Bronnbacher Archivalien - Nicht nur auf der Burg, auch "unten in der Stadt" gab es Frauen auf wichtigen Positionen / Susanna Catharina Firnhaber war eine davon Fast zehn Jahre lang Leiterin des Spitals

Von 
Dr. Robert Meier
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Eine Hospitalrechnung zu Wertheim 1692/93, angefertigt von Johann Bernhard Firnhabers Witwe (Vorlage: Staatsarchiv Wert-heim).

© FN

Bronnbach. Dass Frauen in der Geschichte Wertheims bedeutende Rollen gespielt haben, ist den Lesern dieser Kolumne nicht unbekannt. Barbara von Wertheim und Catharina von Eberstein kamen hier schon vor, die im 16. Jahrhundert die Grafschaft (mit-)regierten, und auch über Anna von Löwenstein und ihre Rolle auf der Wertheimer Burg wurde in der losen Reihe der "Bronnbacher Archivalien" bereits berichtet. Man muss aber gar nicht nach oben auf die Burg sehen, um Wertheimerinnen auf wichtigen Positionen zu erleben. Unten in der Stadt gab es das auch.

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In der Vormoderne dachte man, auch was die Arbeit anging, in Familien. Natürlich war der Familienvater das Oberhaupt des Ganzen, aber bei der Erledigung der Arbeit waren alle eingebunden. Jeder wie er konnte. Und wenn der Vater starb, machte die Familie meist trotzdem weiter. War der Mann ein Handwerksmeister gewesen, erledigten die Gesellen die Arbeit, während die Witwe durchaus eine Zeit lang die Geschäfte führen konnte. Also etwa die Backstube leiten oder die Apotheke. Irgendwann musste sie dann allerdings heiraten, weil sie als Frau in manchen Dingen nicht voll geschäftsfähig war. Denn auf der juristischen Seite gab es keine Gleichberechtigung. So konnten Frauen theoretisch keine Prozesse vor Gericht führen, dafür brauchten sie einen Vertreter. In der Wertheimer Praxis sah dies allerdings oft anders aus. Schreiben von Frauen an die Wertheimer Kanzlei gibt es in großer Zahl. Frauen hatten keine Probleme, ihre oder die Interessen ihrer Familien zu vertreten. Manche vertraten auch ihre Männer in deren Ämtern, nachdem die verstorben waren. Die Angehörigen machten weiter, als wäre das Amt der Familie übertragen worden.

1623 versah nach dem Tod des Schlosstürmers für ein dreiviertel Jahr seine Witwe Dorothea den Dienst auf dem Burgturm, unterstützt von ihrer Familie. 1679 fungierte Barbara Felicitas Bessel nach dem Tod ihres Mannes als "Forstmeisterin", eine gewichtige Position, in der sie für die Holzversorgung in Wertheim zuständig war und die herrschaftlichen Jagden organisieren musste.

Sohn "orgelte", Mutter kassierte

1687 scheint sogar eine Organistenwitwe den Orgeldienst in der Stiftskirche versehen zu haben. Jedenfalls quittierte Anna Susanna Pisentlin über das entsprechende Gehalt. Das scheint allerdings schon etwas merkwürdig, wenn man an die notwendigen Orgelkenntnisse denkt. Vielleicht hatten die Pisentlins auch einen Sohn, den der Vater angelernt hatte. Der könnte nun georgelt haben, während die Mutter für ihn das Geld kassierte und die Quittung unterschrieb.

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Eine herausragende Wertheimer Frau war Susanna Catharina Firnhaber. Sie leitete nach dem Tod ihres Mannes 1691 für fast zehn Jahre das Wertheimer Spital. Bereits zu Lebzeiten ihres Mannes hatte sie bei Zahlungen des Spitals häufig als "Spitalmeisterin" quittiert. Sie hatte also sozusagen Prokura. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie dann Leiterin einer Dienststelle mit sechs Mitarbeitern - drei Knechten, einer Hausmagd und zwei Viehmägden. Das Hospital versorgte die dort lebenden Pfründner, es hatte dafür eine eigene Landwirtschaft, Weinbau und Vieh. Zugleich war das Hospital auch eine Bank. Es verlieh Geld gegen Zinsen und versuchte so, sein Stiftungsvermögen zu erhalten.

Die Rechnung des Hospitals beginnt mit vielen Seiten Zinszahlungen über meist kleine Summen. Die Kreditnehmer saßen in Wertheim und nahezu sämtlichen Grafschaftsdörfern. Dann wurde Hafer, Korn, Dinkel und Gerste verkauft und Vieh, Federvieh und Schweine. Zugekauft wird Fleisch, Brennholz, Brot, Gewürze, Salz.

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All dies muss die Firnhaberin erledigt haben, inklusive der damit verbundenen Verhandlungen. Dafür erhielt sie als Besoldung von den Wertheimer Grafen (das Hospital war eine herrschaftliche, keine städtische Einrichtung) 50 Gulden jährlich, exakt dieselbe Summe, die ihr Mann bekommen hatte. Man darf hier also lobend feststellen, dass es keine Versuche gab, das Gehalt zu drücken, nur weil nun eine Frau am Ruder war. Ob Susanna Catharina Änderungen am Speiseplan des Hospitals vornahm, lässt sich allerdings nicht sagen. Nach wie vor kaufte, schlachtete und verspeiste das Hospital jährlich einige Ochsen. Fast zehn Jahre als Dienststellenleitung in einer recht komplexen Aufgabe sind jedenfalls eine lange Zeit. Man darf wohl annehmen, dass man mit der Arbeit von Susanna Catharina Firnhaber zufrieden war, sonst wären diese zehn Jahre kaum zustande gekommen.

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Heute ist im ehemaligen Wertheimer Spital bekanntlich das Kulturhaus untergebracht.

Susanna Catharina kann damit als legitime Vorgängerin von Michaela Stock gelten, die heute am gleichen Ort die städtische Bücherei leitet.