des Areals auf dem Reinhardshof. Schließlich haben wir in die Polizeiakademie über elf Millionen Euro investiert", begründet Reinhart sein Engagement. Gut kann er sich eine Reaktivierung der Polizeiakademie vorstellen. Die Lage an der A3 sei strategisch ideal. Und außerdem: "Es muss nicht alles nach Böblingen, die Region mit dem ohnehin höchsten Bruttoinlandsprodukt im ganzen Land, gehen." Für die Mitarbeiter der EA-Wertheim setzt er auf gute sozialverträgliche Lösungen. Reinhart: "Es gibt keinen Grund dieses Thema mit falscher Hektik anzugehen."

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber